
Die Herausforderung des Ostens
Die Herausforderung des Ostens
Bis 1989 war die Literatur der alten Bundesrepublik sehr auf sich bezogen. Im Vordergrund standen Auseinandersetzungen mit privaten Erfahrungen und mit der Aufsplitterung des Ich. Davon säuberlich getrennt existierte die DDR-Literatur. Dann kam die große tabula rasa.
Ein neuer Autorentypus trat auf den Plan: Schriftsteller, die in der DDR groß geworden waren und die gesellschaftlichen Veränderungen in den nun neuen Bundesländern registrierten, wie Durs Grünbein, Lutz Seiler und Ingo Schulze. Dieser erzielte 1998 mit „Simple Storys“ einen überwältigenden Erfolg und gilt seitdem als der Protagonist eines spezifischen Ost-Gefühls. Mit dem scheinbar leichtfüßigen Roman „Adam und Evelyn“ (2008) erzählte er die Geschichte der Wende fast wie nebenbei – erst auf den zweiten Blick erkennt man die vielfältigen Dimensionen, die die Schicksale seiner Protagonisten entwickeln.
Der Osten wurde gelegentlich sogar Kult. Uwe Tellkamp legte 2008 mit „Der Turm“ das Breitwand-Panorama einer Dresdner Familie in den Jahren vor der Wende vor. Der lange epische Atem dieses Monumentalwerks, das durchaus stilistische Schwächen hat, erregte große Aufmerksamkeit. Zu den interessanten Beispielen für die Konfrontation von westlicher und östlicher Mentalität zählt auch Léda Forgós „Vom Ausbleiben der Schönheit“. Überstrahlt wurde das Thema des Ostens in Deutschland vom Nobelpreis, der 2009 an Herta Müller verliehen wurde.
![]() |
![]() |
![]() |
| Lutz Seiler | Ingo Schulze | |
![]() |
![]() |
![]() |
| Herta Müller | Léda Forgó | Uwe Tellkamp |
Ein neuer Autorentypus trat auf den Plan: Schriftsteller, die in der DDR groß geworden waren und die gesellschaftlichen Veränderungen in den nun neuen Bundesländern registrierten, wie Durs Grünbein, Lutz Seiler und Ingo Schulze. Dieser erzielte 1998 mit „Simple Storys“ einen überwältigenden Erfolg und gilt seitdem als der Protagonist eines spezifischen Ost-Gefühls. Mit dem scheinbar leichtfüßigen Roman „Adam und Evelyn“ (2008) erzählte er die Geschichte der Wende fast wie nebenbei – erst auf den zweiten Blick erkennt man die vielfältigen Dimensionen, die die Schicksale seiner Protagonisten entwickeln.
Der Osten wurde gelegentlich sogar Kult. Uwe Tellkamp legte 2008 mit „Der Turm“ das Breitwand-Panorama einer Dresdner Familie in den Jahren vor der Wende vor. Der lange epische Atem dieses Monumentalwerks, das durchaus stilistische Schwächen hat, erregte große Aufmerksamkeit. Zu den interessanten Beispielen für die Konfrontation von westlicher und östlicher Mentalität zählt auch Léda Forgós „Vom Ausbleiben der Schönheit“. Überstrahlt wurde das Thema des Ostens in Deutschland vom Nobelpreis, der 2009 an Herta Müller verliehen wurde.
