Philosophie und Religion

Die Prediger des Islam – Rauf Ceylan über Imame in Deutschland

Coverdetail des Buchs Die Prediger des Islam; © Herder VerlagCoverdetail des Buchs Die Prediger des Islam; © Herder VerlagMuslimische Vorbeter prägen den Islam in Deutschland, sind hier aber häufig schlechter integriert als ihre Gemeindemitglieder. Über die Imame gibt es zudem kaum gesicherte Daten. Der Religionssoziologe Rauf Ceylan hat ihnen jetzt ein Buch gewidmet. Sein Plädoyer: Die Ausbildung der Prediger ist der Schlüssel für einen modernen Islam. Goethe.de sprach mit dem Forscher aus Osnabrück.

Herr Ceylan, Sie haben für Ihr Buch mit über 250 Imamen in Deutschland gesprochen und über 40 methodische Interviews aufgezeichnet. Sind Sie überwiegend auf Offenheit gestoßen oder gab es auch Vorbehalte gegen Ihre Forschung?

Rauf Ceylan; © privatDer Zugang war nicht leicht. Denn die Imame sind abhängig von ihren Organisationen und benötigen eigentlich deren Genehmigung für solche Gespräche. Ich habe das weitgehend umgangen, indem ich Anonymität zugesichert habe. Außerdem habe ich mich seit Jahren in diesem Feld aufgehalten, konnte ein Netzwerk schaffen und Vertrauen bilden.

Dennoch hat mich hier und da ein Gemeindevorstand vor die Tür gesetzt. Die meisten Gespräche fanden nicht an den Moscheen statt.

Preußen und Extremisten

Etwa 75 Prozent der Imame charakterisieren Sie als „traditionell-konservativ“. Wie kommt – in einer qualitativen Studie – die Zahl zustande? Und warum nennen Sie diese Gruppe die „Preußen unter den Imamen“?

Cover des Buchs Die Prediger des Islam; © Herder VerlagMein Kollege Bülent Ucar und ich haben schon im Vorfeld statistische und inhaltliche Daten zu den islamischen Gemeinden in Deutschland gesammelt. Die konnte ich mit den Ergebnissen der Interviews korrelieren: also hochrechnen, für welche Gruppen meine Gesprächspartner repräsentativ sind. Allerdings würde ich dies gern durch eine größere empirische Studie erhärten, in der man etwa über Internet-Fragebögen breiter Daten erhebt.

Von „Preußen“ habe ich gesprochen, weil die meisten türkischen Imame in Deutschland, insbesondere die des staatsnahen türkischen Verbands Ditib, traditionell und wertkonservativ eingestellt sind, aber jeden religiösen und politischen Extremismus ablehnen. Ihr türkischer Patriotismus und ihre traditionelle Ethik sind durchaus mit einer Haltung zu vergleichen, die man von den alten Preußen kennt.

„Die rote Karte zeigen“

Sie sind auch auf eine Minderheit fundamentalistischer und politisch-revolutionärer Imame gestoßen – und bezeichnen Sie als eine Gefahr für Jugendliche, denen man „die rote Karte zeigen“ müsse. Wie soll das konkret geschehen?

Moschee in Deutschland; © ColourboxMan muss diese Gefahr erkennen und auch öffentlich thematisieren. Gegenüber diesen Propagandisten muss politischer Druck ausgeübt werden, auch durch die Behörden. Die deutsche Politik muss hier aufmerksam sein. Aber auch die muslimische Community muss sensibilisiert werden. Denn die Extremisten rekrutieren verdeckt und gezielt Jugendliche in den Gemeinden. Das haben Gemeindevorstände sogar schon bei der Polizei zur Anzeige gebracht.

Die Extremisten sind oft redegewandt und dominieren die islamische Präsenz im Internet. Da haben die gemäßigten Verbände die Entwicklung verschlafen. Deshalb müssen modern eingestellte Imame verstärkt die neuen Medien nutzen und eine offene Jugendarbeit aufbauen.

Der Islam wird in Europa erneuert

Ihre Hoffnung gilt den progressiven Imamen, die Islam und Moderne vereinbaren wollen. Aber auch die sind eher eine Minderheit. Wie kann sich das in Zukunft ändern?

Kurzfristig sind mehr Fortbildungen für Imame notwendig. Mittelfristig geht es nicht ohne eine wissenschaftliche islamische Theologie in Deutschland, damit die Imame hier ausgebildet werden können. Die Theologie des Islam ist genauso wie die jeder anderen Religion nicht zeitlos. Sie ist an ihren Kontext gebunden. Deshalb kann eine Theologie aus den islamisch geprägten Ländern, zudem noch eine an der Vergangenheit orientierte traditionalistische Theologie, nicht einfach ins Europa des 21. Jahrhunderts verpflanzt werden.

Sie hoffen auf einen europäischen aufgeklärten Islam, der auch auf die islamischen Länder zurückwirken könnte. Eine Utopie?

Universität Osnabrück; © Universität OsnabrückKeineswegs! Vor wenigen Wochen besuchten mich Journalisten des Senders Al Arabia. Sie sagten: „Was Sie hier in Europa tun, ist immens wichtig für uns. Denn in unseren Staaten gibt es keinen Raum für freies Denken, für Kritik.“ Wir müssen deshalb in Kooperation mit den hiesigen islamischen Verbänden eine europäische islamische Theologie vorantreiben. Ansätze dazu gibt es nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Niederlanden.

Ich glaube: Wenn der Islam zu einer zeitgemäßen Neureflexion finden wird, dann nicht zuerst in den islamischen Ländern, sondern in Europa und Nordamerika. Denn im islamischen Raum fehlen die Voraussetzungen, also die demokratischen Strukturen und ein das freie Denken förderndes Bildungswesen.

Weiterbildung für Imane

Was tut Ihre Universität in Osnabrück hierzu konkret?

Wir starten im November mit einem universitären Weiterbildungsprogramm für Imame, aber auch für die das gesamte religiöse Betreuungspersonal der Moscheegemeinden. Das baut auf Fortbildungen auf, die wir schon länger durchführen. Außerdem werden an unserer Uni jetzt schon islamische Religionslehrer für deutsche Schulen ausgebildet. Daraus soll ein Studiengang für islamische Theologie entstehen.

Dabei kooperieren wir mit den hiesigen Instituten für katholische und evangelische Theologie. Das Studium soll also von Anfang an die Perspektive erweitern und im interreligiösen Dialog stattfinden.

Gregor Taxacher
führte das Gespräch. Er ist Theologe und arbeitet als Redakteur des Westdeutschen Rundfunks sowie als freier Autor (Schwerpunkt unter anderem: Christentum, Judentum und Islam) in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2010

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Philosophie und Religion in Deutschland

Artikel und Links zu ausgewählten Themen

Qantara.de – Dialog mit der islamischen Welt

Politik, Kultur, Gesellschaft: Informationen und Diskussionen auf Deutsch, Arabisch und Englisch

Philosophy in the City

Das Studium Generale wird vom Goethe-Institut Jakarta zusammen mit der philosophischen Hochschule Driyarkara, Jakarta, veranstaltet.