Bildende Kunst

Ein Paar linker Schuhe – Reality Check in East Europe

Andreja Kuluncic: For Austrians only, 2005 © Andreja Kuluncic
Selja Kameric: Bosnian Girl, 2003 © Selja KamericIm Kunstmuseum Bochum stellen 20 osteuropäische Künstler aus. Sie kommen aus elf Nationen, unter denen jene aus den Balkanstaaten die Mehrheit stellen. In ihren Arbeiten erzählen sie von verletzenden Vorurteilen, Rock ’n’ Roll und dem Leben in unbewohnbaren Traumhäusern.

Im Warschauer Museum des Kommunismus ist ein Paar linker Schuhe ausgestellt; es wurde Mitte der Fünfzigerjahre für gute Arbeitsleistung verliehen. Diese widerspruchsvolle Metapher regte zu dem Konzept einer partnerschaftlichen Ausstellung zwischen dem Kunstmuseum Bochum und dem Museum für zeitgenössische Kunst in der kroatischen Hauptstadt Zagreb an. Entstehen konnte es im Rahmen des Kooperationsprojektes der Kunststiftung NRW und des Goethe-Instituts.

Werbewirksamer als besagte Schuhmetapher erwies sich allerdings ein Plakat mit dem ausdrucksstarken Selbstporträt der Künstlerin Šeila Kamerić aus Bosnien-Herzegowina insofern, als sie diesem drei handschriftlich hingeworfene, erniedrigende Charakterisierungen eines „Bosnian Girl!“ überblendet hat: „No teeth ...? A mustache ...? Smel like shit”. Das zugrundeliegende Graffito stammt aus einer Baracke der UNO-Friedenstruppen aus dem Balkankrieg der 1990er-Jahre. Wie Kamerić derlei unerträglich verletzende Vorurteile westlicher Länder gegenüber Osteuropäern anprangert, so hinterfragt sie in ihren Werken auch die vom Westen geprägten Maßstäbe eines Modernismus und pocht auf selbständige Kriterien von Kunstausübung und Beurteilung. Wenn in dieser Rezension nun behauptet wird, dass die thematisch divergierenden und sich sinnvoll ergänzenden Arbeiten der rund 20 ausstellenden Künstler rundweg von hohem künstlerischen Niveau sind, dann liegen dem Urteil unvermeidlich wiederum westlich geprägte Argumente zu Grunde. Ein Kritikpunkt: unverständlich ist, warum die den Arbeiten beigefügten aufschlussreichen Texte die Nationalität der Künstler verschweigen und man sich die wenigen bio- und bibliografischen Daten auch in dem großformatigen „Bilderbuch“ mühsam zusammensuchen muss.

Rock ’n’ Roll auf dem Grab des Vaters

Jaan Tomik: Dance with Dad, 2003 
© Jaan TomikDie Ausstellung nimmt auf mehreren Ebenen und mit unterschiedlichen Inhalten sowohl Überkommenes aus ehemals kommunistischen beziehungsweise sozialistischen Staaten als auch Veränderungen nach dem Fall des eisernen Vorhangs in den Blick. Die kritische Auseinandersetzung und Abrechnung mit dem Kommunismus wird offenkundig, doch ist diese gelegentlich gepaart mit einer Spur nostalgischer, emphatischer, ja, liebevoller Rückbesinnung auf verlorene Werte. Als bevorzugte Techniken der Künstler aus elf Nationen, unter denen jene aus den Balkanstaaten die Mehrheit stellen, überzeugen besonders Foto- und Videoarbeiten. Persönliche und kollektive Erinnerungen liefern Einblicke in kulturelle und gesellschaftliche Besonderheiten, so etwa in dem anrührenden und vieldeutigen Tonvideo des Estländers Jaan Toomik (2003). Es zeigt den Künstler tanzend auf dem Grab seines Vaters und zwar nach Rock ’n’ Roll-Musik des vom Vater verehrten Jimi Hendrix – eine Auseinandersetzung zwischen Generationen mit den jeweiligen Leitbildern und Protesten.