Herta Müller: Atemschaukel
Herta Müller beschreibt in ihrem literarisch hochverdichteten Werk immer wieder die Diktatur Ceausescus und die trotzig-reaktionäre Welt der Deutschen in Rumänien. In „Atemschaukel“, ihrem neuen großen Buch, geht es um die fünfjährige Lagerzeit des experimentellen Lyrikers Oskar Pastior, der von 1945 bis 1950, im Alter von 17 bis 22 Jahren, in der Sowjetunion interniert war. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die Moskauer Führung Rumänien dazu aufgefordert, Rumäniendeutsche als Wiedergutmachung zur Aufbauarbeit in die Sowjetunion zu schicken. Herta Müllers Roman rückt dieses verdrängte Kapitel der rumänischen Geschichte ins Blickfeld. Doch es handelt sich um noch weit mehr als historische Aufschlüsse. Es ist auch ein Buch darüber, wie Literatur entstehen kann und zu einem existenziellen Kern vordringt. Der Alltag im Steinbruch oder am Hochofen erscheint in seiner menschenverachtenden Brutalität minuziös und genau. Doch Herta Müller beschreibt das Lager nicht chronologisch, nicht nach inhaltlichen Themenkomplexen geordnet, sondern in ungeheuren, atemberaubenden Bildern. Dieser Roman zeigt, woher das besondere Sprachbewusstsein von Autoren wie Pastior oder Herta Müller rührt. Nach fünf Jahren Lager ist einem die Welt „so abhandengekommen“, dass sie „einem gar nicht fehlt“: nach der Lektüre dieses bewegenden Romans ist das Bewusstsein dafür geschärft, dass die Normalität keineswegs die Normalität ist.
Metropolensehnsucht Berlin
Metropolensehnsucht Berlin
Berlin war im zwanzigsten Jahrhundert nur kurz eine internationale Metropole, die auf der Höhe der Zeit war – in den „goldenen zwanziger Jahren“. Daran versuchte man anzuknüpfen, als die Stadt nach langem Interregnum wieder deutscher Regierungssitz wurde.
Die ins Berlin der neunziger Jahre Hineingewachsenen waren die erste Generation, die ein neues Zeit- und Experimentierlabor durchlebten. Die Kulissen des östlichen Sozialismus boten sich für aktuelle Mischformen und Crossover-Kulturen ideal an, in Ruinen und Abrisshäuser zogen bildende Künstler, Theater-, Performance- und Tanzgruppen ein. Das Spiel zwischen Ost und West ließ die Grenzen oft verschwimmen, die Identitäten lösten sich in neue Konstellationen auf.
Das „Gesicht“ für eine neue Berlin-Generation von Schriftstellern wurde Judith Hermann. Auch Musiker wie Sven Regener begannen, Romane zu schreiben und gaben der Literatur ein neues Rhythmusgefühl. Die Musikszene suchte in illegal betriebenen Techno-Kellergewölben adäquate Ausdrucksformen, Schriftsteller wie Kathrin Röggla oder Reinald Goetz arbeiteten mit Montagetechniken und Genre-Samplings. Autorinnen wie Katja Lange-Müller, die für die Tradition des proletarischen, rauhen und sarkastisch-witzigen Berlin standen, stießen auf solche wie Terézia Mora, die neu entstehende Bevölkerungsgruppen und das neue geographische Osteuropa-Gefühl thematisierten.
![]() |
![]() |
![]() |
| Kathrin Röggla | Katja Lange-Müller | |
![]() |
![]() |
![]() |
| Judith Hermann | Sven Regener | Terézia Mora |
Die ins Berlin der neunziger Jahre Hineingewachsenen waren die erste Generation, die ein neues Zeit- und Experimentierlabor durchlebten. Die Kulissen des östlichen Sozialismus boten sich für aktuelle Mischformen und Crossover-Kulturen ideal an, in Ruinen und Abrisshäuser zogen bildende Künstler, Theater-, Performance- und Tanzgruppen ein. Das Spiel zwischen Ost und West ließ die Grenzen oft verschwimmen, die Identitäten lösten sich in neue Konstellationen auf.
Das „Gesicht“ für eine neue Berlin-Generation von Schriftstellern wurde Judith Hermann. Auch Musiker wie Sven Regener begannen, Romane zu schreiben und gaben der Literatur ein neues Rhythmusgefühl. Die Musikszene suchte in illegal betriebenen Techno-Kellergewölben adäquate Ausdrucksformen, Schriftsteller wie Kathrin Röggla oder Reinald Goetz arbeiteten mit Montagetechniken und Genre-Samplings. Autorinnen wie Katja Lange-Müller, die für die Tradition des proletarischen, rauhen und sarkastisch-witzigen Berlin standen, stießen auf solche wie Terézia Mora, die neu entstehende Bevölkerungsgruppen und das neue geographische Osteuropa-Gefühl thematisierten.
