Kulturelle Bildung

Kulturelle Bildung

Foto Damir Žižić
Ein Gespräch mit Anja Schütze

Foto Damir Žižić

Zahlreiche internationale Deklarationen und Konventionen haben das Ziel, das Recht auf kulturelle Bildung als kulturelles Grundrecht zu sichern. Der Begriff hat Hochkonjunktur. Was ist kulturelle Bildung? Anja Schütze ist in Berlin als Bundestutorin in den Freiwilligendiensten Kultur und Bildung für die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V. (BKJ) tätig und hat erfolgreich Programme zur kulturellen Bildung umgesetzt.

Die Vorstellungen über Inhalte und Zielsetzung von kultureller Bildung gehen weit auseinander. Wie definieren Sie kulturelle Bildung?

Kulturelle Bildung ist Persönlichkeitsbildung MIT und IN den Künsten. Sie ist zugleich Voraussetzung für kulturelle Teilhabe und Bestandteil von Allgemeinbildung. Tanz und Musik, Spiel und Theater, kreatives Schreiben, Foto und Film sind dabei Kommunikations- und Gestaltungsmittel die Welt mit kreativer und sozialer Phantasie zu deuten, sie sinnlich zu begreifen und aktiv zu verändern. Kulturelle Bildung unterstützt die Entwicklung einer selbstbewussten Persönlichkeit, verhilft einen eigenen Platz finden und macht Spaß.

Kulturelle Bildung hat viele Akteure. Wie sieht es mit der Verantwortung von Schulen und außerschulischen Kultureinrichtungen aus?

Damit alle Kinder und Jugendlichen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen und unabhängig von finanziellen Möglichkeiten Zugang zu Kultureller Bildung bekommen, braucht es viele Akteure der kulturellen Bildung, die sich nicht als Konkurrenten, sondern als PartnerInnen verstehen. Auf der einen Seite sollten die musisch- künstlerischen Fächer in der Schulbildung selbstverständlich dazu gehören, darüber hinaus sind zusätzliche, freiwillige und nicht benotete kulturelle Angebote wichtige Gelegenheiten, um von kultureller Bildung zu profitieren. Dazu gehören einmalige Angebote, wie Workshops oder Ferienfreizeiten und vor allem kontinuierliche außerschulische Angebote in kulturpädagogischen oder künstlerischen Einrichtungen, wie beispielsweise Jugendclubs an großen Theatern oder Videokurse an Jugendkunstschulen. Ein neues, spannendes Feld ist die Entwicklung der Ganztagsschulen, an denen Schule und außerschulische Kultureinrichtungen eng kooperieren und gemeinsame Angebote schaffen. Mit ihrem Geschäftsbereich „Kultur macht Schule“ bündelt die BKJ Informationen, Entwicklungen und gibt Impulse rund um die Themen Kooperation zwischen Kultur und Schule, kulturelle Schulentwicklung und lokale Bildungslandschaften.

Eine Herausforderung in Deutschland ist sicherlich die Auseinandersetzung mit dem Thema Einwanderungsgesellschaft. Die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) spricht teilweise davon, kulturelle Bildung sei per se interkulturelle Bildung.

Die BKJ fühlt sich dem Konzept der Transkultur verbunden, in dem jeder Mensch als ein Hybrid aus unterschiedlichen kulturellen Anteilen und individuellen Prägungen wahrgenommen wird und wendet sich damit gegen ein Verständnis von statischen Kulturen, in denen Menschen gleiche Merkmale und Verhaltensweisen zugeschrieben werden. Wenn also ein sportliches Mädchen, welches mit mehreren Geschwistern auf einem Biobauernhof in einem süddeutschen Dorf aufwächst in einem Tanzworkshop auf einen Berliner Jungen trifft, der gern zeichnet, derzeit in einer Wohngemeinschaft mit mehreren Familien lebt und alle drei Jahre die Metropole wechselt, weil seine Mutter für ein internationales Unternehmen arbeitet, dann lässt sich sehr wohl von einer interkulturellen Begegnung sprechen. Auch wenn beide Kinder formal deutsch sind, so unterscheiden sie sich unter anderem in ihrem regionalen, familiären, finanziellen und geschlechtlichen Hintergrund und haben unterschiedliche Interessen und Zugänge zu internationalen Situationen. In der kulturellen Bildung begegnen sich transkulturelle Wesen und tauschen sich über ihre Wünsche, Gedanken und Realitäten aus. Jenseits dessen kann für Beide der erste Opernbesuch ebenso eine herausfordernde Begegnung mit der Fremde darstellen!!

