Bibliothekswesen

Für mehr Chancengleichheit – Die Arbeit in Kinder- und Jugendbibliotheken

In der Kinderbibliothek; Copyright: picture-alliance / ZBSusanne Brandt; Copyright: Susanne BrandtKinder und Jugendliche haben ganz eigene Bedürfnisse an Bibliotheksangebote. Wie die aussehen, erklären Ute Hachmann (Stadtbibliothek Brilon) und Susanne Brandt (Gemeindebücherei Westoverledingen), die beide Mitglieder der Expertengruppe Kinder- und Jugendbibliotheken im Deutschen Bibliotheksverband sind.

Frau Hachmann und Frau Brandt, was müssen Kinder- und Jugendbibliotheken heute leisten?

Ute Hachmann: Im Spannungsfeld wachsender Medieneinflüsse, denen Kinder und Jugendlichen von klein auf und in unterschiedlichsten Formen ausgesetzt sind, ist eine der Hauptaufgaben von Kinder- und Jugendbibliotheken, die Chancengleichheit bei der Zugänglichkeit zu Informationen und Medien gewährleisten.

Als Bildungspartner suchen sie den permanenten Austausch mit Familien, Kindergärten, Schulen und bauen nachhaltige Kooperations- und Netzwerkstrukturen auf. Möglichst wohnraumnah bieten sie Kindern und Jugendlichen einen leicht zugänglichen öffentlichen Raum, der sich ohne kommerzielle Interessen mit Informationen, Medienangeboten, kreativen und phantasiestiftenden Impulsen und menschlichen Begegnungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche einladend öffnet; daneben aber auch Freiräume bietet, um sich zweckfrei als Persönlichkeit wahrzunehmen und spielerisch zu erproben.

Susanne Brandt: Dabei muss die Kinder- und Jugendbibliothek die multikulturellen Gegebenheiten am Ort ebenso im Blick haben wie die vielfältigen sozialen und familiären Lebensformen. Leseförderung fängt damit an, dass eine wohltuende sprachanregende Umgebung geboten wird!

Was hat sich an den Bedürfnissen dieser Zielgruppe in den letzten Jahrzehnten geändert?

Ute Hachmann in der Kinderbibliothek; Copyright: BuB/Foto: Bernd SchlehUte Hachmann: Es gibt heute größere Wahlmöglichkeiten zwischen verschiedenen Medienangeboten und somit auch größere Anforderungen an die Kompetenz, sich auf dem Markt der Möglichkeiten zu orientieren und sicher damit umzugehen. Weitere wichtige Punkte sind die multikulturelle Vielfalt und zum Teil große soziale Unterschiede, die Auswirkungen haben auf die Bildungschancen und die Möglichkeiten der kulturellen Teilhabe. Zudem spielt heute die wertschätzende Zuwendung und ein sprachanregendes Miteinanderspielen im Umgang mit Kindern auch in der Bibliothek eine zunehmend wichtige Rolle, da beides im persönlichen Umfeld der Kinder oft nicht mehr optimal erlebt wird, jedoch zu den Grundvoraussetzungen einer positiven Sprach- und Leseentwicklung gehört.

Was unterscheidet diese Zielgruppe von anderen?

Susanne Brandt: Im Kinder- und Jugendalter geht es in besonderem Maße darum, sich wichtige Schlüsselkompetenzen anzueignen, passende Bildungswege zu entdecken und wahrzunehmen, kulturelle Teilhabe aktiv zu erleben und einzuüben, verlässliche Begleitung durch andere zu erleben, aber auch zweckfreie Erfahrungen der Persönlichkeitsbildung zu sammeln. Die persönliche wertschätzende Beziehung der Mitarbeitenden zu den Kindern und Jugendlichen spielt dabei eine besondere Rolle und sollte sich in einer Atmosphäre des Vertrauens und der gegenseitigen Inspiration gut entwickeln lassen.

Gibt es spezielle Anforderungen an die Architektur von Kinder- und Jugendbibliotheken?

Ute Hachmann: Wir brauchen inspirierende Räume, die ein großes kreatives und fantasiestiftendes Potenzial in sich tragen und die Sinne positiv ansprechen, und eine kommunikative Atmosphäre, in denen Menschen sich wohl fühlen und miteinander etwas tun können.

Wo gibt es in Deutschland in diesem Bereich nachahmenswerte Beispiele für modernen Bibliotheksbau?

Copyright: Colourbox.comSusanne Brandt: In Ansätzen hatte die Kinderbücherei der HÖB am Grindel in Hamburg – die demnächst geschlossen wird – einerseits ihren Sitz mitten im Wohnumfeld zahlreicher, auch sozialschwacher Familien, benachbarten Schulen und Kindergärten. Das bedeutet eine gute Lebensweltnähe und Erreichbarkeit auch für Kinder "ohne Fahrdienst". Andererseits war es hier gelungen, die relativ unscheinbaren Räume im Erdgeschoss eines Hochhauses ästhetisch anregend und kindgerecht zu gestalten.

Ute Hachmann: Ein sehr gutes Beispiel für innovative Jugendbibliothekskonzepte ist die Hamburger Jugendbibliothek "Hoeb4u", die in einer alten Fabrik untergebracht ist und sich ausschließlich um Freizeitbedürfnisse der Jugendlichen kümmert. Dieses schlägt sich deutlich im Raumkonzept wieder.

Planer deutscher Kinder- und Jugendbibliotheken werfen zurzeit gerne einen Blick ins benachbarte Ausland. Ein Aushängeschild unserer niederländischen Kollegen ist die Bibliothek in Heerhugowaard. Als "Bibliothek der 100 Talente" geht sie sehr offen und kreativ mit den unterschiedlichen Bedürfnissen von Kindern um und beruft sich in ihrem Konzept auf die Theorie der multiplen Intelligenz von Howard Garner.

Welche bibliothekarischen Konzepte haben sich in der jüngsten Zeit als besonders erfolgreich erwiesen?

Susanne Brandt: Ideenreiche und beständige Strukturen der Zusammenarbeit mit Partnern am Ort – also Schulen, Kindergärten, Familien, sozialen und kulturellen Institutionen –, die von einem persönlichen und ehrlichen Engagement eines motivierten Teams getragen sind. Beispiele sind dafür das "Wortstark"-Konzept der Stadtbibliothek Berlin-Kreuzberg, Friedrichshain, und das Projekt "Bildungspartner Bibliothek und Schule in NRW", in dem über 120 Bibliotheken in ihren Kommunen strukturiert mit Schulpartnern an gemeinsamen Zielen arbeiten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ute Hachmann: Verbindliche Mindeststandards der flächendeckenden bibliothekarischen Versorgung auf einem professionellen Niveau auch im ländlichen Raum, das eine langfristige und verlässliche Versorgung gewährleistet und es ermöglicht, auch gute und vertrauensvolle menschliche Beziehungen zu den Kindern aufzubauen.

Susanne Brandt: Ja, und auch mir wären gut durchdachte und passend ausgestattete Zweigstellen- und Grundversorgungsbibliotheken dort, wo die Kinder und Jugendlichen tatsächlich leben, spielen, wohnen, lernen deutlich lieber als imposante "Vorzeigeobjekte" in den Innenstädten der Metropolen, die von den Kindern nur in Begleitung ihrer Eltern erreicht werden können.

Die Fragen stellte Dagmar Giersberg.
Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn

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Juni 2008

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