Judith Hermann: Sommerhaus, später
„Irgendwo sang Tom Waits“, heißt es einmal, irgendwo steckt immer eine Phrase aus einem Popsong, die die jeweilige Gefühlsfarbe trifft: „wir hörten Massive Attack und rauchten und fuhren die Frankfurter Allee wohl eine Stunde lang rauf und runter“. Für die Mittzwanziger in diesen Erzählungen steht immer etwas zur Verfügung. Das Leben bietet allerlei Möglichkeiten des Hedonismus und Eskapismus. Doch eines lässt sich nicht verkennen: so opulent die Rahmenbedingungen zu sein scheinen, so leer ist es im Inneren. Es gibt viele Arrangements des Glücks, es gibt viele alberne und komische Situationen, doch immer gibt es auch ein merkwürdig klebriges Gefühl am Gaumen. Die Protagonisten haben alles schon gesehen, sie sind herumgekommen in den Geheimnissen, die die Welt einmal zu bieten hatte: die Karibik ist ihnen als Erfahrungsraum genauso selbstverständlich geworden wie Straßenzüge in Lower Manhattan. Doch sie sind nicht hineingewachsen. Was sie können, ist Informationen zu speichern; sie stehen immer ein bisschen daneben. Deshalb ist in diesen Erzählungen ständig ein Grauschleier spürbar, ein ständiger November. Wenn man ein karges Café am Helmholtzplatz betritt und unwillkürlich den Mantelkragen ein bißchen enger um den Hals zieht, ist man so etwas wie daheim. Judith Hermann hat eine große Identifikationsschrift für ihre Generation geschrieben, und im Unterschied zu einer Zeitlang hochgehandelten „Pop-Literatur“ flüchtet sie sich nicht in Posen. In einem sich rasant verändernden Umfeld wagt sie noch einmal die Melancholie der Literatur.
Das Bewusstsein für Geschichte
Das Bewusstsein für Geschichte
Vor 1989 hatte es das Schlagwort vom „Ende der Geschichte“ gegeben. Die Soziologen, Kulturwissenschaftler und auch die jungen Autoren sprachen am liebsten von der unmittelbaren Gegenwart. Das änderte sich abrupt.
Es entstand ein neues Geschichtsbewusstsein, das von aktuell erfahrenen historischen Unabwägbarkeiten herrührte. In Ostberlin hatten sich die Repräsentationsbauten und das damit verbundene Gefühl für Kaiserreich und Weimarer Republik erhalten, Westberlin hingegen war eine subkulturelle Spielwiese am Rand des Westens gewesen, wo dieser sich mehr Experimente erlauben konnte als in wirtschaftlichen und politischen Zentren.
In den Romanen Reinhard Jirgls werden diese verschiedenen Geschichts-Schichten zum Erzählmaterial. Georg Kleins „Roman unserer Kindheit“ ist eine bis ins Detail austarierte, abenteuerliche Exkursion ins Unbewusste der bundesdeutschen Geschichte: eine Vermessung der sechziger Jahre mit den Augen damaliger Kinder. Einer der größten Roman-Erfolge der letzten zwanzig Jahre, Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“, spielt und kokettiert mit dem neuen Geschichtsgefühl, von dem auch Autoren wie Uwe Tellkamp oder Martin Mosebach zehren. Kehlmann überholt die Postmoderne durch eine Bildungsplauderei aus dem 18. Jahrhundert, die absolut zeitgenössische Sehnsüchte und Fragestellungen wie in einem Spiegel zeigt. Sibylle Lewitscharoff und Saša Stanišić gehören zu den Autoren, die die verdrängten Dimensionen der osteuropäischen Geschichte mit dem westlichen Bewusstsein kurzschließen.
