Bibliothekswesen

„Wer nur den Alltag organisiert, kommt nicht weiter“

Eingangsrotunde der SUB Göttingen; Copyright: SUB Uni Göttingen/Foto: Ronald SchmidtNorbert Lossau; Copyright: Universität BielefeldZum vierten Mal in Folge hat die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB) 2007 den ersten Platz im Bibliotheksindex BIX belegt. Wir haben mit Norbert Lossau, dem Direktor der Bibliothek, über diesen Erfolg und seine Zukunftspläne gesprochen.

Herr Lossau, wie erklären Sie sich den dauerhaften Erfolg Ihrer Bibliothek?

Eine unserer ganz starken Säulen ist der Bereich Einwerbung von Dritt- und Sondermitteln. Außerdem tun wir viel im Bereich Nutzerfreundlichkeit – schauen Sie sich etwa unsere erweiterten Öffnungszeiten an. Montag bis Freitag haben wir von 7 bis 1 Uhr nachts geöffnet, am Wochenende von 9 bis 21 Uhr. Auch das spielt sicher eine wesentliche Rolle für die gute Bewertung beim BIX.

Sie haben allein im vergangenen Jahr (2006) knapp 8 Millionen Euro an Dritt- und Sondermitteln eingeworben. Das ist mehr als das Sechsfache der durchschnittlichen Drittmittelquote zweischichtiger Universitätsbibliotheken. Wie gelingt so etwas?

Eingangsrotunde der SUB Göttingen; Copyright: SUB Uni Göttingen/Foto: Ronald SchmidtDas ist eine Kombination aus unterschiedlichen Faktoren. Zum einen muss es immer Leute geben, die Ideen haben, wie man Services und die Bibliothekslandschaft insgesamt weiterentwickeln kann. Wenn man sich damit nicht auseinandersetzt und nur den Alltag organisiert, kommt man in diesem Bereich nicht weiter.

Eine gute Idee allein reicht allerdings nicht aus. Sie wollen sie ja auch finanziert bekommen. Also müssen Sie sich – das ist der zweite Punkt – mit den Förderstrukturen und -programmen vertraut machen und beobachten, was sich dort tut.

Der dritte Aspekt: Wenn man wie wir eine große Zahl von Projekten führt, braucht man eine stärkere Koordination. Unsere Abteilung „Forschung und Entwicklung“, das Digitalisierungszentrum und auch unsere Kollegen in den Sondersammelgebieten, historischen Sammlungen etc. sind bei uns die „Brutstätten“ für neue Projekte, die mit Drittmitteln realisiert werden.

Zusätzlich haben wir aber auch im Bereich Erwerbung aktive Kolleginnen und Kollegen, die sich beim Einwerben von Sondermitteln – etwa bei den Nationallizenzen und im Niedersachsen-Konsortium – sehr bewähren.

Sie haben einmal formuliert, dass es zu den vordringlichen Aufgaben einer modernen wissenschaftlichen Bibliothek gehört, zukunftsweisende Dienstleistungsangebote aufzubauen. Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Aktivitäten in diesem Bereich?

Universitätsbibliothek Göttingen; Copyright: Foto: Tobias Möller-WalsdorfWir sind dabei, unsere physikalischen Bibliotheken zu Lernwelten weiterzuentwickeln. So richten wir etwa zusammen mit unseren Medizinstudenten eine Lernlandschaft ein – mit einem ärztlichen Trainingszentrum, einem Learning-Ressourcen-Center mit Gruppenarbeitsplätzen und einer Mischung aus Büchern und multimedialen Services.

Daneben beschäftigt uns schon seit längerem das Thema Informationskompetenz. Wir wollen daran arbeiten, dass wir in diesem Bereich über Recherche-Schulungen hinauskommen und dass unsere Angebote in Zukunft in ein uniweites Konzept für Schlüsselkompetenzen eingebunden sind.

Zudem möchten wir unseren Wissenschaftlern eine Publikationsinfrastruktur anbieten. Es gibt bereits den Uni-Verlag, der sehr gut angenommen wird. Daneben sorgen wir im digitalen Bereich für den Aufbau und den Betrieb von Publikations- und Dokumentenservern sowie Repositorien, um die Forschungsergebnisse unserer Uni für alle und nach außen sichtbar bereitzustellen.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Probleme, mit denen wissenschaftliche Bibliotheken zu kämpfen haben?

Unser größtes Problem sind die Finanzen, weil der Gesamtetat an den Universitäten immer knapper wird und damit der Verteilungskampf immer härter. Probleme bereiten uns im Moment die Kosten für elektronische Zeitschriften.

Anfang Oktober haben Ihre Bibliothek und der Wissenschaftsverlag Springer eine Vereinbarung geschlossen, um Forschungsliteratur online kostenfrei zugänglich zu machen. Was ist das Besondere an dieser Vereinbarung?

Der historische Bibliothekssaal auf einem Stich aus dem 18. Jahrhundert; Copyright: Foto: SUB GöttingenDas Besondere ist, dass wir unseren bestehenden Subskriptionsvertrag als Finanzvolumen eingesetzt haben, um diese Vereinbarung zu erreichen. Sprich: Wir bezahlen nur eine sehr begrenzte Summe zusätzlich zum Abopreis und ermöglichen unseren Autoren damit, kostenlos zu publizieren statt wie sonst üblich 3000 Dollar zu zahlen.

Für uns ist das ein Weg, um langfristig das Ziel Open access zu erreichen – und damit umzusetzen, was die Wissenschaftsorganisationen mit der Berliner Erklärung von uns fordern.

Im Juni 2007 haben Sie zusammen mit der Deutschen Nationalbibliothek (DNB), der Gesellschaft für wissenschaftliche Datenverarbeitung Göttingen und IBM Deutschland vereinbart, ihre Zusammenarbeit auf dem Gebiet der digitalen Langzeitarchivierung langfristig fortsetzen zu wollen. Was ist noch zu tun?

Teilweise sind noch technische Entwicklungen notwendig, denn im bisherigen Projekt kopal sind noch nicht alle Formate bearbeitet worden. Zudem ist das, was dort entwickelt wurde, auf die Workflows der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) und der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB) abgestimmt. Nun gilt es, dies auf andere Workflows anzupassen.

Das Wichtigste ist aber: Wir müssen ein Service- und Geschäftsmodell erstellen, aus dem hervorgeht, wer zukünftig die Langzeitarchivierung in Deutschland übernehmen wird. Es ist die Frage, ob sich unter der Führung der DNB zukünftig die Verantwortung und Durchführung auf mehrere Standorte verteilen wird. Völlig ungeklärt ist dabei noch die Frage der Finanzierung.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Oh, da könnte man vieles sagen. Ich würde mir wünschen, dass die Unibibliotheken in die Infrastrukturplanung der Universitäten voll integriert werden – was wiederum voraussetzt, dass es eine solche systematische Infrastrukturplanung gibt.

Außerdem wünsche ich mir die arbeitsteilige Entwicklung von digitalen Services, die dann in einen großen Dienstekatalog landen, den jeder nutzen kann. Auch ein bibliotheksübergreifender Service für die Erschließung elektronischer Quellen wäre wünschenswert. Es ist nicht einzusehen, warum wir die gleichen Medien an allen Standorten immer wieder neu und vielfach lizenzieren und erschließen.

Ein weiteres Anliegen wäre mehr Kostentransparenz bei den Verlagen. Und schließlich wünsche ich mir eine intensivere Zusammenarbeit zwischen der Bibliothek und den Wissenschaftlern und Studierenden. Wir sollten wesentlich stärker als bisher die tatsächlichen Arbeitsbedingungen und -vorgänge beobachten, um Studierenden wie Forschern neue Vorschläge dazu machen können, wie wir sie besser unterstützen können.

Dagmar Giersberg
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

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Februar 2008

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