Deutsche Bibliotheksszene

Für eine nationale Strategie zur Bestandserhaltung: Gespräch mit Barbara Schneider-Kempf

Barbara Schneider-Kempf; © Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer KulturbesitzBarbara Schneider-Kempf; © Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer KulturbesitzIn ihrer Denkschrift „Zukunft bewahren“ fordert die Allianz Schriftliches Kulturgut ein nationales Konzept zur Bestandserhaltung. Die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, Barbara Schneider-Kempf, erklärt, warum die Originalerhaltung von Handschriften, Archivalien und Druckwerken effizienter gefördert werden muss.

Frau Schneider-Kempf, Sie haben dem Bundespräsidenten Ende April 2009 die Denkschrift „Zukunft bewahren“ übergeben. Warum ist die Bestandserhaltung eine nationale Aufgabe?

Zunächst einmal: weil es um nationales Kulturgut geht. Zudem kann die Erhaltung der in den Archiven und Bibliotheken verwahrten Überlieferung in Anbetracht der großen Mengen nicht mehr allein von den Trägern der jeweiligen Einrichtungen sichergestellt werden. Hier bedarf es einer nationalen Anstrengung.

Reichen die regionalen Aktivitäten, die bereits stattfinden, nicht aus? Das geht ja von spektakulären Rettungsaktionen bis hin zu Buchpatenschaften ...

Ich glaube, dass die Bestandserhaltung wesentlich wirksamer angegangen werden kann, wenn sie von einer nationalen Ebene aus betrachtet wird. Das heißt natürlich nicht, dass der Bund diese Aufgabe komplett übernehmen soll. Das würde ja auch unserer föderalen Verfassung widersprechen.

Unser Vorbild ist der Denkmalschutz. Hier gibt es im ganzen Land regionale Aktivitäten, sie werden aber an einer Stelle gebündelt – und entfalten so eine ganz andere Kraft.

Verteilte Verantwortung für die Erhaltung

Restaurationsmethode; © Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer KulturbesitzWas fordern Sie konkret?

Wir fordern eine koordinierte Vorgehensweise im Bund und in den Ländern. Es gibt Bundesländer, die im Bereich Bestandserhaltung herausragend aufgestellt sind, wie Sachsen. Doch das ist längst nicht in allen Ländern der Fall.

Was soll denn erhalten bleiben?

Man kann nicht alles erhalten. Das wäre nicht realisierbar. Deshalb haben wir Überlegungen angestellt, wie eine verteilte Verantwortung aussehen kann, sprich: wer was wo erhalten sollte. Dazu gibt es klare Aussagen. Die Originale etwa, die vor 1850 entstanden sind, sollen komplett erhalten werden. Für alles, was später entstanden ist, haben wir verantwortliche Bibliotheken benannt. Die Verteilung ist angelehnt an die Schwerpunktbildung der Bibliotheken, an die Virtuelle deutsche Nationalbibliothek, die „Sammlung deutscher Drucke“ und die Sondersammelgebiete.

Aber Sie fordern auch Geld ...

Ja, das ist die unausweichliche Konsequenz. Wir fordern jährlich 10 Millionen Euro. Das ist das Doppelte von dem, was unseren Schätzungen zufolge gegenwärtig an Mitteln für Bestandserhaltung aufgebracht wird.

Digitalisierung ist kein Allheilmittel

Tintenfraß; © Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer KulturbesitzAngesichts von Säure-, Tintenfraß und Schimmelbefall: Wie schnell muss etwas geschehen?

Ich halte es nicht für zielführend, ein Horrorszenario zu entwerfen. Aber ganz sicher ist: Wenn langfristig nicht mehr geschieht als bisher, werden Verluste eintreten.

In den nächsten Jahrzehnten soll die gesamte gedruckte Überlieferung auch digital verfügbar gemacht werden. Ist die Digitalisierung ein Allheilmittel?

Nein. Digitalisierung ist nur die Ergänzung zur Erhaltung der Originale, nicht die Alternative dazu. Mithilfe der Digitalisierung können wir sehr empfindliche, wertvolle Materialien schützen. Wenn die Inhalte digital vorliegen, kann man die Benutzung der Originale stark zurücknehmen. Doch das Original wird damit keineswegs ersetzt.

Inwieweit kann man sich an den Strategien anderer Länder orientieren?

Hier ist es schwer, Vergleiche zu ziehen. Im Unterschied zu Ländern wie Großbritannien oder Frankreich haben wir in Deutschland ja keine Nationalbibliothek – zumindest nicht in dem Sinne, dass das schriftliche Kulturgut der letzten Jahrhunderte dort versammelt wäre. In Deutschland ist ja alles verteilt.

Katastrophen sensibilisieren

Brennende Anna-Amalia-Bibliothek; © Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer KulturbesitzWie schätzen Sie die Aussichten auf den Erfolg Ihrer Initiative ein?

Das ist schwer zu sagen. Wenn man mit solchen Forderungen ankommt, kann man nicht erwarten, dass man Begeisterung auslöst.

Allerdings ist durch die beiden schrecklichen Katastrophenereignisse der letzten Jahre, also durch den Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar 2004 und den Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 doch ein Bewusstsein für das Thema Bestandserhaltung entstanden. Ich hoffe, dass wir zusammen mit unserem großen Verbündeten, dem Bundespräsidenten Horst Köhler, weitere Aufmerksamkeit erringen können. Und ich hoffe auch, dass sich diese Aufmerksamkeit letztlich in einer Unterstützung unserer Anliegen niederschlagen wird.

Die 2001 gegründete „Allianz zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts“ ist ein Zusammenschluss von elf deutschen Archiven und Bibliotheken mit umfangreichen historischen Beständen. Sie will die in ihrer Existenz gefährdeten Originale der reichen kulturellen und wissenschaftlichen Überlieferung sichern. Die in der Allianz zusammengeschlossenen Einrichtungen arbeiten eng mit dem Kompetenznetzwerk für Bibliotheken, der Initiative Deutsche Digitale Bibliothek und nestor, dem Kompetenznetzwerk für Langzeitarchivierung, zusammen.
Dagmar Giersberg
arbeitet als freie Journalistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2009

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema