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„Befreiung der Lehrer aus alten Rollenbildern“

Saulius Jurkevičius, Petr Matějů, Václav Sochor, Edgar de Haan, Edvard Ljulko © Martin Mařák Im Panel 2 – „Wie können Lehrer auf die Schule der Zukunft vorbereitet werden?“ – fordern Pädagogen eine bessere Auswahl der angehenden Lehrer. Gefragt seien vor allem Persönlichkeiten. Deshalb müsse der Beruf offener werden für engagierte Quereinsteiger aus anderen Disziplinen.

„Die Schule entwickelt sich schneller weiter als die Ausbildungsprogramme für die angehenden Lehrer“, konstatiert Egle Panckuniene, die Direktorin des litauischen Zentrums für Schulentwicklung in Vilnius. Das sei das grundsätzliche Problem in der Lehrerbildung, deren Ergebnisse immer erst griffen, wenn sich Schule und Gesellschaft schon wieder weiterentwickelt hätten. Alle Teilnehmer an der Panel-Diskussion sind sich aber einig, dass es einige vielversprechende Ansätze im Bereich der Lehrerbildung gebe.

Die tschechische Expertin Jana Straková von der Prager Karls-Universität fordert eine „Befreiung der Lehrer aus alten Zwängen und Rollenbildern“, denn noch immer herrschten Vorstellungen aus der Zwischenkriegszeit vor: „Die Hauptaufgabe von Lehrern ist es eben nicht mehr, ihre Schüler nur richtig zu benoten und fair in die weiteren Ausbildungsstationen zu sortieren“, sagt Straková: „Heute sollen sie auf die Bedürfnisse der einzelnen Schüler reagieren und sie zu ihrer individuellen Höchstleistung führen.“ In Tschechien gehe die Lehrerausbildung noch zu wenig auf diese veränderten Anforderungen ein: Das fünfjährige Studium an der pädagogischen Fakultät sei zu einseitig und begünstige zudem eine Auswahl von Kandidaten, die nicht ideal auf die Stelle passten. „Natürlich haben wir auch die Bewerber, die sich aus Begeisterung für den Lehrerberuf entscheiden. Das ist etwa die Hälfte der Studierenden. Die andere Hälfte stellen Bewerber, die in anderen Studiengängen an der Aufnahmeprüfung gescheitert sind. Wir schaffen es bislang nicht, die besten auszuwählen.“ Das hänge letzten Endes auch mit der Attraktivität des Berufs zusammen, die gerade in Tschechien niedrig sei: „Wir bräuchten weniger, aber dafür besser bezahlte Lehrer mit einer besseren Berufsperspektive!“

Für ein neues Lehrerbild in der Gesellschaft

Für eine höhere Wettbewerbsfähigkeit des Berufs tritt auch Egle Panckuniene aus Litauen ein. „Bei uns sollte die Auswahl strenger sein, und zwar schon beim Eintritt in die Fakultät. In die pädagogischen Studiengänge kommen nicht die besten, weil der Weg an die Universität in diesen Fächern vergleichsweise einfach ist – es gibt keinen Wettbewerb.“ An den Schulen selbst mangele es dann später an einem Gemeinsinn innerhalb der Lehrerschaft: Wünschenswert sei eine Selbstregulation, in der sich die Kollegen gegenseitig zu hohen Leistungen anspornten. In der Gesellschaft fehle es allerdings auch an einem klaren Bild davon, was einen guten Lehrer ausmache: „Ist er dann gut, wenn alle Schüler still sitzen und aufmerksam zuhören? Oder gerade dann, wenn sie herumtoben und dabei etwas Neues lernen?“ Eine eindeutige Antwort darauf gebe es nicht: Der Lehrer solle, sagt Panckuniene, in erster Linie eine Persönlichkeit sein. Die Glaubwürdigkeit und die Vorbildfunktion wiegen ihrer Meinung nach schwerer als eine lückenlose pädagogische Qualifikation. „Wir haben heute das Problem, dass Lehrer oft etwas unterrichten müssen, wovon sie selbst keine Ahnung haben. Nehmen Sie das Beispiel Entrepreneurship, das bei uns an den Schulen vermittelt werden soll – wie können Lehrer diese Aufgabe übernehmen, die selbst nie außerhalb der Schule gearbeitet haben?“ Als Lösung schlägt sie vor, das Schulsystem für Seiteneinsteiger zu öffnen. Das könne beispielsweise durch eine zweijährige Nachqualifizierung geschehen, in der Fachleute aus anderen Berufswelten noch eine pädagogische Grundausbildung bekommen. Die so geschulten Experten könnten die dringend benötigten Persönlichkeiten sein, auf die es an den Schulen ankomme.

