Der Fall „Új Színház“ im Spiegel der Medien

Ächzendes Ungarntum

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Von Reinhard Olt

FAZ; copyright: FAZBUDAPEST, 6. November. „Zertritt es nicht“: Es klingt wie eine Bitte, was Freunde der Budapester Theaterszene an Hauswände und auf das Straßenpflaster gesprüht haben. Aber ihnen ist es bitterer Ernst. Ihr Verlangen bezieht sich auf „Új Szinház“, das „Neue Theater“ in der Paulay-Ede-Gasse unweit der Oper im 6. Stadtbezirk. Es richtet sich an den Oberbürgermeister der ungarischen Hauptstadt.

István Tarlós - welcher der Fidesz-Partei von Ministerpräsident Viktor Orbán angehört - hat, wie es ihm von Amts wegen zusteht, für die im Februar bevorstehende Neubesetzung der Theaterleitung zwei umstrittene Personen vorgesehen. Direktor soll der 58 Jahre alte Schauspieler György Dörner, künstlerischer Leiter der 77 Jahre alte István Csurka werden. Seit die - gegen die Empfehlung des zuständigen Fachgremiums - getroffene Entscheidung bekannt ist, hagelt es Proteste. Sie richten sich weniger gegen die künstlerische Qualität des Gespanns als vielmehr gegen Äußerungen und politische Einstellungen Dörners und Csurkas. Galt der bisherige Theaterchef István Márta, rundum beliebt und professionell einwandfrei, als politisch neutral, so macht Dörner aus seiner Sympathie für die rechtsextreme Jobbik-Partei keinen Hehl, und Csurka ist ohnehin politisch kein unbeschriebenes Blatt. Er war einst Mitbegründer des konservativen Ungarischen Demokratischen Forums (MDF), das aus den ersten freien Wahlen 1990 als Sieger hervorging. Csurka vertrat im MDF den ultrarechten Flügel, fiel zunehmend mit rechtsradikalen und antisemitischen Parolen auf und verließ 1993 das MDF, um bald darauf die Ungarische Gerechtigkeits- und Lebenspartei (MIÉP) zu gründen, die erste rechtsextreme Partei nach der Wende mit zunächst beträchtlichem Wählerpotential. Von 1998 bis 2002 war die MIÉP sogar im Parlament vertreten, hielt sich der damaligen ersten Regierung Orbáns fern, stimmte aber gelegentlich mit ihr. In der Wahl 2002 scheiterte die MIÉP an der Fünfprozenthürde.

Während einige von Csurka und seinem Führungsstil angewiderte Jungfunktionäre die „Bewegung für ein anderes/rechteres Ungarn“ (Jobbik) gründeten, die seit vorigem Jahr im Parlament vertreten ist, verschwand der MIÉP-Chef in der politischen Bedeutungslosigkeit und besann sich wieder darauf, was er - außer Mitarbeiter der ungarischen Stasi während des kommunistischen Regimes - immer war, nämlich ein nicht ganz unbedeutender Schriftsteller und Dramatiker. Und bewarb sich, wie Dörner, um die Führungsposition im renommierten Theater.

„Wir wollen meine eigenen Dramen spielen und auch andere große ungarische Autoren, die höchstens auf kleinen Bühnen gespielt werden, weil auf den großen Bühnen dieses Landes allerlei Tingel-Tangel-Stücke aus New York aufgeführt werden“, sagte Csurka im Fernsehen auf die Frage, was ihn dazu bewogen habe. Dörner hatte in seiner Bewerbung um den Posten „der entarteten, krankhaften liberalen Hegemonie im Theaterbetrieb“ den Kampf angesagt; er wolle „das unter dem sozialliberalen Joch ächzende Ungarntum befreien“.

Künstler aus dem In- und Ausland protestieren gegen Tarlós' Entscheidung, der ungarischstämmige deutsche Dirigent Christoph von Dohnanyi sagte deswegen einen Gastauftritt an der Ungarischen Staatsoper ab. Der Oberbürgermeister ließ sich davon bisher nicht beeindrucken: Dörners Bewerbung sei zwar „nicht sehr niveauvoll", jedoch habe ihn „der darin enthaltene Kernsatz überzeugt, dem zufolge Budapest ein Theater braucht, das klassische ungarische Dramen in klassischen Inszenierungen auf die Bühne bringt“. Und über Csurka sagte Tarlós, er sei „einer der größten zeitgenössischen Dramatiker".

Der so Gelobte schrieb in Magyar Fórum, einem von ihm herausgegebenen Blatt: „Wenn ich mit Dörner nicht mittels Bewerbung das neue Theater für das ungarische Drama und als ungarische geistige Werkstatt gewonnen hätte, und wenn gegen die Entscheidung der Hauptstadt keine verrückte Hetzkampagne geführt worden wäre, hätte ich nie so klar erkennen können, worin wir leben. Vor mir eröffnete sich eine Hölle, von deren Existenz ich wusste, über die ich auch schrieb - deswegen nennt man mich einen Antisemiten -, doch dass das dermaßen organisiert, so hemmungslos und rassisch bestimmt ist, das wollte selbst ich oftmals nicht glauben.“

Das ließ Tarlós denn doch auf Distanz gehen. Er forderte Csurka auf, „von missverständlichen, mit der politischen Kultur unvereinbaren Äußerungen Abstand zu nehmen“, sonst gefährde er „das konzipierte, verwirklichbare Programm des Theaters und seine sowie Dörners Ernennung“. Im ungarischen Außenministerium, wo man über den Vorgang alles andere als erfreut ist, lässt dies die Hoffnung aufkommen, „das Budapester Stadtoberhaupt könnte sich doch noch eines Besseren besinnen“. Ein hoher Beamter, der seinen Namen nicht genannt sehen will, sieht einen weiteren „Imageschaden für das ganze Land, sollte der Bürgermeister nicht die Kurve kriegen und seine Entscheidung revidieren, die in ihrer Symbolkraft verheerend ist“.

Der Artikel ist am 7. November 2011 in der FAZ, Seite 6, erschienen. Originaltitel: Reinhard Olt: Ächzendes Ungarntum. Online ist der Artikel hier zu lesen.
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Copyright Originaltext: FAZ
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Copyright der ungarischen Übersetzung: Goethe-Institut Budapest
November 2011

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