Serbien

Nationalsozialismus und Holocaust im Schulunterricht

Holocaust und Nationalsozialismus stehen in den meisten Schulen auf dem Lehrplan und werden in Schulbüchern behandelt. Doch beim internationalen Vergleich fallen große Unterschiede in der historischen Darstellung und Einordnung des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs auf.

Geschichtsbücher als Spiegel der Zeit

Foto Privat
Interview mit Dubravka Stojanović

Foto PrivatDubravka Stojanović beschäftigt sich mit der Sozialdemokratie in Serbien und auf dem Balkan im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Forschung liegt auf der Interpretation der Geschichte in neueren serbischen Geschichtsbüchern, was auch Thema dieses Interviews ist. Dubravka Stojanović ist Autorin von Ergänzungsmaterialien für den Geschichtsunterricht, die in 11 Ländern Südosteuropas verwendet werden und gleichzeitig Beraterin der Vereinten Nationen für Fragen zu Geschichte und Gedenken sowie Mißbrauch der Geschichte in der Bildung.

Sie bezeichnen Geschichtsbücher als „Spiegel der Zeit“. Kann man aktuelle serbische Geschichtsbücher und die darin enthaltene Darstellung des Zweiten Weltkrieges mit den Geschichtsbüchern aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien oder der frühen Nachkriegsphase in den 1990er Jahren vergleichen?

Würde diesen Vergleich ein nicht informierter Beobachter vornehmen, so würde dieser gar nicht bemerken, dass es sich um ein und dasselbe Ereignis handelt. Im Vergleich zur Zeit des Sozialismus hat sich das Bild ganz und gar verändert, ja es ist sogar konträr. Konkret sieht es so aus: früher gab es dort Angaben zur Kollaboration der Tschetniks, die gibt es heute nicht mehr; nun gibt es Versuche, Belege für die Kollaboration der Partisanen zu finden; früher wurden die Verbrechen der Tschetniks aufgezeigt, heute sind diese gestrichen, dafür werden da die Abrechnungen der Partisanen mit den Gegnern erwähnt! Die guten und bösen Jungs haben also die Plätze getauscht. Nicht weniger interessant waren auch die Schulbücher aus der Milošević-Zeit. Darin kam dieses ideologische Amalgam zum Ausdruck, das Grundlage seiner Herrschaft war – eine Mischung aus Kommunismus und Nationalismus. Man verblieb also bei den Partisanen als den positiven Siegern, allerdings erschienen zum ersten Mal auch die Tschetniks als antifaschistische Bewegung. Die Zeit des Milošević war also im wahrsten Sinne eine Transition, denn sie ruhte auf den zwei „geschichtlichen Stützen“ (Tschetniks und Partisanen). Nach dem Sturz Miloševićs brach die eine – die Partisanenstütze – ganz und gar weg. Wir sprechen deshalb vom Spiegel der Zeit, denn anhand von Bildern der Vergangenheit sind wir in der Lage, ideologische und politische Bewegungen ganz genau zu detektieren.

Zwischen 1945 und 1965 wurden in Jugoslwaien mehr als 30.000 Monografien, Sammelschriften und Artikel über den Volksbefreiungskampf (Narodno oslobodilačka borba – NOB) und die sozialistische Revolution verfasst, es wurden mehrere Tausend Denkmäler aufgestellt, und es entstand ein neues Filmgenre, „der Partisanenfilm“. Damit sollte die kommunistische Herrschaft legitimiert und die Ideale des Partisanenkrieges transponiert werden. Welche Rolle spielten dabei der Geschichtsunterricht und die Geschichtsbücher?

Sie waren programmatische Vorreiter. Das Problem dabei war jedoch, dass es keine Übereinstimmungen gab zwischen „offiziellem Erinnern“ und persönlichem Erinnern, weil sich die Bürger in ihren eigenen Auslegungen der Vergangenheit an die ihrer Familien, ihrer Umgebung, Gegend oder Region hielten, oder sie hielten an ihrer eigenen Vergangenheitsinterpretation fest. Aus genau diesem Grund ist das Projekt des „sozialistischen Erinnerns“ gescheitert. Sobald es zum Ausbruch der Krise kam, wurde es verworfen. Die südslawischen Völker gingen zurück zu den Kriegsfronten, als hätten sie noch nie etwas von Brüderlichkeit und Einheit gehört. Brüderlichkeit und Einheit wurde als reine ideologische Anschwemmung erlebt und von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt. Hieran zeigt sich, dass der in der Schule stattfindende Unterricht ein offener Raum für den Pluralismus des Erinnerns und für verschiedene Interpretationen der Geschichte sein muss. Daran wird auch deutlich, dass erst ein kritisches Lernen in dieser Form ein Wertesystem ermöglicht, das weder monolithisch noch homogen sein darf.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Mittel- und Südosteuropa stützten eine Reihe von Staaten die eigene nationale Identität auf die Opferrolle. Eine große Zahl von Opfern des Zweiten Weltkrieges auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien scheint günstig zu sein für Manipulationen und Selbst-Viktimisierung?