![]() |
![]() |
![]() |
| Georg Klein | Daniel Kehlmann | |
![]() |
![]() |
![]() |
| Reinhard Jirgl | Saša Stanišic | Sibylle Lewitscharoff |
Es entstand ein neues Geschichtsbewusstsein, das von aktuell erfahrenen historischen Unabwägbarkeiten herrührte. In Ostberlin hatten sich die Repräsentationsbauten und das damit verbundene Gefühl für Kaiserreich und Weimarer Republik erhalten, Westberlin hingegen war eine subkulturelle Spielwiese am Rand des Westens gewesen, wo dieser sich mehr Experimente erlauben konnte als in wirtschaftlichen und politischen Zentren.
In den Romanen Reinhard Jirgls werden diese verschiedenen Geschichts-Schichten zum Erzählmaterial. Georg Kleins „Roman unserer Kindheit“ ist eine bis ins Detail austarierte, abenteuerliche Exkursion ins Unbewusste der bundesdeutschen Geschichte: eine Vermessung der sechziger Jahre mit den Augen damaliger Kinder. Einer der größten Roman-Erfolge der letzten zwanzig Jahre, Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“, spielt und kokettiert mit dem neuen Geschichtsgefühl, von dem auch Autoren wie Uwe Tellkamp oder Martin Mosebach zehren. Kehlmann überholt die Postmoderne durch eine Bildungsplauderei aus dem 18. Jahrhundert, die absolut zeitgenössische Sehnsüchte und Fragestellungen wie in einem Spiegel zeigt. Sibylle Lewitscharoff und Saša Stanišić gehören zu den Autoren, die die verdrängten Dimensionen der osteuropäischen Geschichte mit dem westlichen Bewusstsein kurzschließen.
Reinhard Jirgl: Die Unvollendeten
Der 1953 geborene Reinhard Jirgl schrieb in Ostberlin bis 1989 für die Schublade. Bis zum Fall der Mauer entstanden so sechs ausschweifende Prosa-Manuskripte. Jirgl hat in seiner Abgeschiedenheit einen eigenen Sprachkosmos entwickelt, ein eigenes Zeichen- und Verweissystem. Nachdem in seinen ersten Texten die Auseinandersetzung mit der DDR im Mittelpunkt stand, wandte er sich 2003 mit „Die Unvollendeten“ zum ersten Mal tiefer gelegenen Schichten der deutschen Geschichte zu, hier der Vertreibung der Deutschen 1945/46 aus Osteuropa. Es ist beeindruckend, wie hautnah Jirgls avancierte Sprache, seine sperrige, immer wieder innehaltende und neu aufbrechende Form die Atmosphäre längst zurückliegender Tage vermittelt. Mit fast naturalistischen Schilderungen, grob- wie feinkörnig vergrößerten Details tritt dem Leser eine chaotische, mörderische Familiengeschichte entgegen, sie konfrontiert Szenen von 1945 mit solchen aus der DDR sowie der unmittelbaren Gegenwart im Berlin der Jahrtausendwende. Die letzten Worte des Buches, vom letzten Ausläufer der Familie auf seinem Sterbebett gesprochen, lauten: „Es geht weiter“. Das Buch hört auf, nichts aber ist „vollendet“. Der Satz „Es geht weiter“ schließt auch den Bogen zum ersten Satz. Dieser setzte unvermittelt ein mit: „Später rückten Lautsprecherwagen in die Ortschaft ein“. Der einzelne ist austauschbar, ausgeliefert einem unaufhaltsamen Kontinuum – aber das Schreiben, Jirgls großes Thema, bildet einen sich entziehenden Widerpart.