Historische Identität liegt bekanntlich in den Kulturhäusern Osteuropas gespeichert. Dies nutzend, macht der österreichische Architekt Andreas Fogarasi in seiner Videoinstallation Kultur und Freizeit (2007) mit zahlreichen Kulturzentren in Ungarn bekannt. Die inhaltlich, medial wie installativ überzeugend aufbereitete Videoreise zeigt anhand von teilweise bemerkenswerten Architekturen das Dilemma vorbildlicher wie rückständiger Kulturarbeit alter und neuer Prägung. Fogarasis Arbeit ist zwar präziser als die raumgreifende multimediale Präsentation Et in Barbaria Ego (2007) des Deutsch-Kroaten Milivoj Bijelić ausgefallen, doch Bijelić liefert ergänzend reale Zukunftspläne. Obendrein klingt im Abwägen zwischen „Barbarien“ und „Arcadien“ eine unmissverständliche Skepsis an: wo zwischen West und Ost liegen denn die beiden widersprüchlichen Bereiche?

Dalibor Martinis: U-Pakt, 2006 
© Dalibor MartinisPolitische Botschaften sind in allen Beiträgen kunstvoll und ironisch verpackt, aus Fiktion und Wirklichkeit gemischt oder sogar als poetisch-technologische Utopie in die Zukunft projiziert. Besonders einprägsam tritt dies in der multidiziplinären Rauminstallation Mehatron Noordung der Slovenen Dragan Živadinov, Dunja Zupančič und Miha Turšiĉ zu Tage. Im Foto-Projekt NSK-Wache (1998) der bekannten slowenischen Künstlergruppe IRWIN bewachen echte Soldaten mehrerer sozialistischer Staaten die Fahne des erfundenen Zeitstaates NSK. Mit dem schwarzen Malewitsch-Kreuz auf ihrer Armbinde gucken die Hüter der Staaten ernst und stolz drein. Der Kroate Dalibor Martinis entlarvt kriminelle Praktiken von Staaten des sogenannten U-Paktes in einer multimedialen Installation von 2006; aufgebaut im Foyer scheint hier eine Art Tribunal der und über die Militär- und Geheimbündnisse stattzufinden. Sein Landsmann Zlatko Kopljar macht seinem Unmut über die strittige Hegemoniefrage der rivalisierenden Großmächte angesichts der globalisierten Welt Luft, indem er in einer Foto-Performance selbst vor Parlamentsgebäuden in Ost und West kniet (K9 Mitleid +, 2005).

Unbewohnbare Traumhäuser

Miroslaw Balka: Bluegaseyes, 2004 
© Miroslaw BalkaSchade, dass der Bulgare Nedko Solakov nur mit der bekannten Schwarz-Weiß-Wandarbeit Leben (1998) vertreten ist und seinen hintergründigen, scharfsinnigen Witz nicht in einer neuen Arbeit beweisen kann. Aus der technisch perfekten Videoinstallation Baronenhügel (2004) von Pavel Braila erfährt man, dass sich die große Gruppe der in Moldawien, in armseligen Behausungen lebenden Roma nach Postkartenvorlagen schmuck ausgestattete, doch unbewohnbare Traumhäuser erschafft. Damit wird das latente ethnische Problem einmal von der wenig berücksichtigten Warte der Unterprivilegierten aus beleuchtet.

Die Ausstellung, die in das im Entstehen begriffene Museum nach Zagreb weiterwandert, ist deshalb so sinnvoll, weil beide Häuser eine vergleichbare Geschichte vorweisen. Bereits in den 1960er-Jahren hat sich Bochum intensiv mit osteuropäischer Kunst auseinandergesetzt, während im Gegenzug Zagreb westeuropäische und amerikanische Künstler wie etwa Hans Haake, Fontana, Dennis Adams oder Cartier-Bresson zu Gast hatte. In einem die Schau ergänzenden Teil Museum im Museum künden kunstvolle Plakate renommierter jugoslawischer Grafiker von diesen pionierhaften Aktivitäten. Fotos und Videoaufnahmen über das neue Museum verheißen eine spannende Zukunft.

Renate Puvogel
ist Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2009

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