Architektur

Mehr als nur eine Sinfonie aus Glas – 1919 wurde das Bauhaus gegründet

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Copyright: Klassik Stiftung WeimarDas Bauhaus und seine wechselvolle Geschichte ist bis heute anfällig für Schwarz-Weiß-Malereien. Während den einen immer nur Attribute wie quadratisch und sachlich einfallen, versteigen sich andere Autoren zu übertriebenen Interpretationen der esoterischen Kinderkrankheiten am Bauhaus. Dabei ist die Kunsthochschule (1919–1933) viel schillernder als es die Internationale Moderne lange glauben machte. Zeit für eine längst überfällige Revision.

Wenn sich die Gründung des mythenumwobenen Bauhauses heuer zum 90. Mal jährt, werden erneut ein paar nicht ausrottbare Vorurteile aus der Klamottenkiste gekramt. Sichtbar ist das schon jetzt verschiedentlich an den inflationär auftauchenden Feuilletonartikeln. Auch Halbwissende fühlen sich aufgerufen, zu dem Geburtstag der avantgardistischen Kunsthochschule ihre Legende beizusteuern.

Das beruhigt einerseits, weil man merkt, dass dieses in Dessau architektonisch ansichtige Monument einer schließlich durch die Nazis verhinderten Moderne in Deutschland wenig an Zündstoff verloren hat. Andererseits ist es schon etwas nervtötend, wenn das Bauhaus jetzt für alle möglichen subjektivistischen Anschauungen herhalten muss und etwa in einer großen deutschen Tageszeitung von einer am Bauhaus angeblich grassierenden „apokryphen Heilslehre“ die Rede ist. Obwohl das 1919 in einem Jugendstil-Gebäude von Henry van de Velde erstmals in Weimar etablierte Bauhaus vermeintlich bis in den letzten Winkel erforscht ist, scheint vor allem die radikalutopische Suche nach einem neuen, modernen Lebenskonstrukt nachhaltig für Verwirrung zu sorgen.

Das Bauhaus als „Thinktank“


Walter Gropius, 1928, vor seinem Entwurf zum Chicago Tribune Tower von 1922
Copyright: Bauhaus-Archiv Berlin/Foto: Associated Press, BerlinGründungsdirektor Walter Gropius, wegen seiner aristokratischen Erscheinung auch der „Silberprinz“ genannt, mag zwar wie viele Künstler und Literaten nach der Jahrhundertwende eine Weile esoterischen Versuchungen erlegen sein. Er, der nicht zufällig vor dem Bauhaus dem sozial engagierten „Arbeitsrat für Kunst“ angehörte, war es aber auch, der beizeiten gesellschaftlichen Weitblick einforderte.

Mit dem 1923 als Musterhaus errichteten Weimarer „Haus am Horn“ war nach allen Kinderkrankheiten des Bauhauses Schluss mit romantischen Anwandlungen. Es ging nicht mehr, wie noch im Gründungsmanifest von 1919 beschworen, um eine Vereinigung von Kunst und Handwerk in einer „Kathedrale der Zukunft“. Solche eher an Vorstellungen des Mittelalters gekoppelte Bauhüttengedanken wurden von Gropius' neuer Devise „Kunst und Technik eine neue Einheit!“ weggefegt.

Weimar „Haus am Horn“
Copyright: weimar GmbH/Fotograf: Maik SchuckMaler wie Wassily Kandinsky oder Paul Klee fühlten sich fortan in dem Laboratorium eines neuen gestalterischen Funktionalismus nicht mehr recht heimisch und zogen sich mehr und mehr in den neu errichteten Elfenbeinturm ihrer an Wandfarben reich orchestrierten Dessauer Meisterhäuser zurück.

Johannes Itten, der einzige echte Esoteriker unter den Bauhausmeistern, verließ die Kunsthochschule auch folgerichtig 1923. Wer negiert, dass das Bauhaus von disparaten Zeit- und Geistesströmungen unterwandert war, betreibt Geschichtsklitterung. Das Bauhaus war aber auch nicht nur quadratisch, antiseptisch, primärfarbig, wie es sich gerne die letztlich von den banalen Design-Imitationen der Nachkriegsmoderne irregeleiteten Vereinfacher ausmalen. Es war ein „Thinktank“, dessen immer wieder aufflammender Richtungsstreit die Kunstinstitution teils bis ins Mark erschütterte.

