Deutsche Bibliotheksszene

Das hörbare Tor zur Welt – die Westdeutsche Blindenhörbücherei

Magazin der Westdeutschen Blindenhörbücherei; © Westdeutsche BlindenhörbüchereiMagazin der Westdeutschen Blindenhörbücherei; © Westdeutsche BlindenhörbüchereiMit den Ohren lesen: Das ist für viele Blinde und Sehbehinderte weit mehr als Bildung, Unterhaltung und Literaturgenuss. Es ist Teilhabe an der Welt. Ermöglicht wird diese Teilhabe unter anderem durch die Westdeutsche Blindenhörbücherei (WBH) in Münster. Sie ist die größte ihrer Art im deutschsprachigen Raum.

Angefangen hat alles in einem Keller der Münsteraner Stadtbücherei: 1955 nahmen Schauspieler des Stadttheaters auf Bitten des Bibliotheksdirektors Hans Thiekötter in einem improvisierten, mit Eierkartons ausgekleideten Studio die ersten Hörbücher für Blinde und Sehbehinderte auf. Weil in den fünfziger Jahren noch Straßenbahnen an der Bibliothek vorbeiratterten, fanden die Produktionen in den ruhigen Nachtstunden statt.

„Damals wurden Tonbandspulen verschickt, die wurden dann umständlich eingefädelt“, erzählt der Geschäftsführer der Westdeutschen Blindenhörbücherei, Werner Kahle. Weil Abspielgeräte teuer waren, wurden Hörgemeinschaften gegründet: „Es gab ein Tonbandgerät im Dorf, und dann traf man sich in einem Wohnzimmer. Stellenweise kamen da bis zu 20 Menschen zusammen, Sehbehinderte, Blinde und Sehende.“

Tonbänder werden schon lange nicht mehr verschickt. Statt dessen versorgt die WBH ihre 8.500 Nutzer mit CDs und Audiokassetten, die wesentlich kompakter sind als Punktschriftbücher. 20.000 Tonträger gehen jeden Monat als portofreie Blindensendung in die Post. Die Hörerinnen und Hörer können aus rund 24.500 Titeln wählen.

Besonderes Urheberrecht für Blinde

Tonbandproduktion der Westdeutschen Blindenhörbücherei; © Westdeutsche BlindenhörbüchereiEin ärztliches Attest über eine Sehbehinderung ist Voraussetzung, um bei der WBH Hörbücher ausleihen zu können. Nur dann greifen die besonderen urheberrechtlichen Regelungen, die die Grundlage aller Blindenhörbüchereien in Deutschland sind.

„Wir dürfen jeden Titel, der in Deutschland erscheint, aufsprechen“, erläutert Werner Kahle. 350 Titel werden in Münster pro Jahr von den 30 freiberuflichen Sprecherinnen und Sprechern in eigenen Studios aufgenommen und digital aufbereitet. Eine Produktion kostet je nach Umfang des Buches zwischen 250 und 2.000 Euro. Um Dopplungen zu vermeiden, erfolgt die Auswahl der Titel in Absprache mit den anderen Blindenhörbüchereien. Insgesamt erscheinen so jährlich 1.200 neue Blindenhörbücher. „Das große Ziel, das alle Hörbüchereien haben, ist mehr zu produzieren“, sagt Kahle: Aktuell sei es viel zu wenig. Denn jährlich gibt es zwischen 80.000 und 100.000 neue Schwarzdruck-Titel, wie die herkömmlichen Bücher für Sehende genannt werden.

Besonders häufig nachgefragt werden in Münster die Bestseller, die einige Stunden unbeschwerter Unterhaltung garantieren: Rosamunde Pilcher, Ken Follett, Barbara Wood oder Heinz Günther Konsalik stehen ganz oben auf der Wunschliste. Aber auch Uwe Tellkamps Roman Der Turm wurde, da von der WBH empfohlen, bereits rund einhundert mal vorgemerkt. Sachbücher wie der medizinische Ratgeber-Klassiker Mensch, Körper, Krankheit gehören ebenfalls zu den Ausleih-Dauerbrennern.