Welche Rolle spielen Formate kultureller Bildung in der historisch-politischen Bildung? Wo sind die Chancen und wo Probleme und Grenzen?

In der Beschäftigung mit historischen Themen geht es um sehr komplexe Fragen, auf die es nicht nur eine und auch meist keine einfache Antwort gibt. Ästhetische und kreative Auseinandersetzung lassen Mehrdeutigkeit und Widerspruch zu und geben Raum für die Bearbeitung von Emotionen, die in klassischer- historischer Bildung häufig zu kurz kommen. Individuelle Reaktionen, Gedanken und Perspektiven in Bildern, Texten und Musik Ausdruck zu verleihen und sich damit eine eigene Position zu erarbeiten, ist aus meiner Sicht das große Potential in der Zusammenführung von kultureller und historisch-politischer Bildung. Besondere Sensibilität und inhaltliche Vorbereitung ist von der Anleitung im Bezug auf die Auseinandersetzung zwischen freier Meinungsäußerung und Geschmacklosigkeit, Banalisierung und Menschenverachtenden Äußerungen gefordert.

Sie selbst arbeiten derzeit an einem Zeitzeugenprojekt in einer Schule. Wie kann es gelingen, dass Jugendliche den Nationalsozialismus und Holocaust in seiner gesamten Komplexität wahrnehmen?

Ich glaube, dass es vielseitige und mehrfache Angebote zur Auseinandersetzung mit dem Thema braucht. Ein rein faktenbasierter historischer Sachunterricht reicht nicht aus, um die Komplexität mit allen Sinnen zu begreifen. Geschichtsunterricht fasst das Geschehen zusammen, bringt es in eine chronologische Abfolge, nimmt meist eine Perspektive ein und vermittelt den Eindruck, dass Opfer oder Täter jeweils homogene Gruppen waren, die das Geschehen ähnlich erlebt haben. Tatsache ist jedoch, dass jeder Mensch den Nationalsozialismus anders erlebt hat. Aus diesem Grund halte ich es für notwendig individuellen Geschichten Raum zu geben. Die Arbeit mit Zeitzeugeninterviews ermöglicht es, dass Überlebende ihre Erlebnisse und Erfahrungen darstellen können. In den vergangenen Jahren haben die Besuche von Zeitzeugen im Schulunterricht gezeigt, dass Schüler-Innen lange und interessiert zuhören können, viele Fragen haben und über den persönlichen Kontakt ein Gefühl zu den komplexen und schwer fassbaren Ereignissen aufbauen können und es nicht als ein historisches Ereignis wahrnehmen, das mit uns nichts mehr zu tun hat. Ob das mittels Video auch gelingen kann, wird die Zukunft zeigen.

Anja Schütze, geboren 1978 und aufgewachsen in der Nähe von Dresden. Nach dem Studium der Kultur- und Medienpädagogik an der Hochschule Merseburg kam sie mit der BKJ in Berührung, ihrer hauptberuflichen Tätigkeit. Für knapp zehn Jahre begleitete sie Freiwillige und Einsatzstellen in verschiedenen Bundesländern durch das FSJ Kultur. Des Weiteren ist sie zertifizierte Business Cultural Trainerin (London) und gründete 2007 gemeinsam mit Sophia Stepf das Label Culture for Competence, unter welchem sie Workshops und transkulturelle Trainings anbietet. Neben ihrer freiberuflichen Tätigkeit für wechselnde Filmprojekte (u.a. in Deutschland, Indien und Afghanistan), für welche sie beispielsweise 2004 ("Barbershop Politics") mit dem 3sat Nachwuchspreis prämiert wurde, ist sie heute in Berlin als Bundestutorin in den Freiwilligendiensten Kultur und Bildung tätig.
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