Deutsche Bibliotheksszene

Demokratisierung oder digitaler Raubzug? Die zwei Seiten von Open Access

Logo von Open Access; © oopen-access.netLogo von Open Access © open-access.netDie Debatte um den freien Zugang zu Wissen (Open Access), Google Books und das Urheberrecht berührt wesentliche Grundlagen unserer Wissenskultur. Sie bewegt sich zwischen zwei kaum zu vereinbarenden Polen – zwischen Wirtschaftsinteressen und Wissenschaftspolitik. Kritiker haben die Diskussion im März 2009 mit einem „Heidelberger Appell“ zusätzlich angeheizt.

In der Diskussion über eine Digitalisierung von Text- und Wissensbeständen scheinen sich die Parteien lediglich darüber einig zu sein, dass öffentlich finanziertes Forschungswissen frei zur Verfügung stehen soll. Das ist auch der Kerngedanke im Kontext von Open Access. „In einer digitalisierten und vernetzten Informationsgesellschaft muss der Zugang zur weltweiten Information für jedermann zu jeder Zeit von jedem Orte für Zwecke der Bildung und Wissenschaft sichergestellt werden“, hieß es bereits Mitte 2005 in der sogenannten Göttinger Erklärung des Aktionsbündnisses Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft.

Open Access von oben?

Wissenschaftlerin am Mikroskop © ColourboxDer Haken liegt beim „wie“ des „muss“. Soll Open Access generell für alle Texte, also etwa auch im künstlerischen Bereich greifen? Befürworter wie der Konstanzer Informationswissenschaftler Rainer Kuhlen wollen das Urheberrecht dahingehend schwächen. Sein Ideal ist das der sogenannten Freeconomics, die nicht mit der Information, sondern mit parallel geschalteter Internet-Werbung Geld machen wollen. Kuhlen beruhigt Verlage und Autoren, die auf Urheberschutz pochen, mit einer klassischen liberalen Formel: „Je freier die Information, desto mehr kann damit verdient werden.“ Kritiker halten dies für einen Ausverkauf der Ideale von Open Access, bei dem zwischen kommerziell nutzbarer „Information“ und gesellschaftlich relevantem Wissen nicht mehr unterschieden wird.

Ausgehend vom Heidelberger Institut für Textkritik haben zahlreiche Autoren und Verlage als Kritiker eines von oben verordneten Open Access im März 2009 den sogenannten Heidelberger Appell unterschrieben. Darin werden international systematische Urheberrechtsverletzungen mittels „illegaler Veröffentlichungen“ durch Plattformen wie Google Books oder YouTube ebenso angemahnt wie eine bedenkliche Beeinflussung durch die „Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen“ auf nationaler Ebene, namentlich etwa durch den Wissenschaftsrat (WR), die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die Leibniz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) oder die Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Laut Heidelberger Appell drohen dadurch „weitreichende Eingriffe in die Presse- und Publikationsfreiheit, deren Folgen grundgesetzwidrig wären.“

Kosten sollen ausgeglichen werden

Studentin in Bibliothek an Computer © ColourboxAngestoßen hat die neuere Diskussion ein Artikel des Germanisten Roland Reuß vom Institut für Textkritik in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Reuß sieht in der Tendenz zu digitaler Pflichtpublikationen eine Gefährdung der bewährten Infrastruktur mittelständischer Wissenschaftsverlage sowie die Preisgabe des Urheberrechts. Was die „Allianz“ in ihrer gemeinsamen Bemühung als Hinführung zu einer effektiveren Nutzung des Potentials von Wissenschaft und Wirtschaft betrachtet, ist für ihn bloßer Lobbyismus für einen „staatsmonopolistischen Verwertungskreislauf“.

Die „Allianz“ wehrt die Angriffe ab. Öffentlich geförderte Forschung solle zwar grundsätzlich durch Open Access publik gemacht werden. Jedoch verlöre kein Wissenschaftler dadurch seine Urheberrechte. Die „Allianz“ will sogar durch die Bereitstellung von Mitteln dafür sorgen, Kosten auszugleichen, die Verlagen durch Veröffentlichung im Open-Access-Verfahren entstanden sind.

Offen für die Welt des Wissens

Deutsche Forschungsgemeinschaft © DFGVielleicht weist ja die Idee der Deutschen Initiative für Netzwerkinformation (DINI Göttingen) in die richtige Richtung. Sie trägt dem Wandel der Informationsinfrastrukturen an den Hochschulen durch regionale und überregionale Förderansätze Rechnung. Mit Hilfe der DINI sollen Dokumenten- und Publikationsservices an den Hochschulen gefördert werden, um Informationen weltweit zugänglich zu machen. Mitglieder sind zahlreiche Universitätsrechenzentren sowie einige freie Rechenzentren, aber auch Staats-, Universitäts-, Fachhochschul- und Akademiebibliotheken.

Ein Mittel zur Koordinierung der Verfahren ist ein einheitliches DINI-Zertifikat. Es wird an deutsche Institutionen vergeben, die internationale Standards und Empfehlungen zu technischen und organisatorischen Anforderungen an Dokumenten- und Publikationsserver befolgen. Ziel ist es, die Vernetzung dieser Server durch Vereinheitlichung zu verbessern.

Das „Directory of Open Access“ an der Universität Lund hat die wohl konsequenteste Datenbank zur freien Verfügbarkeit digitaler Informationen aufgebaut. Hier sind alle Zeitschriften versammelt, die wissenschaftliche Volltexte online, frei und für Nutzer kostenlos zugänglich machen. Das ergibt einen eindrucksvollen Pool der Weltwissenschaft. Auch die Elektronische Zeitschriftenbibliothek (EZB) auf den Servern der Universität Regensburg sammelt alle elektronischen Zeitschriften, die im Internet verfügbar sind. Allerdings werden auch solche Publikationen gelistet, die nur über bestimmte Universitäts- oder Institutionsserver zugänglich sind oder keine Volltexte frei verfügbar machen.

Die „universale“ Bibliothek des amerikanischen Suchmaschinenkonzerns Google dagegen hat für den wünschenswerten wissenschaftlichen Austausch keine primäre Bedeutung und spielt für die demokratische Liaison von Forschung, Wissen und Gesellschaft momentan kaum eine Rolle.

Martin Zähringer
arbeitet als Kulturjournalist und Literaturkritiker (Neue Zürcher Zeitung, Frankfurter Rundschau, SWR, DLF) in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2009

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