Kulturelle Bildung

Kinder verteidigen Sarajevo

Petra Vidović
on Dejan Kožul

Schülerinnen und Schüler des Obala Gymnasiums haben eine Fotoausstellung über den Zweiten Weltkrieg und Holocaust in Sarajevo erarbeitet, die Menschen, Opfer und Täter, Aufwachsen im Krieg, Leidensorte und Erinnerungskultur thematisierte.

Zum 70. Jahrestag der Befreiung Sarajevos zeigte das Historische Museum die Ausstellung 70 Jahre – was erzählt uns die Stadt über ihre Vergangenheit?Genau wie das Theaterstück Unsichtbare Mahnmale über das Verhältnis Belgrads zu den Verbrechen an seinen Juden, ist auch die Ausstellung von Gymnasiasten erarbeitet worden. Sie besuchen das Obala Gymnasium und haben ihr Projekt den Schülerinnen und Schülern der anderen Gymnasien vorgestellt (Koprivnica, Zaprešić, Belgrad, Veszprém). Benjamin Hedžić, z.Zt. Leiter der Schule, erzählt von der langjährigen Zusammenarbeit des Obala Gymnasiums mit der deutschen Botschaft und der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, über die jedes Jahr junge Freiwillige aus Deutschland an die Schule kommen.

Vedad Krkbešević"Über einen dieser Freiwilligen ist der Kontakt zum Goethe-Institut in Zagreb entstanden, die gerade das Projekt entwickelt hatten", erklärt Hedžić. Das Gymnasium arbeitet ebenso seit Jahren mit dem Historischen Museum zusammen, die Projektpartner sind. Das Thema war bekannt Holocaust und Nationalsozialismus und auch der Titel: Doppelte Last.
"Die Schülerinnen und Schüler zeigten bei der Wahl der Kunstform das größte Interesse für Fotografie. In der Schule gibt es eine Foto-AG, deren Arbeiten bereits landesweit ausgezeichnet wurden", so der Schulleiter.

Ausgewählt wurden Schülerinnen und Schüler der letzten beiden Schuljahrgänge, weil sie im Unterricht den Zweiten Weltkrieg bereits behandelt hatten. "Der Großteil hat sich allein gemeldet und einzelne, von denen wir der Meinung waren, sie sollten im Projekt mitarbeiten, haben wir zur Teilnahme motiviert. Bei der ersten Begegnung erhielten sie Informationen zum Thema und daraufhin haben sie allein weiter recherchiert. Alle Texte, die in der Ausstellung zu lesen sind, haben die Jugendlichen nach der Recherche verfasst."

Die Ausstellung besteht aus fünf Themeneinheiten über den Zweiten Weltkrieg und Holocaust: Menschen, Opfer und Täter, Aufwachsen im Krieg, Leidensorte und Erinnerungskultur. Interessant war auch der Produktionsprozess der Ausstellung, die mit der Recherchearbeit der Schülerinnen und Schüler entstanden ist und unterstützt wurde vom Lehrpersonal des Gymnasiums, dem Schulleiter sowie zu großen Teilen vom Museum. Da die Entscheidung auf Fotografie mit Fokus auf Sarajevo vor 70 Jahren und Sarajevo heute gefallen war, hatte sich ein Name besonders aufgedrängt - Jim Marshall. Der Fotograf lebt seit 1994 in Bosnien und Herzegowina und ist Autor einer Ausstellung über 15 Jahre nach Belagerung Sarajevos. Alle an dem Projekt beteiligten waren von seiner Mitarbeit überzeugt. Nur er wusste noch nichts davon. Doch…

"Alles hat mich überzeugt, das Thema, die Technik… Nach Bosnien und Herzegowina bin ich 1994 gekommen und das nach Mostar, um mit Jugendlichen zu arbeiten. Sie sind offen für alles und es ist für mich eine Ehre, mit ihnen zusammenzuarbeiten", sagt Marshall. Insbesondere war er in die Schlussphase der Fotoaufnahmen involviert, zuvor mussten jedoch bis zu 40.000 Fotos durchgeschaut werden und eine Auswahl von historischen Fotografien getroffen werden. Für diesen Rechercheteil stand ihnen der Fotograf des Museums Esad Hadžihasanović zur Verfügung. "Die Jugendlichen kamen, um die Sammlungen kennenzulernen, suchten nach Zugangsmöglichkeiten und Themen für das Projekt. Auf den Fotos war häufig der Ort notiert, man musste zu den Orten gehen und fotografieren, wie es heute aussieht. Jim hat ihnen die Bedeutung von Perspektive und Bildwinkel erklärt und was notwendig ist, um ein gutes Foto zu machen“, erzählt Hadžihasanović.

Die Recherche war keineswegs einfach, schließlich musste eine enge Auswahl aus 40.000 Fotografien zum Zweiten Weltkrieg getroffen werden.
"Die Schülerinnen und Schüler wollten mehr über den Holocaust erfahren. Sie haben viel mit ihren Familien gesprochen. So hat ein Mädchen aufgrund eines Fotos den Großvater nach seinen Erinnerungen gefragt und er erzählte von den Verbrechen im Internierungslager Villa Luburić", so Hadžihasanović, der sich selbst in der Rolle des Zeugen fand.
"Ein Mädchen kam zu mir und hat mich nach einem Foto gefragt, das sie gefunden hatte. Auf dem Foto war der Bruder meiner Mutter, der als Illegaler in der Villa Luburić, zwei Tage vor der Befreiung Sarajevos und mit weiteren 27 Gefangenen, hingerichtet wurde. Beim Rückzug hat Luburić deren Ermordung veranlasst und als die Partisanen Sarajevo eingenommen hatten, wurden die Familien zur Identifikation gebeten. Meine Mutter, die zwei Jahre älter als ihr Bruder war, kam mit ihren 17 Jahren, um die Leiche zu identifizieren. Meinen Namen habe ich von ihm erhalten, er hieß Esad Hadžimuratović", bekennt Hadžihasanović.

Die Schwierigkeit des Themas hat Empathie ausgelöst und einen Dialog mit der Familie initiiert.
"Während der Zusammenarbeit mit den Schülerinnen und Schülern sind private Geschichten ans Licht gekommen, Familiengeschichten, Beschreibungen von Ereignissen der Großväter und –mütter… Da die Schülerinnen und Schüler während der Belagerung noch nicht geboren waren, haben sie die Geschichten ihrer Großväter und –mütter mit denen ihrer Eltern und deren Leben zur Zeit der Belagerung verbunden“, sagt Hedžić. An dieser Stelle verlief die Recherche ähnlich der des Dritten Belgrader Gymnasiums. Die Geister wurden gerufen und die Familien durchschüttelt. Trotzdem muss man, spricht man vom Verhältnis Belgrads und Sarajevos gegenüber dem Zweiten Weltkrieg, zugeben, dass sich Sarajevo doch in einer etwas besseren Position befindet, da der Revisionismus die Stadt und das Land nicht in solcher Weise ergriffen haben.

"Die Interpretation des Zweiten Weltkriegs im Unterricht und in der Gesellschaft hat sich nicht groß verändert. Noch immer herrscht der Tito-Kult, der von einer Generation auf die andere übertragen wird. Sarajevo ist die einzige Stadt, deren Hauptstraße Titos Namen trägt. Die Gesellschaft hat weder Distanz zu den Partisanen aufgenommen noch sie vergessen, was es den Schülern erleichtert hat. Sie waren eher überrascht, warum einige Denkmäler oder Orte in der Stadt nicht genügend hervorgehoben sind oder nach der Bombardierung erneuert wurden", sagt der Leiter des Gymnasiums. 

Petra Vidović"Krieg ist immer ein schreckliches Thema und der Zweite Weltkrieg war am grausamsten. In den letzten Wochen des Krieges haben mehr als 800 Menschen ihr Leben verloren. Es war faszinierend zu sehen, dass die Kinder Empathie zeigen gegenüber dem, was den Juden in Sarajevo geschehen ist, und das ist erkennbar in der Ausstellung. Das ist mehr als eine Schülerarbeit, das ist vielleicht die beste Ausstellung zu dem Thema in Sarajevo", sagt Jim Marshall.

Die Ausstellung ist noch bis Mitte September im Historischen Museum zu sehen. Alle Projekte wurden in Novi Vinodolski präsentiert. "Es schien unglaublich, an einem Ort Schüler zu versammeln, die an einem Thema Arbeiten, ein Verständnis entwickeln, Zeit miteinander verbringen und gemeinsam Lieder singen, während ihre Vorfahren noch vor 20 Jahren gegeneinander Krieg geführt haben", erzählt Hedžić begeistert.

"Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Jugendliche aus allen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens nationalistisch veranlagt sind - es ist cool, Nationalist zu sein, so wird es ihnen aufgezwungen. Wenn sie sich jedoch bewusst werden, was ein schweres Wort bedeutet, ziehen sie sich schnell zurück und erkennen den Kern der Sache. Wenn ein gemeinsames Thema vorgegeben wird, erkennen sie schnell, dass sie die gleiche Musik hören, die gleichen Filme schauen und sich so gut in ´vielen´ Sprachen verständigen können... Mann muss nur die Perspektive wechseln. Natürlich gibt es Konflikte, wenn man nur die von den Medien und der Gesellschaft aufgezwungene Perspektive einnimmt", ergänzt der Schulleiter. Zum Schluss ein sympathisches Beispiel, wie Erinnerung selektiv sein kann, wenn sie nicht neuen Generationen angepasst wird. "Ich sehe, dass in Sarajevo Vorurteile gegenüber den Menschen aus dem Sandschak bestehen, dabei wird jedoch vergessen, dass Vladimir Perić Valter, der bekannteste Held der Stadt, aus dem Sandschak kommt. Und hier ist das Kapitel für mich beendet", sagt Marshall resolut.

Der Artikel ist am 16. September 2015 auf dem Internetportal portalnovosti.com erschienen und wird hier mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlicht.