Musik

Interview mit Dieter Mack

@Dieter Mack
@Dieter Mack
Dieter Mack

Sie sind viel in Südostasien unterwegs. Wie ist die musikalische Verbindung zu dieser Region zustande gekommen?

Das war letztlich eine zufällige Konstellation. Während meines Studiums an der MHS Freiburg musste ich 1977 ein Referat über balinesische Musik halten. Mit dem wenigen mir zur Verfügung stehenden Material erfüllte ich diese Aufgabe, hatte aber trotz aller Faszination eigentlich nichts richtig verstanden. Daraufhin entschloss ich mich zu einer Reise nach Bali und gelangte über verschiedene Kontaktadressen nach Saba, in die Familie von I Gusti Gede Raka. Damals gab es noch keine richtige Straße ins Dorf und Strom sowieso nicht. Sprachlich konnte ich mich auch kaum verständigen, weil niemand Englisch konnte und ich selbst kein Balinesisch. Die anfängliche Faszination dieser neuen Welt wich bald einer umfassenden psychologischen Krise, da ich mit allem auf mich selbst gestellt war. Aber deren Überwindung (mit unbewusster Hilfe der Balinesen) verändertemein Leben um 180 Grad. Und nach der Rückkehr begann ich sofort, die nächste Reise zu planen.

Der nächste Schritt passierte etwa 7 bzw. 10 Jahre später als ich bereits insgesamt vier Jahre auf Bali gelebt und gelernt, und in Deutschland mein eigenes Gamelanorchester gegründet hatte. 1986 erlebte die damalige Programmreferentin des GI Jakarta, Frau Hannelore Lechner,zufällig in München mein Ensemble als wir balinesische Tänzer begleiteten. Da sie dies bis zu jenem Zeitpunkt für unmöglich gehalten hatte, sagte sie mir spontan ein Projekt zu. Daraus wurde schließlich eine sehr erfolgreiche Südostasien Tournee mit der live -Präsentation meiner Musik. Seit dieser Zeit kam es zu weiteren zahlreichen Einladungen an Universitäten, Kunstakademien, Festivals etc., und so wurde und blieb Indonesien bis heute für mich eine Art zweite Heimat. Wenn man einmal erlebt hat, was möglich ist, wenn man die Landessprache beherrscht, dann bleibt man gerne dort, um noch weitere, tiefergehende Erfahrungen zu sammeln und auch um etwas wieder zurück zu geben. Deswegen habe ich mich in der indonesischen Musikerziehung sehr engagiert. Ich arbeite aber in den letzten Jahren häufiger in anderen südostasiatischen Ländern. Dabei ist neben der Musikerziehung vor allem die zeitgenössische Musik der jeweiligen Kulturen mein Schwerpunkt. Hier setze ich mich besonders für neue Musikformen ein, die aus den lokalen Traditionen entstehen, also nicht nur westlichen Vorbildern huldigen.

Was tun Sie, wenn Sie sich längere Zeit in Indonesien aufhalten? Wie sieht dann ihr indonesischer Alltag aus?

Das ist sehr unterschiedlich. Wenn ich - was leider in den letzten Jahren sehr selten geschieht – auf Bali bin, dann arbeite ich am liebsten praktisch mit Gamelanorchestern, sei es als Lernender oder auch als Lehrender (Komposition). Schwerpunkt meiner Arbeit der letzten Jahre war jedoch an UPI Bandung, quasi die Fortsetzung meiner im Jahre 1991 begonnenen Arbeit der Entwicklung didaktischer Konzepte der Musikerziehung bzgl. einheimischer Musikformen. Neben der Lehre in verschiedenen Studiengängen (S1, S2 und bald S 3), die ich selbst mit entwickelt habe, betreiben wir auch ethnographische Forschungen und stellen Lehrmaterialien über einheimische Musikformen her.

Seit den letzten beiden Jahren widme ich mich auch einem besonderen Hobby, die Arbeit mit der Salamander Bigband in Bandung, was mir viel Freude bereitet. Neben diesen Tätigkeiten gibt es Vorträge, Konzertreisen und Mitwirkung bei Seminaren. Es ist also eine sehr vielfältige Tätigkeit und man kann kaum von einem geregelten Alltag sprechen. Und wenn ich einmal ein paar Tage Ruhe habe, dann kann es sein, dass ich komponiere oder durch die Berge wandere.

Wie gefällt Ihnen die Arbeit hier? Was ist das Besondere daran?

Die Arbeit in Indonesien ist für mich immer wieder spannend und neu, denn die kulturelle Vielfalt des Landes ist so einmalig. Diese Vielfalt ist schon das Besondere. Natürlich leide ich auch an den Problemen des Landes. Es ist nicht alles positiv, aber die dunklere Seite gehört genauso mit dazu. Insbesondere die Versäumnisse im Umweltschutz treiben mir manchmal Tränen in die Augen. Auch rege ich mich manchmal auf, wenn ich erlebe wie gerade in der Erziehungspolitik immer wieder die alten Fehler wiederholt werden. Ich frage mich warum? Es sind oftmals gar nicht die Menschen selbst, sondern die Konsequenzen einer bestimmten systemischen Konstellation, die notwendige Dinge verhindern. Aber sind wir ehrlich, ist es bei uns so viel anders? Und ist es letztlich in Deutschland nicht sogar einfacher, Änderungen durchzusetzen, wenn man einmal die unglaubliche Komplexität Indonesiens in Betracht zieht? - eine „never-ending-story“ und eben auch etwas Besonderes. Auf der anderen Seite habe ich enge Freunde gewonnen, und die soziale Integration, das füreinander da sein habe ich in dieser Form als eine wertvolle Bereicherung empfunden. Möglicherweise wäre es in einer anderen Kultur ebenso passiert. Aber ich habe mich für Indonesien bzw. die Region Südostasien als Schwerpunkt entschieden. Diese Erfahrungen ermöglichen letztlich auch einen verändertenkritischeren Blick auf die eigene Kultur.