Hausbau und Bauhaus und ausgelassene Feste


Unbekannt „Das Leben am Bauhaus Weimar: Bauhäusler und Gäste“, um 1922
Silbergelatinepapier, Abzug: 11,1 x 8,4 cm
Copyright: Bauhaus-Archiv BerlinOskar Schlemmer beschrieb mit leicht ironischem Unterton in seinem Aufsatz „Hausbau und Bauhaus!“, wie man sich eine zukünftige und auf ein neues Hygienebedürfnis abgestellte Architektur samt reformiertem Menschen vorstellte: „Das Ganze ist eine Sinfonie des modernen Materials: in der Hauptsache Glas und Metall ... Zentrum und Clou des Hauses übrigens ist der Baderaum: ein physikalisch-chemisches Kabinett par excellence, eine optische Lust an Röhren und Glänzendem ... Es ist mein Hauptaufenthaltsraum! Hier lese, schreibe, meditiere ich – pflege den Körper, treibe Gymnastik und denke an Griechenland!“

Es gab auch in Dessau nicht die eine seligmachende Lehre. Dogmatisch wurde man eigentlich erst in der vom Bauhaus nur teilweise abgeleiteten „Internationalen Moderne“ nach dem Krieg, wo jede Abweichung von der Norm des rechten Winkel und letztlich des „White Cube“ ein Sakrileg war. Und dass die Bauhäusler ein ziemlich bunt zusammengewürfeltes unorthodoxes Völkchen waren, zeigten letztlich die ausgelassenen dadaistischen Bauhausfeste. Mit ihrem spielerischen Sinn für skulpturale Materialeffekte zogen sie wie etwa beim „Metallischen Fest“ 1929 selbst skeptische Dessauer Bürger in den Bann.

Vielleicht wird, wenn dieser runde Geburtstag abgefeiert ist, ein reicheres, weniger klischeebelastetes Bild vom Bauhaus entstehen. Und wenn nicht, dann haben wir genügend Zeit, um uns bis zum hundertjährigen Jubiläum intensiv mit den schillernden Facetten zu beschäftigen. Philipp Oswalt, im März als neuer Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau angetreten, betont zu Recht das Hybride und Ganzheitliche des Modernisierungsmodells Bauhaus: „Es gibt nicht nur ein Bauhaus, sondern viele Bauhäuser.“


Die Ausstellungen im Bauhaus-Jahr 2009:

Weimar:

Das Bauhaus kommt aus Weimar
Bauhaus-Museum, Neues Museum, Schiller-Museum, Goethe-Nationalmuseum u.a. (1. April bis 5. Juli 2009). Die Ausstellung wandert im Anschluss nach Berlin (22. Juli bis 4. Oktober 2009), und New York „Bauhaus 1919–1933: Workshops for Modernity“ (8. November bis 25. Januar 2010).
Zur Website der Ausstellung
http://www.das-bauhaus-kommt.de

Franz Ehrlich – Ein Bauhäusler in Widerstand und Konzentrationslager
Neues Museum Weimar (2. August bis 11. Oktober 2009)

Erfurt:

Kunstlichtspiele – Lichtästhetik der Klassischen Avantgarde
Kunsthalle Erfurt (29. März bis 24. Mai 2009)

Streit ums Bauhaus – Das Weimarer Bauhaus in den Kontroversen seiner Zeit
Kunsthalle Erfurt (7. Juni bis 2. August 2009)

Jena:

Das Bauhaus in Jena – Bilder, Modelle, Objekte, Fotos und Dokumente
Stadtmuseum Jena & Kunstsammlungen der Stadt Jena (22. März bis 7. Juni 2009)

Kandinsky – Gemälde, Zeichnungen und Druckgraphik
Stadtmuseum Jena & Kunstsammlungen der Stadt Jena (6. September bis 22. November 2009)

Apolda:

László Moholy-Nagy – Auf dem Weg nach Weimar 1917–1923. Aquarelle, Zeichnungen, Druckgrafik, Photogramme
Kunsthaus Apolda Avantgarde (5. April bis 21. Juni 2009)

Feininger und das Bauhaus. Weimar – Dessau – New York
Kunsthaus Apolda (13. September bis 20. Dezember 2009)
Birgit Sonna
arbeitet als Korrespondentin für die art und NZZ sowie als Lektorin.

Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion
April 2009

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