Lebensgefühl zwischen Einsamkeit und Globalisierung
Lebensgefühl zwischen Einsamkeit und Globalisierung
Das Lebensgefühl in den gegenwärtigen literarischen Texten ist einerseits geprägt von den Tendenzen der Globalisierung, von dem Bewusstsein, überallhin vernetzbar sein zu können, und andererseits von einer unabweisbaren Vereinzelung.
Die zeitgenössische Einsamkeit unterscheidet sich zwar elementar von jenem Gefühl der deutschen Romantiker, doch diese kannten ebenfalls schon eine Welt-Sehnsucht, für die es heute schnell verfügbare und so noch nie gekannte Vorstellungen gibt. Ein Grundgefühl, das dabei entsteht, ist das der Melancholie. Der Meister dieses Grundgefühls, das immer auch das Absurde, Groteske und Komische streift, ist wohl Wilhelm Genazino. Auch der Schweizer Markus Werner balanciert auf dem schmalen Grat zwischen Pathos und Lächerlichkeit, zwischen abgründigem Witz und leiser Trauer. Esther Kinsky findet für die spezifische Ortlosigkeit des aktuellen Lebensgefühls stehende, festgefrorene Bilder, die aber in sich unendliche Schönheiten der Landschaften und der Jahreszeiten bergen können.
In die Offensive geht dagegen ein Autor wie Ilija Trojanow: von bulgarischer Herkunft, in Afrika aufgewachsen, im deutschen Sprachraum zuhause, sieht er diese zeitgenössische multiple Identität als große Chance, neue Erfahrungen zu machen und Bewusstseinssprünge als ästhetische Entgrenzungen zu erleben. Auch Thomas Lehr ist auf der Höhe der technischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnisse. Sein Roman „42“ spielt auf den Geheimcode in Douglas Adams’ Science-Fiction-Klassiker „Per Anhalter durch die Galaxis“ an, verbindet aber die vermeintliche Unterhaltungs- und Popkultur auf organische und frappierende Weise mit der sogenannten Hochkultur, mit hochreflexiver Sprache und einem utopischen Raum-Zeit-Experiment.
![]() |
![]() |
![]() |
| Thomas Lehr | Ilija Trojanow | |
![]() |
![]() |
![]() |
| Esther Kinsky | Wilhelm Genazino | Markus Werner |
Die zeitgenössische Einsamkeit unterscheidet sich zwar elementar von jenem Gefühl der deutschen Romantiker, doch diese kannten ebenfalls schon eine Welt-Sehnsucht, für die es heute schnell verfügbare und so noch nie gekannte Vorstellungen gibt. Ein Grundgefühl, das dabei entsteht, ist das der Melancholie. Der Meister dieses Grundgefühls, das immer auch das Absurde, Groteske und Komische streift, ist wohl Wilhelm Genazino. Auch der Schweizer Markus Werner balanciert auf dem schmalen Grat zwischen Pathos und Lächerlichkeit, zwischen abgründigem Witz und leiser Trauer. Esther Kinsky findet für die spezifische Ortlosigkeit des aktuellen Lebensgefühls stehende, festgefrorene Bilder, die aber in sich unendliche Schönheiten der Landschaften und der Jahreszeiten bergen können.
In die Offensive geht dagegen ein Autor wie Ilija Trojanow: von bulgarischer Herkunft, in Afrika aufgewachsen, im deutschen Sprachraum zuhause, sieht er diese zeitgenössische multiple Identität als große Chance, neue Erfahrungen zu machen und Bewusstseinssprünge als ästhetische Entgrenzungen zu erleben. Auch Thomas Lehr ist auf der Höhe der technischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnisse. Sein Roman „42“ spielt auf den Geheimcode in Douglas Adams’ Science-Fiction-Klassiker „Per Anhalter durch die Galaxis“ an, verbindet aber die vermeintliche Unterhaltungs- und Popkultur auf organische und frappierende Weise mit der sogenannten Hochkultur, mit hochreflexiver Sprache und einem utopischen Raum-Zeit-Experiment.