Das tun alle und wie Amos Oz sagte, wir sind alle an einem großen weltweiten Wettbewerb beteiligt, in dem es darum geht, wer das größte Opfer ist. Besonders ausgeprägt ist das in unstabilen Ländern, die sich in einer ständigen, krampfhaften Suche nach ihrer Identität befinden. Sie greifen dabei am liebsten nach der Selbst-Viktimisierung, weil das eine ideale Position darstellt. So entsteht das Bild über die eigene Besonderheit, und man bekommt eine moralische Rechtfertigung für jegliche Misserfolge. Das ist von entscheidender Bedeutung, nicht zuletzt für die innere Kohäsion der Nation. Auf diese Art und Weise homogenisiert sie am leichtesten, Einzelne werden eine große Menge. All das kommt den autoritären Regierungen äußerst gelegen.

Inwieweit wird in den heutigen Geschichtsbüchern das eigene Volk nicht nur als Opfer, sondern auch als Täter bezeichnet, um die Denkweise und die Erkenntnis zu befördern, dass nicht nur eine historische Wahrheit und Auslegung existieren?

Das sind gegensätzliche Konzepte. Wenn Ziel die Selbst-Viktimisierung ist, dann schließt dieses Ziel die Multiperspektivität, ja sogar die Vergleichbarkeit aus. Opfer kann man nur selbst sein, und da darf es keine Konkurrenz geben. Da ist dann auch jeglicher Vergleich ausgeschlossen. Mithin liegt das Problem in der Mythisierung des Opfers, denn sie versetzt den Geschichtsunterricht in die Lage eines „Lieferanten“, der tagespolitische Bedürfnisse erfüllt, und das widerspricht dessen kritischer Bildungsfunktion. Unsere politische Kultur basiert auf dem Konzept der „einen Wahrheit“, mit anderen Worten, sie ist nicht pluralistisch, sondern ausschließend und im Kern undemokratisch. Das ist auch der Grund, weshalb der Geschichtsunterricht auf diese Weise gestaltet wird. Da haben wir wieder den Spiegel der Zeit.

Die Vergangenheitsbewältigung ist heute Bestandteil der deutschen Kultur des Erinnerns. Wird sich die europäische Perspektive positiv auf die Politik des Erinnerns in unserer Region auswirken und wird sie Vertrauen und Versöhnung ausbauen?

Nein. Unseren Gesellschaften und Politiken wohnen noch immer engstirnige Interessen inne, und diese werden verteidigt auf der Grundlage des negativen Bildes, das man vom Nachbarn hat. Ohne Nachbarn als Feind hätten unsere Eliten in der Politik nichts zu sagen. Sobald auch nur die geringste Krise aufkommt, lehnen sich alle gegen den Nachbarn auf und wähnen durch dieses politische Ventil, die Spannungen an sozialer Unzufriedenheit mindern zu können. Deshalb bezeichne ich den Geschichtsunterricht immer als „vormilitärische Ausbildung“. Der Unterricht ist ein stiller Speicher an Nationalismus, auf den man stets zurückgreifen kann. Wurde das einmal so in der Kindheit vermittelt, dann kann man das später immer wieder abrufen und dadurch die Emotionen anheben. Das brauchen unsere Regime zum Überleben, das brauchen auch viele Teile der Gesellschaft. Deshalb ist die Vergangenheitsbewältigung etwas, das den politischen und gesellschaftlichen Bedürfnissen widerspricht. Erst wenn sich eine Modernisierung in den Gesellschaften vollzogen hat, werden diese auch bereit sein, von ihrem paranoiden Bild der Vergangenheit abzurücken. Unsere Aufgabe ist es, durch regemäßiges Thematisieren und stetige Aktionen, diesen Wandel der Gesellschaft in Gang zu setzen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Gesellschaft zwischen ihren beiden Lieblingsextremen – dem Schlaf oder dem Hass – fortbesteht!

Dubravka Stojanović wurde 1963 in Belgrad geboren. 2001 erwarb sie ihren Doktortitel am Lehrstuhl für Allgemeine zeitgenössische Geschichte der Philosophischen Fakultät in Belgrad, ihr Dissertationsthema lautete „Europäische demokratische Vorbilder bei der serbischen intellektuellen und politischen Elite 1903-1914“. Seitdem ist Dubravka Stojanović Dozentin am Fachbereich Geschichte, Lehrstuhl für Allgemeine zeitgenössische Geschichte. 2008 wurde sie zur außerordentlichen Professorin ernannt. Stojanović ist Vizepräsidentin der im Rahmen des Zentrums für Demokratie und Versöhnung in Südosteuropa in Thessaloniki tätigen Kommission für Geschichtsunterricht. In Zusammenarbeit mit Prof. Milan Ristić hat sie das Buch "Djetinjstvo u prošlosti 19. i 20. stoljeće – Dodatni materijali za nastavu" (Kindheit in der Vergangenheit 19. und 20. Jahrhundert - zusätzliche Unterrichtsmaterialien für weiterführende Schulen), das in 11 Ländern Südosteuropas verwendet wird, herausgegeben. Für das Buch „Serbien und Demokratie: 1903-1914“ wurde ihr der Preis der Stadt Belgrad für gesellschaftliche und humanistische Wissenschaften im Jahr 2003 verliehen. 2011 wurde sie vom Belgrader "Centar za mir i razvoj demokratije" (Zentrum für Frieden und Entwicklung der Demokratie) für ihr Engagement im Versöhnungsprozess durch den Geschichtsunterricht in Südosteuropa ausgezeichnet.