Wirtschaft und Soziales

Homophobe Fußballwelt – Tabus auf dem Rasen

Fan vom schwul-lesbischen Fanclub des Fußball-Bundesligavereins VfB Stuttgart hält einen Fanschal vor dem Gottlieb-Daimler-Stadion in Stuttgart; Copyright: picture-alliance/ dpaHerthajunxx Spruchband; Copyright: queerfootballfanclubs.comDer Profifußball scheint – wider alle statische Wahrscheinlichkeit – der einzige gesellschaftliche Raum zu sein, in dem es keine homosexuellen Männer gibt. Doch dass sich hier noch niemand geoutet hat, liegt allein am äußerst homophoben Klima in dieser Männerdomäne.

Spätestens als sich Klaus Wowereit, der regierende Bürgermeister von Berlin, im Sommer 2001 als erster deutscher Spitzenpolitiker öffentlich mit den Worten "Ich bin schwul – und das ist auch gut so!" zu seiner Homosexualität bekannte, haben Coming-outs in Deutschland an Leichtigkeit gewonnen. Doch was in Kultur und Politik heute als Selbstverständlichkeit gelten kann, würde im Fußball die Grundfeste einer Machowelt erschüttern.

Fußball als letzte große Tabuzone

Laut Statistik sind zehn bis 15 Prozent der Deutschen schwul bzw. lesbisch. Rein rechnerisch müsste in den deutschen Bundesligen somit eine ganze Reihe von schwulen Männern kicken. Doch niemand unter den über 800 aktiven Spielern im deutschen Profi-Fußball hat sich bislang geoutet.

Der Grund dafür ist denkbar einfach: "Der soziale Druck nach einem Outing wäre für den Spieler nicht auszuhalten", erklärt Corny Littmann, Präsident des FC St. Pauli und bekennender Homosexueller. So führen schwule Fußballprofis ein belastendes Doppelleben. Viele sind verheiratet, andere treten bei Vereinsfeiern oder in der Öffentlichkeit gezielt mit Schein-Lebensgefährtinnen auf – und tun alles, um jedem Verdacht vorzubeugen.

Denn: Das Outing gilt als sicheres Karriere-Aus. Niemand wagt diesen Schritt, weil der erste Spieler, der sich in über 40 Jahren Bundesliga-Geschichte outen würde, einen zermürbenden Medienrummel sowie Anfeindungen durch Mitspieler, Fans und Gegner fürchten müsste. "Der wird sicher ein Jahr lang niedergemacht, zu Hause und auswärts" – so lautet die Einschätzung von Ex-Nationalspieler Jens Todt.

Homosexuelle als Feindbild

Mitglieder des schwul-lesbischen Fanclubs von Hertha BSC Berlin, den Hertha-Junxx; Copyright: picture-alliance/ ZB"Schwul" ist auf den Rängen der Fußballstadien eines der beliebtesten und zugleich übelsten Schimpfwörter. "Ganze Kurven verbreiten homophobe Inhalte", erklärt Martin Endemann, der Sprecher des Bündnisses aktiver Fußballfans (BAFF). "Nähme der DFB Homophobie in seinen Strafenkatalog auf, müsste er fast jedes Bundesligastadion dichtmachen und jedes zweite Spiel abbrechen."

Doch für den Deutschen Fußball-Bund stand diese Form der Diskriminierung lange Zeit nicht auf der Tagesordnung. "Der Fußball scheint der einzige Kulturkreis zu sein, wo es nach wie vor kein Bewusstsein für dieses Thema gibt", kommentiert Oliver Lück, der stellvertretende Redaktionsleiter des Fußballmagazins Rund.

Tatjana Eggeling, die am Institut für Kulturanthropologie der Universität Göttingen zum Thema "Homosexualität im Sport" forscht, erklärt die Homophobie so: "Das Fremde löst besonders viel Angst aus, auch weil Sport ganz nah an der Körperlichkeit dran ist. Dem wird besonders aggressiv und intolerant begegnet."

"Doch "wovor die Menschen, die im Stadion schwulenfeindliche Tiraden loslassen, Angst haben", ist Oliver Lück ein Rätsel. "Ein gängiges Klischee besagt, dass der Fußball angeblich zu hart für Schwule sei." 1981 verbot die FIFA den Spielern, sich – etwa beim Torjubel – auf dem Platz zu küssen, denn das sei "unmännlich, übertrieben gefühlsbetont und deshalb unangebracht". Fußball ist offenbar die letzte Domäne des Männlichkeitswahns.

Das große Schweigen

Gegenakzente kommen vor allem aus den schwul-lesbischen Fußball-Fanclubs. Der erste dieser Art – die "Hertha-Junxx" – wurde im August 2001 gegründet. Mittlerweile sind weitere in Bielefeld, Dortmund, Dresden, Hamburg, Mainz, München und Stuttgart entstanden, die mit ihren Regenbogenflaggen in den Stadien ein Zeichen gegen die schwulenfeindliche Atmosphäre setzen.

Dass sich die Diskriminierung von Homosexuellen in der Fußballwelt so breit machen kann, liegt vor allem daran, dass die Homophobie in den Verbänden, in den Clubs und von den Sportlern totgeschwiegen wird. Die meisten Bundesligavereine wie auch die Spieler reagieren äußerst empfindlich auf Nachfragen. Statements wie: "Ein heißes Eisen, zu dem ich mich nicht äußern möchte" von Nationalspieler Christoph Metzelder sind keine Seltenheit. Für Tatjana Eggeling liegt der Grund dafür auf der Hand: "Ich gelte als schwul, wenn ich mich für Schwule stark mache."

Erste Hoffnungsschimmer

Fan vom schwul-lesbischen Fanclub des Fußball-Bundesligavereins VfB Stuttgart hält einen Fanschal vor dem Gottlieb-Daimler-Stadion in Stuttgart; Copyright: picture-alliance/ dpaDemnach wundert es nicht, dass nur wenige Klubs zum "1. Aktionsabend gegen Homophobie im deutschen Fußball" kamen, den die European Gay & Lesbian Sport Federation (EGLSF), BAFF und Rund am 12. Oktober 2007 im Berliner Olympiastadion organisiert hatten. Als durchaus positives Signal wurde gewertet, dass sich ein Vertreter des DFB an der Podiumsdiskussion beteiligte. Helmut Spahn, der Sicherheitsbeauftragte und Leiter der Task Force gegen Gewalt, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, ließ verlauten: "Wir haben das Problem erkannt und werden es angehen." Zurzeit sei der DFB dabei, die Stadionordnungen in Deutschland so zu überarbeiten, dass Diskriminierung jeder Art geächtet werde. Dann können auch schwulenfeindliche Äußerungen aus der Fankurve bestraft werden – so wie es in England bereits üblich ist.

Noch mehr als ein Strafenkatalog könnten in der Öffentlichkeit wohl klare Solidaritätsbekundungen der großen Fußball-Stars bewirken, wie sie im Falle von Rassismus und Gewalt längst gang und gäbe sind. Ein Klimawandel brächte wohl auch das Outing eines Top-Spielers. Doch: "Ich würde einem Spieler allein nie dazu raten, oute Dich", erklärt Corny Littmann. "So etwas geht im deutschen Profi-Fußball höchstens, wenn sich eine Gruppe von 20 Männern zusammentut und gemeinsam zur Homosexualität steht." Und das scheint im deutschen Fußball noch lang nicht möglich zu sein.

Dagmar Giersberg
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

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Dezember 2007

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