In die gleiche Richtung argumentiert Jüri Ginter, der an der Universität im estnischen Tartu forscht. Entscheidend solle für angehende Lehrer weniger die Frage sein, was sie unterrichten sollten, als vielmehr die Entscheidung über das wie. Für die Ausbildungsstätten könnte das bedeuten, dass sich die angehenden Lehrer in Teamarbeit die Methoden für den Unterricht beibrächten. „Man sollte einen klaren Rahmen definieren, innerhalb dessen sich die Lehrer frei bewegen können“, schlägt Ginter vor. Um das zu erreichen, müsse man schon bei der Auswahl der Lehramtsstudenten deutlich machen, welche Rolle die Bewerber später in ihrem Berufsleben ausfüllen sollten. Wünschenswert sei auch ein größerer Anteil an fachwissenschaftlichen Anteilen in der Ausbildung. Ginter spricht in diesem Zusammenhang davon, erst die letzten beiden Jahre an der Universität speziell auf den Lehrerberuf zuzuschneiden und zuvor ein breites Studium zu ermöglichen. Und die Ausbildung müsse nach der Universität noch weitergehen: In einem Supervisions-Verfahren könnten die jungen Lehrer ein Jahr lang von erfahrenen Kollegen begleitet werden. „Wir reden also von einer Ausbildungsphase, die sechs Jahre umfasst“, so Ginter: „Fünf Jahre davon entfallen auf das klassische Studium und ein Jahr auf die Praxis.“

Bachelor und Master als Chance für die Lehrerbildung

Der deutsche Pädagoge Walter Thomann, der bis zu seinem Ruhestand an der Universität Wuppertal im Bereich Lehrerbildung gearbeitet hat, arbeitete ein Grundproblem heraus: „Das frühere Modell hat einfach ausgedient: Die Welt ändert sich so schnell, dass die Alten den Jungen nicht mehr das beibringen können, was sie brauchen.“ Wir bildeten heute die Lehrer für eine Zukunft aus, von der wir noch nichts wüssten. Er fordert deshalb vehement, auch Quereinsteigern den Weg an die Schulen zu ermöglichen – durchaus auch im Alter von 40 oder 50 Jahren. „Es gibt doch nichts schlimmeres für die Schüler als ein Lehrer, der seinerseits aus einer Lehrerfamilie stammt und gleich nach dem Abitur auf Lehramt studiert hat. So jemand hat doch noch nichts vom Leben außerhalb der Schule gesehen!“ Lehrer sei ein Beruf, den man erst ergreifen solle, nachdem man Erfahrungen gesammelt habe. Solche Quereinsteiger seien allerdings die große Ausnahme. „Und trotzdem gibt es immer wieder gute Lehrer an der Schule; und das trotz unserer Lehrerausbildung!“ Aus der Erkenntnis leitet Thomann die provokante Forderung ab, die Schulpflicht durch eine Unterrichtspflicht zu ersetzen. „Natürlich müssen die Kinder etwas lernen. Aber wer sagt denn, dass dazu die Schule der beste und vor allem der einzig mögliche Ort sei?“ Schule habe das Problem, das viele Schüler sich langweilten, was für das Lernergebnis verheerend sei. Wenn man diesen Schülern die Bildung anderweitig vermittele, könne das sinnvoll sein.

Einigkeit herrscht bei den Experten in der Diskussion darüber, dass die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master eine große Chance gerade in der Lehrerbildung bedeuteten. Man komme auf diese Weise dem Idealbild näher, dass man fachwissenschaftlich geschulte Experten ausbilde, die zusätzlich eine pädagogische Qualifikation haben. Die Bachelor-Phase des Studiums solle man frei studieren und erst danach die Entscheidung für das Lehramt treffen. Während des Master-Studiums bleibe ausreichend Zeit, um sich auf die spezifischen Anforderungen des Berufsbilds vorzubereiten.

Von Kilian Kirchgeßner

    Zukunft Bildung

    Eine mittel- europäische Debatte zum tiefgreifenden Wandel in Bildung und Ausbildung