„Der letzte Anker zum öffentlichen Leben“

Werner Kahle; © privat„Für viele Blinde ist das Hörbuch der letzte Anker zum öffentlichen Leben“, sagt Werner Kahle. Diese Anbindung an die „Welt da draußen“ ermöglichen auch Zeitschriften und Zeitungen wie Die Zeit, die tagesaktuell von der WBH als Hörbuch produziert werden. Im Gegensatz zu den restlichen Titeln sind Zeitschriften-Abos kostenpflichtig. Mit ihnen und einigen weiteren Produkten, die von der WBH vertrieben werden, erwirtschaftet die Blindenhörbücherei rund zehn Prozent des benötigten Jahresetats von einer knappen Million Euro. 40 Prozent werden durch öffentliche Zuschüsse getragen. Den Löwenanteil von 50 Prozent bestreiten jedoch die Nutzer durch Spenden.

„Die aktuelle Weltwirtschaftskrise merken wir sofort an den rückläufigen Spenden. Dann zittern wir hier, ob wir weiter die Gehälter für unsere elf Vollzeit- und sechs Teilzeitkräfte bezahlen können“, sorgt sich Werner Kahle. Liebend gerne würde er den Status, als gemeinnütziger Verein Teil der Blindenselbsthilfe zu sein, gegen eine Vollfinanzierung durch die öffentliche Hand eintauschen.

Kassetten machen Platz für DAISY

DAISY-CD; © Westdeutsche BlindenhörbüchereiEnde 2009 steht in allen Blindenhörbüchereien in Deutschland eine wichtige Änderung an: Dann werden keine Audiokassetten mehr verliehen, sondern ausschließlich DAISY-MP3-CDs, die bereits seit einigen Jahren im Umlauf sind. Als Digital Accessible Information System bezeichnet DAISY einen Standard, der weit über das herkömmliche Hörbuch hinausgeht. So passen nicht nur bis zu 35 Stunden auf eine CD: Der Nutzer kann auch Lesezeichen setzen und die Geschwindigkeit des Sprechers regulieren, ohne dass es geleiert klingt. Inhaltsverzeichnisse und weitere Zusatzinformationen, die sonst nur gedruckt vorliegen, werden auditiv erschlossen. Außerdem ist das seiten- und zeilengenaue Navigieren durch den Text möglich. Damit wird das DAISY-Hörbuch zu einem vollwertigen Ersatz für den Schwarzdruck.

Das Warten hat ein Ende

Für die Westfälische Blindenhörbücherei und ihre Hörer hat DAYSI einen weiteren Vorteil: Mit dem Standard können personenbezogene Exemplare für einzelne Nutzer gebrannt werden. Nach Vorgaben des Urheberrechts müssen diese Exemplare nach der Rückgabe geschreddert werden. Früher, zu Zeiten der Kassettenausleihe, sah es noch ganz anders aus: „Von einem Buch wie Rosamunde Pilcher hatten wir nur fünf Kopien, aber 500 Vorbestellungen“, erläutert Kahle. „Da hat es schon mal Jahre gedauert, ehe die Hörer ihr Buch bekommen haben. Einige sind leider darüber gestorben.“

Um die Funktionen der DAISY-CDs nutzen zu können, braucht man ein spezielles Abspielgerät, das rund 370 Euro kostet. „Das sind erhebliche Kosten für unsere Hörer“, sagt Kahle. Darum versucht die WBH zusammen mit Geräteherstellern, Lösungen wie Leasing-Angebote zu finden.

Vielleicht werden sich ja in Deutschland ähnlich wie in den Anfängen der Westfälischen Blindenhörbücherei wieder Hörgemeinschaften bilden. Für Werner Kahle könnte dies eine Option in Alten- oder Pflegeheimen sein: „wenn die Leute noch einigermaßen mobil und nicht bettlägerig sind. Ich fürchte nur, von der Mentalität ist es nicht mehr angesagt, dass man sich zu mehreren Menschen zusammensetzt und gemeinsam lauscht.“

Sabine Tenta
arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2009

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