Kulturelle Bildung

Mein Aufschrei aus dem Munde der Kinder

Petra Döring
Ivan Ivanji über das Theaterstück der SchülerInnen des Dritten Belgrader Gymnasiums

Ich fühle eine Verpflichtung vom Holocaust zu sprechen. Um so mehr, desto weniger von uns am Leben sind, die wir Zeugnis ablegen können über diese böse Zeit. Gleichzeitig schien mir das, was ich zu sagen habe, immer sinnloser, es schien mir als ob es kaum jemand hören wollte, als ob niemand eine Zukunft wünschte, die sich an meine schreckliche Zeit erinnert. Insbesondere in Serbien, in Belgrad, das so gründlich von Juden gesäubert ist. Und dann haben die Schüler des Dritten Belgrader Gymnasiums geschrien, auf der Bühne des Bitef-Theaters. Dieser Schrei der Mädchen und Jungen, siebzig Jahre jünger als ich, war mein Heulen, mein Protest, dass die Welt so ist wie sie ist, mein Hilferuf nach den Eltern, das Weinen um meine Toten, zu dem ich nie fähig war.

In Deutschland und Österreich wurde ich viele dutzende Male eingeladen vor verschiedenem Publikum über Konzentrationslager zu sprechen, am häufigsten in Schulen, in Serbien bis vor Kurzem nicht ein einziges Mal. Es ergibt sich von selbst, dass in dem Land, das für den Holocaust verantwortlich ist, das Interesse anders ist als bei uns [in Serbien]. Deswegen war ich über die Einladung von Jelena Kručičanin, Lehrerin am Dritten Belgrader Gymnasium, überrascht und habe mich gerne bereit erklärt, am 23. Oktober letzten Jahres in die Schule zu kommen und mit den Schülern, die sich im Rahmen eines Projekts speziell damit befassen, über das Thema zu sprechen. Prinzipiell bin ich immer dazu bereit, über den Holocaust zu sprechen, ich betrachte es als meine Verpflichtung, eine Verpflichtung aller, die wir wie durch ein Wunder noch am Leben sind und die wir bezeugen können was sich tatsächlich ereignet hat, aber im ersten Augenblick habe ich diesem Gespräch mit den Gymnasiasten keine besondere Bedeutung zugemessen. Erst ein halbes Jahr später werde ich erfahren, dass ich mich auf etwas eingelassen habe, das mich in Begeisterung versetzten wird. […]

Ich kann das Genre der szenischen Darstellung, die ich besucht habe, nicht festlegen. Während das Publikum eintritt, liegen reglos zwanzig junge, dürftig bekleidete Körper im Raum, einer über den anderen geworfen, in gespenstischem Zwielicht. Es erinnert an die Haufen toter Internierter, die die Befreier der Konzentrationslager vorfanden, und die Darsteller, Schülerinnen und Schüler des Dritten Belgrader Gymnasiums, liegen unbeweglich, man könnte meinen ohne zu atmen, fünfzehn Minuten, bis das Publikum endlich auf seinen Plätzen ist. Dann beginnen Monologe, Dialoge der Darsteller, direktes Ansprechen des Publikums mit scharfen, provokanten und verstörenden Fragen, es erscheinen Chöre wie in der antiken griechischen Tragödie, Lieder, Tänze, teils beinah verrückt anmutende, unermüdliche, rhythmische Bewegungen der Masse. Die Ereignisse sind so intensiv, dass auch das Publikum den Atem verliert.

