Im Auge des Sturms – Berlinale-Direktor Dieter Kosslick im Interview

Am 9. Februar startete das größte Publikumsfestival der Welt – die Berlinale. Elf Tage lang werden rund 400 Filme präsentiert. Goethe.de sprach mit Festivaldirektor Dieter Kosslick über die Filme und Themen der 62. Berlinale.
Im Eröffnungsfilm geht es um die Französische Revolution. Ist das Thema „Umsturz“ der rote Faden für die diesjährige Berlinale?
Auf- und Umbrüche finden sich dieses Jahr in allen Sektionen. Sei es im historischen Kontext, wie in der Struensee-Biografie Die Königin und ihr Leibarzt, oder in den zahlreichen Dokumentarfilmen zu den aktuellen Krisen. Wir konnten zudem in diesem Jahr feststellen, dass das Thema „Repression gegen Künstler oder gegen die Kunst“ in zahlreichen Filmen direkt oder indirekt aufgeworfen wird. Nicht nur in den „altbekannten“ Ländern wie China, sondern überall. Diskussionen zu gesellschaftlichen Themen sind ja traditionell Bestandteil der Berlinale. So etwas nehmen wir natürlich auf und präsentieren es.
Im Programm taucht die neue Spielstätte Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, auf. Was passiert da?
Im Haus der Berliner Festspiele wird es dieses Jahr Screenings der Berlinale Specials und eine ganze Reihe zusätzliche Gesprächsveranstaltungen zu diesen Filmen geben, unter anderem bei Werner Herzogs Dokumentarfilmserie Death Row oder beim Regiedebüt von Angelina Jolie über den Bürgerkrieg in Ex- Jugoslawien In The Land Of Blood And Honey.
Letztes Jahr blieb ein Stuhl in der Jury leer. Der iranische Filmemacher Jafar Panahi durfte nicht ausreisen. Inzwischen ist er zu einer Gefängnisstrafe und Berufsverbot verurteilt. Ist die Berlinale weiter mit ihm in Kontakt?
Ja, wir sind in Kontakt mit ihm. Er ist nicht mehr im Gefängnis, aber er hat weiterhin Hausarrest. Wir haben ihn, seinen Co-Regisseur Mojtaba Mirtahmasb, den Regisseur Mohammad Rasoulof und weitere iranische Filmleute als Ehrengäste eingeladen. Und auch auf die Situation anderer Dissidenten werden wir im Programm hinweisen – wie zum Beispiel mit dem Dokumentarfilm Ai Weiwei: Never Sorry von Alison Klayman.
Vor dem Festival ist nach dem Festival – als Festivaldirektor ist man ja das ganze Jahr über unterwegs, um das nächste Festival zu planen. Man sieht die ganze Palette des internationalen Filmschaffens. Gab es eine Region, in der Sie besonders interessante Entwicklungen beobachten konnten?
Asien ist im Wettbewerbsprogramm sehr stark, aber auch Europa ist in Ost und West insgesamt gut im Programm vertreten. Darüber hinaus sind 2012 auch seltene Filmländer wie Kambodscha oder Tschad dabei.
Wo findet der Arabische Frühling auf der Berlinale statt?
Quer durch alle Sektionen. Das Filmschaffen dieser Region ist gut vertreten, beziehungsweise wird an verschiedenen Punkten diskutiert. Wir werden viele Dokumentarfilme zur arabischen Region haben, zum Beispiel Althawra… Khabar (Reporting … A Revolution) von Bassam Mortada und es gibt sechs arabische Filme im Panorama. Im Talent Campus veranstalten wir ein Panel, das sich mit dem Thema beschäftigen wird (Arab Spring. Arab world defining its future). Und auch beim World Cinema Fund (WCF) widmen wir zwei Panels dem Filmemachen im arabischen Raum.
Ein wichtiges Stichwort – der World Cinema Fund spielt eine große Rolle für Länder ohne Filmindustrie und ohne Fördernetz. Wie sind hier die Perspektiven?
Wir freuen uns sehr über die Erfolgsgeschichte des World Cinema Fund (WCF) und wollen sie auf jeden Fall weiterschreiben. Die Kulturstiftung des Bundes ist dabei ein großer Unterstützter, ebenso das Goethe-Institut, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und die Deutsche Welle. Und besonderer Dank gilt Staatsminister Neumann, der die langfristige Sicherung des WCF gewährleistet. Seit seiner Gründung 2004 hat der WCF Produktions- beziehungsweise Verleihförderungen an insgesamt 93 Projekte vergeben. Unter den geförderten Projekten sind erfolgreiche und international ausgezeichnete Filme wie Paradise Now von Hany-Abu Assad oder Uncle Boonmee who can Recall his Past Lives von Apichatpong Weerasethakul. Letzterer wurde 2010 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.
Eine andere Berlinale-Institution zur Förderung internationaler Talente feiert dieses Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum – der Talent Campus. Viele ehemalige Teilnehmer sind inzwischen etabliert in der Filmszene. Und der Campus findet ja nicht nur in Berlin statt. Seit dem vergangenen November gibt es auch einen Talent Campus im Rahmen des Festivals Tokyo Filmex. Wie kam es dazu?
Tokyo ist nach Durban, Sarajewo, Buenos Aires, Guadalajara der fünfte Talent Campus abroad. Wir haben diese Kooperation lange vorbereitet und die Katastrophe von Fukushima hat dann alle Beteiligten in ihrem Handeln noch einmal beflügelt. Wir wollten hier ein deutliches Zeichen der Hoffnung für die jungen Talente setzen. Zum Thema Fukushima haben wir übrigens auch drei spannende Dokumentarfilme im Forum.
Die Berlinale ist ja auch ausdrücklich ein Publikumsfestival – nicht nur für die Großen. Die Sektion „Generation“ ist die, die in den letzten Jahren am stärksten gewachsen ist. Diskutieren Sie Filme aus der Reihe auch zu Hause mit Ihrem Sohn?
Wir sind eines der größten Publikumsfestivals der Welt. 300.000 verkaufte Tickets zeigen, wie die Berlinale unserem Publikum Lust aufs Kino macht und allein 60.000 davon entfallen auf die Sektion Generation. Und – klar geht mein siebenjähriger Sohn dahin. Die Eröffnung von Generation Kplus besucht er mit seinen Freunden und nach dem Festival sehen wir uns oft Filme der Reihe noch einmal zu Hause an. Übrigens besonders gern und wiederholt den deutschen Spielfilm Blöde Mütze (Regie: Johannes Schmid).
Die Berlinale feiert das Kino, das ist gut so, aber bei weitem nicht alles. Was sind die Extras?
Die Berlinale ist nicht nur ein Fest für leidenschaftliche Cineasten, sondern auch eine riesige Kommunikationsplattform. Hier entstehen Netzwerke, die für die Filmemacher und die Filmindustrie sehr bedeutend sind. So ist der European Film Market – einer der drei größten Filmmärkte in der Welt – für dieses Jahr schon lange ausgebucht. Vernetzung ist dabei nicht nur für unsere Besucher, sondern auch für die Berlinale von entscheidender Bedeutung – ab 2012 konnten wir das MoMA in New York als neuen Partner der Retrospektive gewinnen und das Kulinarische Kino kooperiert mittlerweile mit zwei internationalen Filmfestivals.
stellte die Fragen. Sie ist Autorin und Dramaturgin. Sie arbeitet international als Kuratorin und Jurymitglied für Filmfestivals und lehrt in Leipzig und Potsdam Medienästhetik und Kulturjournalismus.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Februar 2012
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de