Wilhelm Genazino: Ein Regenschirm für diesen Tag
Genazino ist ein Virtuose der Komik und der Verzweiflung. Der namenlose Held in „Ein Regenschirm für diesen Tag“ führt die absurde Schrumpfexistenz eines Angestellten. Er ist Probeläufer für Luxusschuhe und wird für jedes Gutachten, das er erstellt, einzeln bezahlt. Zwischen Flußufer und vierspuriger Ausfallstraße führt er seine Tests durch. Dabei hat er genügend Zeit, die „Zerbröckelung“ seiner Person zu beobachten, ihre „Zerfaserung“ und „Ausfransung“. Je mehr sich der Schuhtester aus dem offensichtlichen Konsens der Mitmenschen entfernt, desto sensibler wird er für bestimmte „Peinlichkeitsverdichtungen“ zwischen sich und ihnen. Sein Blick ist der eines Fremden, Außenstehenden. Übrig bleiben nur die Wörter, die er dafür findet, sein Daseinsgefühl zu bezeichnen. Sie bilden die „Gesamtmerkwürdigkeit des Lebens“ ab und heißen zum Beispiel: Gestrüpp, Geröll, Geraschel. Doch dann geschieht das große Genazino-Wunder. In seinen Romanen wird peinlich genau alles beschrieben, was das Leben so absurd und lächerlich macht: die Kollegen, die Passanten, der Alltag. Genazino registriert alle Facetten dessen, was einmal „Entfremdung“ hieß. Und dennoch schlägt man dann das Buch zu und hat das Gefühl, dass das Leben eigentlich ganz schön ist. Die Zerfaserung des Ich-Gefühls geht unmerklich über in den Raum der Poesie. Die Gratwanderung zwischen Schmerz, Melancholie und der Freude am Augenblick beschreibt dieser Autor immer leichtfüßiger. Die Peinlichkeit des Daseins löst sich immer traumwandlerischer in Literatur auf.
Gesellschaftliche Prozesse und Probleme
Gesellschaftliche Prozesse und Probleme
Die klassischen politischen Auseinandersetzungen scheinen nicht mehr zu existieren, die alten Lösungen greifen nicht mehr. Dass es in der neuen Unübersichtlichkeit aber immer noch die bekannten Widersprüche und gesellschaftlichen Gegensätze gibt, ist unverkennbar.
Ein herausragender „politischer“ Autor der deutschen Gegenwart ist Ulrich Peltzer. Doch für die Verbindung von subjektiven und unverkennbar allgemeinen Fragestellungen, die ihn auszeichnet, gibt es noch etliche andere Möglichkeiten. Literarisch drückt sie sich oft in einem Aufbrechen der herkömmlichen Genres aus. Karl-Markus Gauß etwa ist einer der besten deutschsprachigen Autoren, er tarnt sich durch Reportagen und wissenschaftlich abgesicherte Recherchen, doch immer wieder erreicht er den magischen Kipp-Punkt hin zum Fiktionalen, zur literarischen, zur phantastischen Wahrheit. Gauß’ Feld sind die Nischen, die noch nicht von der allgemeinen Nivellierung erfassten Sprachen und Volksgruppen.
Dieselben Suchbewegungen unternehmen auch Autorinnen wie Melinda Nadj Abonji, die mit ihrem erfolgreichen Roman das neue Leben einer jugoslawischen Einwandererfamilie in der Schweiz beschreibt, oder Eva Menasse, die ihre literarische Energie aus einer jüdischen Multikulturalität bezieht. Eine ganz andere Grenzerfahrung wird bei Kathrin Schmidts buchstäblich unter die Haut gehendem autobiografisch grundiertem Roman deutlich. Sie thematisiert einen Gehirnschlag, eine Nahtoderfahrung, und das Wiedererlernen der Sprache. Wie durch und durch gesellschaftlich geprägt selbst diese intimsten Erfahrungen sind, wie Privates und Öffentliches eins werden, ist eine der Erkenntnisse dieses herausragenden Leseerlebnisses.
