Gedichtvertonung Reichardts auf Wilhelm Meisters Lehrjahre

Die 1795 erschienene vierbändige Erstausgabe von Wilhelm Meisters Lehrjahre enthielt acht Gedichtvertonungen von Johann Friedrich Reichardt. Zum Gedicht Wer nie sein Brot mit Tränen aß gibt er als Gesanganweisung „In sich verloren klagend“ an. Der alte Hafner, den Wilhelm aufsucht, singt wehmütig, ist aber dank seiner Lieder nicht allein:
„Es waren herzrührende, klagende Töne, von einem traurigen, ängstlichen Gesang begleitet. Wilhelm schlich an die Türe, und da der gute Alte eine Art von Phantasie vortrug und wenige Strophen teils singend, teils rezitierend immer wiederholte, konnte der Horcher, nach einer kurzen Aufmerksamkeit, ungefähr folgendes verstehen:
Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen
Mächte.
Ihr führt ins Leben uns hinein, Ihr laßt den Armen schuldig werden,
Dann überlasst ihr ihn der Pein; Denn alle Schuld rächt sich
auf Erden.
Die wehmütige, herzliche Klage drang tief in die Seele des Hörers. Es schien ihm, als ob der Alte manchmal von Tränen gehindert würde fortzufahren; dann klangen die Saiten allein, bis sich wieder die Stimme leise in gebrochenen Lauten dareinmischte. Wilhelm stand an dem Pfosten, seine Seele war tief gerührt, die Trauer des Unbekannten schloß sein beklommenes Herz auf; er widerstand nicht dem Mitgefühl und konnte und wollte die Tränen nicht zurückhalten, die des Alten herzliche Klage endlich auch aus seinen Augen hervorlockte.“
(Wilhelm Meisters Lehrjahre, 2. Buch, Kapitel 13)
Wilhelm Meisters Lehrjahre. Ein Roman.
Herausgegeben von Goethe. Erster-Vierter Band. Erstdrucke Berlin. Bey Johann Friedrich Unger.
- Erster Band. Erstes/Zweytes Buch. 1795. 364 Seiten. Mit 3 Musikbeilagen: „Was hör ich draußen vor dem Tor“, „Wer nie sein Brodt mit Thränen aß“, „Wer sich der Einsamkeit ergiebt“
- Zweyter Band. Drittes/Viertes Buch. 1795. 374 Seiten. Mit 2 Musikbeilagen: „Kennst du das Land?“, „Nur wer die Sehnsucht kennt“
- Dritter Band. Fünftes/Sechstes Buch. 1795. 371 Seiten. Mit 2 Musikbeilagen: „Heiß mich nicht reden“, „Singet nicht in Trauertönen“
- Vierter Band. Siebentes/Achtes Buch. 1796. 507 Seiten. Mit 1 Musikbeilage: „So laßt mich scheinen“









