Kulturelle Bildung

Reaktion auf das System als Ganzes

Simboli mržnje
von Iva Rosandić

Die SchülerInnen, die am Projekt Doppelte Last teilgenommen haben, zeigten wie Oral History als eigenständige Disziplin und in etwas abgewandelter Form Ausgangspunkt für hervorragende künstlerische Arbeiten sein kann.

Da die Bildungspolitik widersprüchlich ist und im Wesentlichen auch deren Ansatz nicht definiert ist, unterliegt sie direkt den jeweiligen Partikularinteressen der aktuell regierenden Parteien und stellt damit ein weit größeres Problem dar, als die unzulängliche Herangehensweise an potentiell kontroverse Themen. Während der humanistische Bildungsansatz als veraltet und störend gilt, werden die Überreste der kulturellen und künstlerischen Bildung marginalisiert, um keine Bedrohung mehr darzustellen. Unabhängig davon, was nach sogenanntem gesellschaftlichen Konsens als wichtig erachtet werden sollte, genügt bereits ein flüchtiger Blick auf die Lehrpläne und deren Umsetzung, um festzustellen, dass diese eine ideale Grundlage für ein hohes Maß an Indoktrination und allgemeiner Ignoranz sind, die durch eine proklamierte Wettbewerbs- und Gewinnerkultur nur noch gefördert werden.

Bereits seit längerem lässt sich in der Öffentlichkeit eine schizophrene Atmosphäre wahrnehmen, die durch das kritiklose Kopieren fremder Bildungssysteme miterzeugt wird. Doch zeigt schon der Versuch, nicht-formale Bildungsaspekte sporadisch in das Schulsystem zu integrieren, wie das Potential von allgemein relevanten und aktuellen Inhalten unzureichend ausgeschöpft wird. Das vom Goethe-Institut Kroatien im Rahmen eines Programms der Europäischen Union organisierte und von Petra Vidović koordinierte Projekt Doppelte Last zielt darauf, neue Methoden des Umgangs mit strittigen Themen zu erproben und zu allumfassendem Engagement in anderen Bereichen zu motivieren. Kern und Ziel des Projekts ist es, das künstlerische und kulturelle Engagement von Schülerinnen und Schülern zu fördern, um Kritikfähigkeit und eine Haltung gegenüber Fragen zu entwickeln, die die Gesellschaft als Ganzes belasten. Hier sollte das Lernen über Holocaust und Nationalsozialismus, mit Fokus auf den lokalen Kontext, Anstoß sein, kreative Lösungsansätze zu finden und sich aktiv ins Verhältnis zu setzen zu den Ereignissen, die das vergangene Jahrhundert geprägt haben und auch heute noch zu großen Teilen das Meinungsbild beeinflussen. Das Projekt unterstützt die Idee, selbstständig denkende und handelnde Individuen auszubilden, die einen eigenen Beitrag zur kritischen Interpretation historischer Phänomene leisten können, was folgerichtig auch auf andere systematisch vernachlässigte Themen übertragbar ist. Mit der Vielzahl von Teilnehmerinnen und Teilnehmern – von Lehrern über Pädagogen, Kulturschaffenden und Künstlern bis hin zu den Schülerinnen und Schülern – wurde versucht, eine unergiebige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sowie eine faktenbasierte Geschichtsvermittlung außerhalb des gesellschaftlich relevanten Rahmens zu vermeiden.

Wie groß das Projekt Doppelte Last ist, zeigt schon die Anzahl der involvierten Länder: neben Kroatien sind auch Deutschland, Serbien, Ungarn sowie Bosnien und Herzegowina beteiligt, offizielle Partner sind Documenta – Zentrum zur Vergangenheitsaufarbeitung (Zagreb), Forum für Angewandte Geschichte (Belgrad), Festival des jüdischen Films (Zagreb), Historisches Museum Bosnien und Herzegowina (Sarajevo) und die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora (Weimar) sind. Die gegenwärtige Situation zeigt uns wie es der Erziehung einer Generation bedarf, die sich, wenn sie denn gesellschaftliche Widersprüche erkennt, leichter in das Gemeinschaftsleben integrieren kann. Aufgrund dessen betrachtet das Projekt die Besonderheiten und historische Last jedes einzelnen Teilnehmerlandes und setzt diese ins Verhältnis zu allgemeinen Geschehnissen in der Geschichte. Leider werden solche Bildungsprogramme ausschließlich experimentell und auf freiwilliger Basis durchgeführt, so dass die Zahl der Beteiligten begrenzt ist. Aus Kroatien haben das Gymnasium Fran Galović aus Koprivnica und die Mittelschule Ban Josip Jelačić aus Zaprešić teilgenommen, was auf die Tendenz zur Einbindung von Städten außerhalb von Zagreb verweist.

