1.0, 2.0, 3.0 – die Evolution des Bibliothekskataloges im Internet und das Beispiel „beluga“

In manchen Bibliotheken mag man ja noch einen alten Zettelkatalog finden, dessen Prinzip über Generationen immer das gleiche war. Seine elektronischen Nachfolger indes befinden sich in einer rasanten Entwicklung.Zuerst war der OPAC: Die elektronische Version des Bibliothekskataloges, ohne tiefergehende Kenntnisse in der bibliothekarischen Erschließung sinnvoll zu nutzen und dies nicht nur vor Ort in der Bibliothek, sondern zunächst über Telnet und später über das WWW. Web-OPACs gehören seit Mitte der 1990er-Jahre zur Produktpalette der Anbieter von Bibliothekssystemen. In der „Gründerzeit“ des Internets konnten Bibliotheken durchaus mit dem Mehrwert der bloßen Zugänglichkeit über das Web punkten – ein besonders beliebtes Rechercheinstrument war die Version 1.0 des Katalogs im Netz wohl dennoch nie, was die rasche Abwanderung von Benutzerinnen und Benutzern zu anderen Informationsdienstleistern beweist, wie einschlägige Studien zu bevorzugten Einstiegspunkten in die wissenschaftliche Recherche belegen.
„Next Generation Catalogs“
Kommerzielle Anbieter von Bibliothekssystemen, vor allem aber auch Bibliotheken selbst haben dieses Phänomen zum Anlass genommen, den WebOPAC zum Katalog 2.0 weiterzuentwickeln. Mit den „Next Generation Catalogs“, wie der Katalog 2.0 im angloamerikanischen Raum genannt wird, werden neue Wege bei Technik, Erschließung, Präsentation und Entwicklungsarbeit am Herzstück der bibliothekarischen Dienstleistungen beschritten:
1. Flexible Systemarchitektur: Für den Katalog 2.0 werden Metadaten unterschiedlicher Herkunft mit Suchmaschinentechnologie indexiert. Weitere Informationen wie Hinweise zur Verfügbarkeit sowie ergänzende Metadaten wie Buchcover oder Inhaltsverzeichnisse werden über Schnittstellen abgefragt und gemeinsam mit den bibliografischen Informationen in der Präsentationsschicht zur Ansicht gebracht. Der Katalog 2.0 ist also vom herkömmlichen Bibliothekssystem entkoppelt, was neue Möglichkeiten für die Integration weiterer Metadaten und zusätzlicher Dienste schafft.
2. Schnittstellen und Standards: Der Katalog 2.0 stellt Schnittstellen zur Verfügung, über die Metadaten in andere Umgebungen und Anwendungen übernommen werden oder von dort aus durchsuchbar gemacht werden können. Der Katalog 2.0 ist auch ein Experimentierfeld für den Einsatz neuer bibliothekarischer Datenmodelle wie FRBR, die unter anderem für die Zusammenführung unterschiedlicher Auflagen und Ausgaben einzelner Werke und damit für mehr Übersichtlichkeit sorgen wollen.
3. Entdecken statt suchen: Der Katalog 2.0 macht die inhaltliche Erschließung besser sichtbar und nutzbar – beispielsweise durch das Angebot von Browsing-Funktionen und den sogenannten Drilldowns, der Möglichkeit zur nachträglichen Eingrenzung von Treffermengen durch weitere relevante Schlagwörter und andere Erschließungsmerkmale.
4. Tagging und Co.: In Ergänzung zu der bibliothekarischen Erschließung vergeben Benutzerinnen und Benutzer im Katalog 2.0 eigene Schlagwörter, bewerten oder rezensieren Literatur und stellen eigene Literaturlisten zusammen, die sie zur Einsicht für andere öffnen können. Diese zusätzlichen Metadaten – auch als „user generated content“ bezeichnet – können für die Entwicklung von Empfehlungsdiensten herangezogen werden.
5. „Usability“ und „User Experience“: Die Entwicklung des Katalog 2.0 wird vielerorts von den Benutzerinnen und Benutzern begleitet. Zum einen durch Usability-Tests, mit denen die Gebrauchstauglichkeit geprüft und optimiert wird, zum anderen in Form von teils umfangreichen Studien, in denen die Anforderungen an den Katalog erforscht und Ideen für neue Funktionalitäten getestet werden – vor allem für solche, die in der Lage sind, die niedrigen Sympathiewerte des konventionellen Kataloges zu verbessern.
Das Projekt „beluga“
Leitlinie der Entwicklung von beluga, einem Katalog 2.0-Projekt von wissenschaftlichen Bibliotheken in Hamburg, ist die Orientierung an den Bedürfnissen der Benutzerinnen und Benutzer. Eine der „klassischen“ Funktionen des Katalog 2.0, das Tagging, wird es bei beluga zunächst nicht geben – weder Studierende noch Lehrende konnten sich für diese Funktion begeistern, ebenso wenig für die Möglichkeit des Öffnens von persönlichen Literaturlisten für andere. Auch Studien aus dem angloamerikanischen Raum zeigen, dass diese sozialen Funktionen des Katalog 2.0 derzeit noch nicht die erhoffte Akzeptanz finden und sich die oft zitierte Vision vom Katalog als Instrument des kollaborativen Wissensmanagements nicht erfüllt.
Der Grund dafür liegt möglicherweise darin, dass den Benutzerinnen und Benutzern dringendere Probleme auf den Nägeln brennen: Auf der ersten Seite der Trefferliste sollen möglichst schon alle relevanten Titel zu einem Thema genannt werden – keine kleine Herausforderung für die Arbeit an den entsprechenden Algorithmen für die Relevanz-Sortierung sowie die Benennung und die Platzierung der erwähnten Drilldowns.
Positiv aufgenommen werden in der Regel auch diejenigen Funktionen, die die Weiterverwendung von bibliografischen Informationen erlauben: Das Angebot von unterschiedlichen Zitierstilen und Ausgabeformaten für Textverarbeitung und Literaturverwaltung, aber auch die Schnittstellen, die die Abfrage des Kataloges aus anderen Anwendungen heraus erlauben oder den Export von persönlichen Listen in Lernmanagementsysteme und soziale Netzwerke.
Die nächste Stufe in der Evolution des Kataloges ist übrigens auch schon in Sicht: Dabei wird es darum gehen, Normdaten und andere Elemente der bibliografischen und Verfügbarkeitsinformationen mit Identifikatoren auszustatten und diese somit auch für den Gebrauch außerhalb des Kataloges verwendbar zu machen. Der reiche Schatz an Metadaten und Informationen aus Bibliotheken wird dazu beitragen, die dritte Generation von Internetdiensten, das Semantische Web, das Bezüge zwischen Themen, Orten und Personen herstellen will, zum Leben zu erwecken.
ist Bibliothekarin in der Abteilung IuK-Technik, Digitale Bibliothek der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg. Sie leitet dort das Projekt „beluga“ und ist nebenbei als Referentin und Autorin rund um das Thema Bibliothek 2.0 aktiv.
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September 2009
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