![]() |
![]() |
![]() |
| Karl Markus Gauß | Kathrin Schmidt | |
![]() |
![]() |
![]() |
| Ulrich Peltzer | Eva Menasse | Melinda Nadj Abonji |
Ein herausragender „politischer“ Autor der deutschen Gegenwart ist Ulrich Peltzer. Doch für die Verbindung von subjektiven und unverkennbar allgemeinen Fragestellungen, die ihn auszeichnet, gibt es noch etliche andere Möglichkeiten. Literarisch drückt sie sich oft in einem Aufbrechen der herkömmlichen Genres aus. Karl-Markus Gauß etwa ist einer der besten deutschsprachigen Autoren, er tarnt sich durch Reportagen und wissenschaftlich abgesicherte Recherchen, doch immer wieder erreicht er den magischen Kipp-Punkt hin zum Fiktionalen, zur literarischen, zur phantastischen Wahrheit. Gauß’ Feld sind die Nischen, die noch nicht von der allgemeinen Nivellierung erfassten Sprachen und Volksgruppen.
Dieselben Suchbewegungen unternehmen auch Autorinnen wie Melinda Nadj Abonji, die mit ihrem erfolgreichen Roman das neue Leben einer jugoslawischen Einwandererfamilie in der Schweiz beschreibt, oder Eva Menasse, die ihre literarische Energie aus einer jüdischen Multikulturalität bezieht. Eine ganz andere Grenzerfahrung wird bei Kathrin Schmidts buchstäblich unter die Haut gehendem autobiografisch grundiertem Roman deutlich. Sie thematisiert einen Gehirnschlag, eine Nahtoderfahrung, und das Wiedererlernen der Sprache. Wie durch und durch gesellschaftlich geprägt selbst diese intimsten Erfahrungen sind, wie Privates und Öffentliches eins werden, ist eine der Erkenntnisse dieses herausragenden Leseerlebnisses.
Ulrich Peltzer: Teil der Lösung
Ulrich Peltzer geht es immer sowohl um politische wie auch ästhetische Reflexion. Das heißt aber nicht, dass er nicht auch spannend erzählen und raffinierte Plots bauen könnte. Hauptfigur des bisher letzten Romans von Peltzer ist Christian, 1966 geboren, zur Zeit der Romanhandlung 36 Jahre alt: eine der typischen postakademischen Existenzen unserer Tage, die sich von Job zu Job hangeln. Er steht in der Spannung zwischen den Idealen, die ihn in früheren Jahren beherrschten, mit ihren utopischen Vorstellungen von Gesellschaftsveränderung und rauschhaftem Glück, und den Desillusionierungen danach. Christian ist ein typischer Vertreter des Kultur- und Medienmilieus unserer Tage – ein wissender Zyniker, nicht anpassungsfähig genug, um Karriere machen zu können. Das weibliche Pendant ist Nele, 23 Jahre alt und Studentin der Literaturwissenschaft. Ihr geht es mit Kleist um die Erkenntnis, „dass die Welt ein Fremdkörper sein kann“. Sie gehört einer politischen Gruppe an, die gezielte Aktionen unternimmt. Die gegenseitige Anziehung zwischen Christian und Nele gehört zu den besten Gefühls-Topographien, die in den letzten Jahren auf deutsch geschrieben worden sind – gerade in ihrer Nüchternheit und vermeintlichen Abgeklärtheit. Peltzer arbeitet mit schnellen Schnitten, mit Filmtechniken, mit knappen Dialogen. Es ist erstaunlich, wie plastisch die Figuren werden, obwohl die Sprache nicht psychologisiert und ausmalt. „Teil der Lösung“ ist ein großer Zeitroman, auf der Höhe der theoretischen Diskurse, sowie gleichzeitig ein Krimi und eine Liebesgeschichte.









