Nach einer Reihe von gemeinsamen Workshops und Vorträgen wurde jeder Schule ausreichend Freiheit gelassen, um nach ihren Vorstellungen kreative Ideen zu entwickeln. Die kürzlich organisierte Intervention in Koprivnica mit dem Titel Mapping Koprivnica ist ein Beispiel für die Vermittlung historischer Erinnerung im öffentlichen Raum und der symbolischen Annäherung von Menschen, die den gleichen Raum zu unterschiedlichen Zeiten teilen. Das Konzept zu dieser künstlerisch-pädagogischen Intervention entwickelte Saša Šimpraga, gestaltet wurde es von den Schülern mit Unterstützung der Designerin Petra Milički und der Szenografin Ana Ogrizović. Die parallele Vorführung der Dokumentarfilme der Schüler aus Zaprešić und Veszprém und die damit verbundene Diskussionsrunde mit Maja Dubljević aus Documenta zu den Methoden der Oral History lenkte unsere Aufmerksamkeit dagegen auf die Überschneidung von historischen Inhalten und Popkultur sowie auf das Problem des Vergessens dunkler Episoden aus der nicht so fernen Vergangenheit.

Während der Film der Schüler aus Zaprešić den Fokus auf die Gegenwart legt, indem sie Gleichaltrige mit ihren eigenen widersprüchlichen Ansichten hinsichtlich des Gebrauchs, der Hervorhebung und der Verwendung negativ behafteter Symbole konfrontieren, rekonstruiert der ungarische Film mithilfe von Archivmaterialien die Vergangenheit und unterstreicht dadurch die Bedeutungsleere, die durch das Verschwinden von Zeitzeugen entsteht. Wir wurden Zeugen völlig unterschiedlicher Ansätze, sich dem Thema anzunähern, wobei der unterschiedliche kulturelle Hintergrund eine untergeordnete Rolle spielte und eher die Palette verschiedenster Möglichkeiten des Dokumentarfilmgenres zum Tragen kam. Obwohl wir geneigt sind zu denken, dass ihre Bedeutung überwunden wurde, zeigt der Einzug scheinbar neutraler, veränderter oder offen rassistischer Symbole in die Bereiche der Popkultur den Bedarf ihrer Kontextualisierung hinsichtlich des Umfelds, in dem sie auftreten. Überraschend präzise wurde nicht Unwissenheit, sondern ganz bewusste Ignoranz sowie die Weigerung, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, als die wahre Ursache des Problems identifiziert.

Es ist schwer zu sagen, in welchem Maße der Film ein Produkt selbständiger Reflexion der Schüler ist und inwiefern er die Handschrift der Mentoren trägt. In jedem Fall ist er aber ein hervorragendes Beispiel dafür, wie die Idee des Lernens durch intellektuelles Engagement in verschiedenen Medien funktioniert. Noch wichtiger ist, dass das Publikum reagiert hat, sei es durch Kritik, das Bedürfnis, in die Selbstrechtfertigung zu flüchten oder durch Zustimmung, und damit ein Meinungsaustausch über den Kreis der Beteiligten hinaus ermöglicht wurde. Die Filmautoren betonten, wie sie das konzentrierte Arbeiten und die Recherche darin beeinflusst haben, eine artikulierte Haltung gegenüber den negativen Erscheinungen in der heutigen Gesellschaft einzunehmen. Gleichzeitig sind sie sich der tieferen Bedeutung einiger im Alltag präsenter Symbole bewusst geworden und haben von Grund auf ihre persönliche Wahrnehmung der Realität verändert und kritisch hinterfragt. Es musste nur die Neugier auf die verschiedenen Schichten der Wirklichkeit geweckt werden und das kreative Spiel konnte beginnen.