Was sind Ihre bedeutendsten/liebsten Projekte in der Region, und was ist für Sie das Besondere daran?

Da ließe sich natürlich über 35 Jahre verteilt Vieles anführen. Aber in letzter Zeit sind es vor allem der „Young Composers Competition Southeast Asia“. Das ist ein ganz wichtiges Projekt, nicht nur um neue Talente zu entdecken, sondern auch um jungen Komponisten Aufführungs- und Austauschmöglichkeiten zu geben. Besonders wichtig ist deswegen der Effekt für die Region selbst. Der Wettbewerb hat etwas enorm Identität stiftendes für die regionale Musikszene in Südostasien. Das haben mir alle Teilnehmer in jeder Hinsicht bestätigt. Außerdem versuchen wir immer wieder lokale Aspekte miteinzubeziehen. Das letzte Mal in Bandung war es die Verbindung mit einem Gamelan Ensemble. Dieses Jahr kann jede/r Bewerber ein traditionelles Musikinstrument mit einbeziehen. Diesen Aspekt des Lokalen möchte ich weiter ausbauen, was aber nicht einfach ist, da jedes Land andere Voraussetzungen bietet. In Indonesien ist das noch am einfachsten, weil es eine aktive neue Musikszene gibt, die sich aus den eigenen Traditionen speist. In Singapore ist das naturgemäß völlig anders.

Weiterhin wichtig ist mir die im Winter begonnene Kooperation mit Institutionen der Region im Rahmen des Aufbaus von Jugendensembles für neue Musik. Dieses Projekt wurde durch das Ensemble Studio musikFabrik eingeleitet und führte im letzten Winter zu einer Kooperation mit Jugendensembles in Singapore, Kuala Lumpur und Bangkok. Die ersten Erfahrungen waren sehr ermutigend, und es muss jetzt um Nachhaltigkeit gehen. Deswegen werden diese Jugendensembles auch nächsten Sommer zu den Darmstädter Ferienkursen eingeladen und können dort konzertieren. Ich hoffe auch, dass nächstes Jahr Indonesien mit einbezogen werden kann. Jugendarbeit ist heute von zentraler Bedeutung, denn nur so kann man neue Musik so selbstverständlich wie traditionelle Musikpraxis werden lassen. Vorurteile werden abgebaut und Neugier geweckt. Das ist für mich der richtige Ansatz interkultureller Programmarbeit. Und dabei darf auch einmal etwas schief gehen oder weniger überzeugen. Das gehört zu solchen Prozessen dazu.

Viel Freude macht mir natürlich die Arbeit mit der Salamander Bigband in Bandung. Für mich hat dies etwas Nostalgisches, da ich ursprünglich aus den Bereichen Jazz und Rock komme. Das Level dieser Bigband, vom unermüdlichen Devy Ferdianto geleitet, ist stilistisch erstaunlich hoch. Die instrumentaltechnischen Defizite (fast alle Spieler sind Autodidakten!) werden zwar durch Begeisterung etwas kompensiert, aber auch hier zeigt eine kontinuierliche Aufbauarbeit dank der Unterstützung durch das GI schnell Früchte. Ich freue mich schon auf die nächste Phase im September.

Und mein letztes Lieblingsprojekt ist natürlich die langjährige Arbeit in Bandung an UPI, wo wir in einem kleinen Team immer wieder Feldforschungen betreiben und diese Ergebnisse zu Lehrmaterialien aufarbeiten und Coaching anbieten.

Und wie sieht der Alltag in Deutschland aus? Kommt auch im deutschen Alltag ein wenig Südostasien vor?

Mein Alltag in Deutschland ist natürlich von Südostasien geprägt. Ich leite weiterhin ein balinesisches Gamelanorchester an der Lübecker Musikhochschule, gebe Lehrveranstaltungen über südostasiatische Musik, mache Fortbildungen für Lehrer und schreibe ab und an Artikel zu interkulturellen Fragestellungen, die sich natürlich vor allem mit Südostasien beschäftigen. Gerade in zwei Wochen wird es ein Kompaktseminar bei der „International Ensemble Modern Academy“ in Frankfurt über neue Musik in Südostasien geben. Meine Tätigkeit im Beirat des Goethe Instituts und in der DAAD- Musikauswahlkommission ist natürlich ebenfalls gelegentlich auf Südostasien bezogen. Ansonsten unterrichte ich Komposition mit derzeit drei Studierenden aus Südostasien, koche gerne Indonesisch und trinke täglich „Kopi Tubruk“.

Kurze Angabe zur Person:

Dieter Mack, geboren 1954 in Speyer, studierte an der Musikhochschule Freiburg, war seit 1980 dort Lehrbeauftragter, seit 1986 Professor für Musiktheorie/Gehörbildung und unterrichtet seit 2003 Komposition an der Musikhochschule Lübeck. (www.dieter-mack.de) Er ist Vorsitzender des Musikbeirats des Goethe Instituts und Vorsitzender der Musikerauswahlkommission des DAAD.

Das Interview führte Verena Lehmkuhl, Koordinatorin „Kultur & Entwicklung Südostasien“ am Goethe-Institut Jakarta.

Copyright: Goethe-Institut Indonesien 2013

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