Es wäre soviel Zeit nötig, wie dieses Lamento selbst andauert, um all die Fragen aufzuzählen, die hier gestellt werden. Sie beginnen mit der Deklaration der Menschenrechte, und leiten dann über auf Hitler, mit der Feststellung, dass wir alle Hitlers Namen kennen, niemand jedoch die Namen derjenigen, die dieses wichtigste Dokument über die Menschenrechte erarbeitet haben, das für uns alle gilt, an das sich aber praktisch niemand hält. Bedeutet das, dass wir alle auf eine Art Bewunderer Hitlers sind? Diese Frage wird so ironisch gestellt, so zynisch, dass es ins Mark trifft. Sechs Millionen Ermordete in Auschwitz werden erwähnt und es beginnt ein Zählen bis sechs Millionen, es wird davon gesprochen, wie viel Zeit man dafür bräuchte, und dass man schon vom zählen verrückt werden würde, geschweige denn, vom Töten von sechs Millionen Menschen. Die Vergangenheit der Groß- und Urgroßväter der Darstellenden wird erfragt, von damaligen Tschetniks und Partisanen, und nur ein Mädchen sagt, dass sie stolz auf einen ihrer Vorfahren sein kann. Die Geschichte der Zivilisation wird durchlaufend und die Behauptung aufgestellt, dass diese eine Geschichte des Holocaust und der Massenmorde ist.

Viel wird über die Mahnmale in Belgrad gesprochen, über die, die es nicht gibt, und die, die es gibt und die wir nicht bemerken, wie das Denkmal der fünf Menschen, die die Deutschen an der Straßenlaternen der Terazije aufgehängt haben, am 17. August 1941 – einen Schüler, einen Schneider, einen Schuster und zwei Landarbeiter. Das Denkmal steht genau dort, und wir stoßen uns beinahe daran, wenn wir über die Terazije eilen, und uns fragen was diese „störende“ Säule da soll, nur die Diebe kennen es, die die Bronzetafel mit dem erklärenden Text geklaut haben. […]

Die Darsteller, Gymnasiasten, Amateure im besten Sinne des Wortes, sprechen ohne Pathos, wenn es sein muss scharf, wütend, wenn es sein muss zynisch, intensiv und anrührend, als Solisten und im Chor, der zum Symbol einer neuen Gemeinschaft wird. Von der Intensität her hat mich die Aufführung an „Kose“ in der Regie von Mira Trailović erinnert und vom Ausdruck des Schrecklichen her an „Haleluja“ von Lebović und Obrenović, aber ausgeführt mit dieser naiven, unschuldigen, leidenschaftlichen Energie, die vom Eindruck her alles das übertrifft, was Professionelle können. Nein, das ist keine professionelle Theateraufführung, es ist ein szenisches Rätsel und ehrliche Trauer. Ich denke Bertolt Brecht hätte laut applaudiert und gesagt, dass das der am besten verstandene V-Effekt war, aber Theatertheorie ist hier nicht wichtig. [...]

Schon ab der Hälfte der Vorstellung habe ich mich gefragt: wie werden sie das Ende hinbekommen, auf eine würdige und dramaturgisch ergreifende Art? Mit welchen Worten? Es gibt diese Worte nicht. Und dann haben diese zweiunddreissig Gymnasiasten ein unartikuliertes Geschrei angestimmt. Ein Gebrüll, dass mir die Tränen in die Augen trieb. Dieser Schrei der Mädchen und Jungen, siebzig Jahre jünger als ich, war mein Heulen, mein Protest, dass die Welt so ist wie sie ist, mein Hilferuf nach den Eltern, das Weinen um meine Toten, zu dem ich nie fähig war, der verzweifelte Todesschrei von uns Überlebenden dieser Zeit des Bösen, die wir verstummt sind, weil wir nicht mehr wussten, was wir noch sagen sollten oder weil wir ermordet, erstickt, getötet wurden... Jemand hat uns verstanden, jemand hat mich verstanden.
Danke, Kinder.

Auszüge aus einem Text von Ivan Ivanji über den heutigen Umgang mit der Geschichte des Holocaust in Serbien, erschienen am 4. Juni 2015 in der serbischen Wochenzeitung Vreme. Der Schriftsteller Ivan Ivanji, geboren als Sohn einer jüdischen Familie am 42.1. 1929 in Grossbetschkerek (heute Zrenjanin), Jugoslawien, ist Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald, in die er nach seiner Verhaftung in Novi Sad Ende April 1944 verschleppt wurde.

Quelle: Staro Sajmište