Die ungarischen Schüler versuchten, mit eine Reihe von authentischen Materialien aus ihrer tragischen Stadtgeschichte die Zuschauer auf emotionaler Ebene zu berühren. Das Mitgefühl sollte die zeitliche Kluft zwischen den Generationen überbrücken. Dabei thematisieren sie geschickt die Frage nach dem Verschwinden der Zeitzeugen und die Gefahr von Manipulation und Verantwortungslosigkeit bei ausschließlicher Nutzung von Archivmaterial. Archive ohne jegliches menschliches Element schaffen Distanz und entfalten kaum eine suggestive Wirkung, da sie als abgeschlossen gelten. Hier konnte Maja Dubljević über ihre konkrete Arbeit bei Documenta berichten. Als Redakteurin der mit Oral History produzierten Materialsammlung stellte sie die Vorteile dieser Methode dar. Grundsätzlich geht es dabei um die Suche nach authentischen Zeitzeugen und die Aufzeichnung ihrer Erinnerungen, sei es in Form von Audio- oder Videoaufnahmen oder Transkripten. Ziel der Methode ist es, künftigen Generationen von Wissenschaftlern eine ergiebige Materialsammlung von Eindrücken der Zeitgenossen, deren Leben die von zahlreichen Umbrüchen geprägte Geschichte verkörpert, zu hinterlassen. Auch wenn die Methode der Oral History auf einer ausgeprägten Subjektivität basiert, ist sie unerlässlich für die Darstellung tiefgreifender Veränderungen sämtlicher Lebensaspekte, die von äußeren Umbrüchen beeinflusst sind. Der Forscher und der Befragte werden in eine psychische Situation gegenseitiger Abhängigkeit gebracht, aus der leicht eine gegenseitige Beziehung mit Auswirkungen auf das Endergebnis entstehen kann. Schwierigkeiten beim Einsatz der Methode entstehen, wenn beispielsweise der Befragte unbeabsichtigt dahin gelenkt wird, die These des Forschenden zu bestätigen sowie selektive oder nachträgliche Erinnerung, inklusive späterer Erkenntnisse überwiegen. Trotzdem ist diese Methode in der sozialen Interaktion wichtig, gegen das drohende Vergessen oder die Wiederholung dieses dunklen Kapitels der Geschichte.

Das Problem mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs ist die nur noch kleine Zahl an lebenden Zeitzeugen, die als Einzige in der Lage sind, die Atmosphäre der Zeit widerzugeben. Es ist sicherlich kein Zufall, dass viele Dokumentarfilme mit Menschen gedreht werden, die die Wendepunkte der Geschichte miterlebt haben. Sie versuchen, hinter die Fassade der allgemein bekannten Tatsachen zu blicken. Besonders interessant scheint dabei das Phänomen der Massenmobilisierung für Ideen, von denen wir auf den ersten Blick geneigt sind zu behaupten, dass sie schwer realisierbar sind. Im vergangenen Jahr wurde auf dem Festival der Toleranz der Dokumentar-Essay Das radikal Böse von Stefan Ruzowitzky vorgestellt und weckte großes Interesse, da der Regisseur die Perspektiven umkehrte und nach Zeugnissen und Aufzeichnungen der Henker der Todesschwadronen suchte, die von Angesicht zu Angesicht zwei Millionen Juden ermordet haben. Obwohl wir dazu neigen zu glauben, dass es sich dabei um pathologische Fälle handelt, werden wir mit einer enormen Zahl von Bürgern konfrontiert, die sich durch nichts von uns unterscheiden. Der Film dient insofern als Medium zur Entschlüsselung der Ursachen für die erschreckende Tatsache, dass “Ungeheuer existieren, es aber zu wenige sind, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Wer gefährlich ist, das sind die normalen Menschen.” (Primo Levi).

Das Aufdecken verborgener und ungern ausgesprochener Fakten ist bereits der halbe Weg, damit diese sich nicht wiederholen. Und hier findet sich der didaktische und erkenntnisbringende Wert kultureller und künstlerischer Arbeiten bestätigt. Kunst hat das Potential, Menschen einzunehmen und sie ist tendenziös und ruft damit Reaktionen hervor. Allerdings kommen, wie bei allen historischen Untersuchungen, Zweifel hinsichtlich der Authentizität auf, da sich Menschen vor einer Kamera anders verhalten. Deshalb ist es für den Zuschauer wichtig, sich eine gesunde Skepsis zu bewahren, was im Übrigen auch seinen Blick für eine präzise Betrachtung der Wirklichkeit, mit all ihren Widersprüchen, schärft.

Die Projektbeteiligten haben genau dies getan: sie haben ein interessantes Thema gefunden und das Gelernte angewandt. Sie haben – ausgehend von historischen Tatsachen sowie eigenen Beobachtungen, entstanden durch die Rekonstruktion von Zeitzeugenaussagen – ihre Schlussfolgerungen materialisiert. Dabei hat sich gezeigt, auf wie vielen Ebenen die Werkzeuge der Oral History verwendet werden können, da Inhalte, die bisher nur einem ausgewählten Personenkreis vorbehalten waren, auch der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. In der Tat ist mit der Idee, dass eine absolute Wahrheit nicht existiert, sondern nur verschiedene Interpretationen derselben, Oral History als eigenständige Disziplin in modifizierter Form zur Grundlage für großartige Arbeiten geworden. Es ist offensichtlich, dass Bildungsprogramme, die auf einer ähnlichen Grundlage basieren, Vorurteile über Jugendliche, die passiv und selbstgenügsam seien, abbauen, und heute ausschließlich als deren natürliche Reaktion auf das System als Ganzes betrachtet werden kann.

Der Text ist am 4. April 2015 auf dem Internetportal kulturpunkt.hr erschienen und wird hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin veröffentlicht.