Bildende Kunst

Auf der Suche mit Mischa Kuball

Kuball (Ausschnitt)
Mischa Kuball (geb. 1959 in Düsseldorf) lebt in Düsseldorf und ist seit Oktober 2007 Professor für Medienkunst: Holografie und Lichtkunst an der Kunsthochschule für Medien, Köln. Er begann 1980 durch Schnitte und Kollagen auf Karton sich mit Architektur- und Raumstrukturen zu befassen.

Das Arbeiten mit einem festen Bildträger hat er lange verlassen und sich einem phänomenalen Material zugewandt, das weite Raumdistanzen mühelos überwindet, weithin sichtbar wirkt und sich deshalb hervorragend als öffentliches Kommunikationsmittel einsetzen lässt: Licht.
Dieser Artikel konzentriert sich auf die temporären Arbeiten, um ihm und seinem Medium näher zu kommen.

Megazeichen, Düsseldorf, 1990

Mannesmann war nie schöner. Das 23 Stockwerke hohe Bürogebäude der Düsseldorfer Aktiengesellschaft leuchtete in semiotischen Zeichen weithin in die Großstadtnacht. Die Fassade, die sich bei Tag wie eine Außenhaut aus endlosen Fensterquadraten um den rechteckigen Baukörper legt, gliederten nachts gleißend helle waagrechte und senkrechte Bänder aus Licht, ihrem eigenen visuellen Rhythmus folgend. Frappierend einfach dafür das technische Mittel – für sechs Wochen blieb nachts in bestimmten Büros und Fluren des Hochhauses das Licht an. Die erhellten Fenster verbanden sich zu den Megazeichen, so der Titel des Projektes von 1990, das heute Geschichte ist, wie Mannesmann selbst. Der Konzern verlor 2000, nach dem erfolgreichsten Geschäftsjahr seines Bestehens, die spektakuläre Übernahmeschlacht gegen das britische Telekommunikationsunternehmen Vodafone.

Megazeichen
Dass die Megazeichen für kurze Zeit die Macht hatten, aus einem Objekt ökonomischer Interessen etwas anderes zu machen, erzählt von der Kunst des Mischa Kuball. Wie andere Künstler seiner Generation entzieht er seine Kunst der Musealisierung. Ein wesentlicher Teil seiner Projekte ist temporär und mitten in das öffentliche Leben integriert. Ihr Potential ist die öffentliche Auseinandersetzung, sozial, politisch, ethisch, wie es Peter Weibel in seinem Essay über Kuball formulierte. Die Kunst des Mischa Kuball entsteht nicht über feste Materie, sondern über Licht - Kunstlicht. In seinem Wesen ein technisches Medium, das sich sowohl als elektromagnetische Welle wie auch als Strom von Teilchen im Raum ausbreitet, in der gleichen Geschwindigkeit wie optische Wellen. Alles Sichtbare auf dieser Welt ist deshalb an das Licht gebunden. Mit diesen physikalischen Eigenschaften des Lichts arbeitet der Künstler, so wie er mit der urbanen Nacht in den Straßen und öffentlichen Plätzen, den Schatten und der Dunkelheit von Innenräumen arbeitet, um durch die Beleuchtung Zusammenhänge sichtbar werden zu lassen.

Greenlight, Montevideo, 1999

Ein Lichtpunkt über dem Eingang eines Hauses kann die Anwesenheit seiner Bewohner markieren. Das Licht leuchtet für sie. In der Calle Democracia in Montevideo installierte Kuball einfache grüne Baulampen über den Türrahmen verlassener, zugemauerter Häuser des Straßenzuges. Das Viertel, in dem er liegt, der Barrio Reus, galt im letzten Jahrhundert als Zentrum jüdischer Emigranten. Die grüne Lichterkette entfaltete erst mit der Dämmerung ihre irrationale Wirkung vor den Fassaden des Verfalls, vor dem Zurücksinken in das Vergessen der Geschichte.

Leerstand, Leipzig, 1994

Light Bridge
Ein Lichtbündel kann die räumliche Distanz von einer Straßenseite zur anderen überbrücken. Im nächtlichen Leipzig richtete Kuball zwei Suchscheinwerfer aus einer bewohnten Wohnung auf die leer stehende Wohnung gegenüber. Die Lichtkegel machten die Abwesenheit grell sichtbar. In der Zeit nach dem Ende der DDR eine Kennzeichnung für die Umbrüche, die sich nicht nur hinter Häuserfassaden vollzogen. In Leipzig wurden die leer stehenden renovierungsbedürftigen Wohnungen zu Spekulationsobjekten, die etlichen der neuen Besitzer keine Gewinne, sondern den Ruin brachten.

Licht mit einem Prozess des Bewusst-Seins oder Bewusst-Werdens zu verbinden, ist nicht neu, sondern führt zurück zu den Grundlagen unseres westlichen Denkens - und Glaubens. Von der antiken Philosophie an gilt das Licht als Metapher für das kognitive Phänomen geistiger Wahrnehmung und Erkenntnis. Seit der Epoche der Aufklärung (im Englischen bezeichnenderweise „Enlightenment“) weisen wir diesen Prozessen des Denkens eine immer größere Bedeutung zu.

Zwei Abendräume für Köln, 2006 (Kooperationsprojekt in St. Peter und St. Cäcilien/Schnütgenmuseum)

Das Licht, das aus der Nacht und der Dunkelheit hervortritt, mit den metaphysischen Phänomena des Glaubens bis hin zur epiphanen Erscheinung zu verbinden, ist seit der Geburt Christi in der westlichen Religion verankert. Architekturschöpfungen wie die Hagia Sophia oder Chartres wurden in dieser Auffassung errichtet, und auch in jedem anderen mittelalterlichen Kirchenbau ist sie manifest. Die Apsis, das Halbrund, das den Altar umschließt, war als der heiligste Ort angesehen, als ein für die Christen des Mittelalters ganz konkreter Ort der Anwesenheit Gottes. Deshalb war dieser Teil der Kirche der hellste, der, dem die meisten Fenster vorbehalten wurden.

Buchcover
In der gotischen Kirche St. Peter (ab 1513 gebaut) positionierte Kuball vor der Apsis im Erdgeschoss und auf der Empore vier mit- und gegeneinander rotierende Diaprojektoren. Die singulären vertikalen und horizontalen Lichtstrahlen der Projektoren „tasteten“ den Raum ab und trafen sich für Momente zu einem großen kreuzförmigen Schnittpunkt. Kuball machte den Ort des Glaubens damit zu einer Ortung des Glaubens. In der Stille des Kirchenraumes übernahm das mechanische, durch Wissen und Technik produzierte Licht die Funktion des Suchens. Nicht alle grundlegende Fragen des Seins ließen sich seit der Aufklärung mit rationalem Denken lösen. So sehr der moderne, der aufgeklärte Mensch das Weltbild des Glaubens in Zweifel zieht oder es negiert, so sehr ist seine Suche nach der Begegnung mit Gott geblieben.

Mischa Kuball: ...in progress. Projekte 1980-2007. Hrsg. Florian Matzner. Hatje Cantz Verlag, 2007; Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-7757-1926-1

Susanne Nusser
ist Kunstjournalistin und Editorin des Internet-Magazins nachrichtenkunst

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
November 2007

Links zum Thema

Bildende Kunst in Deutschland

Artikel und Links zu ausgewählten Themen

Dossier: Medienkunst in Deutschland

Geschichte, Strömungen, Namen und Institutionen

Künstlerhäuser

Überblick über diese Form der Künstlerförderung in Deutschland