Leistungsmessung mit Außenwirkung durch BIX – der Bibliotheksindex

BIX ist ein deutsches Verfahren zur Leistungsmessung in Bibliotheken, das internationale Aufmerksamkeit und auch erste Teilnahmen aus dem benachbarten Ausland errungen hat.
BIX steht seit 1999 für Öffentliche, seit 2004 auch für wissenschaftliche Bibliotheken zur Verfügung und wird von überparteilich besetzten „Steuerungsgruppen“ aus unabhängigen Fachleuten, Mitgliedern der bibliothekarischen Fachorganisationen BIB (Berufsverband Information Bibliothek) und dbv (Deutscher Bibliotheksverband) sowie mehrerer deutscher Kulturministerien begleitet.
BIX ermittelt siebzehn Messwerte und verdichtet sie zu vier „Zieldimensionen“ mit eingängigen Namen (für Öffentliche Bibliotheken: Auftragserfüllung, Kundenorientierung, Wirtschaftlichkeit, Entwicklung; für wissenschaftliche Bibliotheken: Angebote, Nutzung, Effizienz, Entwicklung). Unbestimmt ist der Zweck von BIX, auch eine bibliothekarische Mode wird inzwischen unterstellt („Bixomanie“).
Leistungsmessung in Bibliotheken – einfach gemacht
Die Betriebswirtschaft erwartet zur Leistungsmessung sogenannte Kennzahlen – Messwerte, die den betrachteten Zusammenhang genau abbilden. Gelingt das nicht, werden sogenannte Indikatoren herangezogen – Messwerte, die mit dem interessierenden Aspekt nur in enger Beziehung stehen, folglich Teile des Leistungsniveaus ausblenden.
BIX besitzt nur Indikatoren; zur Begrenzung der Datenmenge wurden diejenigen Messwerte ausgewählt, die nach einer Pilotstudie in 18 Öffentlichen Bibliotheken (1992–1996) die stärksten Beziehungen zu weiteren Indikatoren haben. Dieses Verfahren ist wissenschaftlich korrekt, wird aber von der Transparenz des BIX untergraben: Bibliotheksleitungen, die im BIX vorankommen wollen, können sich auf die Verbesserung der BIX-Indikatoren konzentrieren (ohne sich um die damit ursprünglich verbundenen Aspekte zu bemühen). Konrad Umlauf formuliert polemische Ratschläge, wie sich (unter Missachtung bibliothekarischer Qualitätsideale) der BIX-Wert manipulieren lässt.
Wer Leistungsgrade von Bibliotheken kennenlernen will, wird daher wie zuvor das Normdokument ISO 11.620 heranziehen. Dieses stellt Messwerte zu 29 Aspekten von Bibliotheksarbeit bereit, liefert Hinweise zur Erhebungsmethode und zur sorgfältigen Ergebnisinterpretation.
BIX als Ranking für Bibliotheken
Weithin bekannt ist BIX durch eine jährlich veröffentlichte Rangliste der teilnehmenden Bibliotheken, die auf den errechneten Gesamtpunktwerten beruht. Wie bei den Prämierungsverfahren der Industrie für Anstrengungen um Qualität erhalten die bestplatzierten Bibliotheken „Qualitätsplaketten“.
Doch bilden Spitzenplätze nicht zwingend Spitzenqualität ab: Der Bestandsaufbau für eine medizinische Hochschule ist einfacher als für eine „Volluniversität“, mehrere Universitätsbibliotheken erhalten Pflichtexemplare gratis (was günstige Erwerbskosten, aber auch große, weniger genutzte Bestände nach sich zieht); Simon Xalter verweist auf Erhebungsunschärfen (beispielsweise die Erfassung von Besuchezahlen durch Drehkreuzzähler), sodass die Daten nicht für eine exakte Rangfolge hinreichen, sondern eher für eine grobe Darstellung (Spitzengruppe – Mittelfeld – Schlussgruppe).
Mehrjährige Platzierungsvergleiche gestattet der BIX ausdrücklich nicht, da veränderte Indikatoren, wechselnde Teilnehmerinnen – nur 52 Öffentliche Bibliotheken nahmen jedes Jahr am BIX teil – und wachsende Teilnahmezahlen keine Entwicklungsaussage anhand der jeweiligen Rangplätze einer Bibliothek gestatten.
Leistungsdaten zur Unternehmenskommunikation
BIX will „mit wenigen aussagekräftigen Messgrößen … einen schnellen Überblick“ für „Verantwortliche in Politik und Verwaltung“ liefern und provoziert mit publizierten Ergebnissen, dass die Öffentlichkeit Schlüsse aus den BIX-Daten zieht oder eine BIX-Teilnahme verlangt – im thüringischen Landtag wurde 2007 nachgefragt, warum keine Bibliothek in diesem Bundesland sich am BIX beteiligt.
Wohlklingende Pressemitteilungen („bayerische Bibliotheken beweisen Kontinuität auf hohem Niveau“, 2008 im Informationsdienst „oebibonline“) präsentieren den werblichen Nutzen von BIX-Platzierungen ebenso wie manche Fördergelder, die mit Hinweis auf BIX-Ergebnisse eingeworben wurden.
Aussagen zur Datengrundlage sucht man dabei vergebens; Laien wäre auch kaum zu erklären, warum Öffentliche Bibliotheken „Auftragserfüllung“ beweisen müssen, während wissenschaftliche Bibliotheken anscheinend „Angebote“ schaffen dürfen, beides aber einheitlich mit Beschäftigtenzahl der Bibliothek pro Kopf (Einwohnerschaft bzw. Hauptnutzungsgruppe der wissenschaftlichen Bibliothek) gemessen wird.
BIX im Qualitätsmanagement
Die Managementliteratur unterscheidet die Qualität der Unternehmensstruktur, der Prozesse und der Ergebnisse (Produkte). BIX verhält sich alltagssprachlich, indem er auf die Produkte blickt, und übersieht außerdem die unterschiedlichen Sichtweisen von Ergebnissen: Kinder werden die Leistungen einer Kinderbibliothek anders bewerten als hauseigene Fachkräfte; was die Auftraggeberin für unabweisbar hält, mag in der Fachdiskussion sehr umstritten sein. Ein unstrukturierter Herstellungsprozess ist ineffizient, kann aber zu einem in Publikumsperspektive qualitätvollen Ergebnis führen.
Joachim Kreische diskutiert für wissenschaftliche Bibliotheken unbeeinflussbare Indikatoren; Xalter wendet ein, dass die Beschränkung des BIX auf wenige Indikatoren die klare Identifizierung von Mängeln verhindert. BIX gibt allenfalls Anhaltspunkte für Nachbesserungsbedarfe oder verleitet dazu, an der Verbesserung des BIX-Indikatorwertes selbst – und nicht an der Hebung relevanter Qualitätsaspekte, auf die der Indikator hinweist – zu arbeiten.
Wer braucht BIX?
Zusammenfassend wird deutlich, dass sich BIX insbesondere als PR-Instrument und als Werbebotschaft eignet. Nicht jede Bibliothek sieht diesen Nutzwert: 2007 haben von den 8.660 Öffentlichen Bibliotheken in Deutschland nur 168 am BIX teilgenommen.Die BIX-Illustrierte 2008 behauptet, schon das BIX-Mittelfeld sei die deutsche Oberliga. Das wird dem Selbstwertgefühl der Erst- wie Letztplatzierten nachkommen; ebenso leuchtet aber das Argument BIX-abstinenter Bibliotheken ein, es nähmen diejenigen teil, die dringend ein Presseecho oder einen Karriereschub für die Bibliotheksleitung benötigen.
Politisch Verantwortliche sähen gewiss eine repräsentative Aussage anhand einer methodisch (statt durch Freiwilligkeit) gewonnenen Stichprobe lieber – doch BIX arbeitet sich beharrlich mit freiwilligen Teilnahmen empor, hat inzwischen bei den baden-württembergischen Hochschulbibliotheken die Totalerhebung erreicht.
Unverändert ungeklärt: Wirkungen von Bibliotheken
Die elementarste Kritik an Leistungsmessung hebt darauf ab, dass die Darstellung von Ergebnissen für die Erfüllung öffentlicher Aufgaben keinesfalls hinreiche: Öffentliche Einrichtungen sollen der Gesellschaft und ihrer Daseinsvorsorge dienen – es geht also weder um das technische Niveau der Leistungen noch um die subjektive Zufriedenheit der Nutzerinnen und Nutzer.Das politische Augenmerk (und damit die Finanzierungssicherheit für Bibliotheken) gilt gegenwärtig der Leseförderung und der Medienkompetenz. Eine BIX-Presseinformation vom 30.08.2007 äußert, dass sich der BIX-Indikator „Veranstaltungen pro 1.000 Einwohner“ dafür „gut bewährt“ habe – man will offenbar weder den Unterschied von Veranstaltungen als Dienstleistungen oder als Instrumente der Öffentlichkeitsarbeit kennen noch die Differenz von Angebot, Ergebnis und Wirkung.
| Literaturhinweise:
Fett, Othmar F.: Impact – Outcome – Benefit : Ein Literaturbericht zur Wirkungsmessung für Hochschulbibliotheken. – Berlin: Humboldt-Universität, 2004. (Berliner Handreichungen zur Bibliothekswissenschaft ; 142). [Elektronische Ressource:] Kreische, Joachim: Bixomanie – Evaluationen auf dem Prüfstand. [Präsentationsfolien] Deutscher Bibliothekartag, Mannheim, 03.-06.06.2008. [Elektronische Ressource:] Umlauf, Konrad: Marketing und Leistungsmessung. – Berlin: Humboldt-Universität, 2001.(Berliner Handreichungen zur Bibliothekswissenschaft ; 95). [Elektronische Ressource:] Xalter, Simon: Der „Bibliotheksindex“ (BIX) für wissenschaftliche Bibliotheken – eine kritische Auseinandersetzung. – Tübingen 2006. – [Elektronische Ressource:] |
Professor für Bibliotheks- und Museumsmanagement, Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (FH)
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Oktober 2008








