Fantasie im Überfluss und kein erhobener Zeigefinger – Die Kinderbuchautorin Cornelia Funke

Cornelia Funke erzählt von Feen und Erdmonstern, von abenteuerlustigen Mädchen, von einer Kinderbande in Venedig – und ihre Geschichten zwischen Fantasy und Abenteuer sind der zurzeit erfolgreichste deutsche Literatur-Export.
Von Büchern und vom Vorlesen handelt die Tintenwelt-Trilogie von Cornelia Funke, die nicht nur die deutschen Bestsellerlisten erstürmte. In Tintenherz (2003), Tintenblut (2005) und Tintentod (2007) wird erzählt wird, was passiert, wenn Figuren aus einem Buch plötzlich in die Wirklichkeit des Vorlesers herüberwechseln und dort ganz und gar lebendig ihr Unwesen treiben. Enorm turbulent geht dabei zu, wenn sich in den "Tinten"-Texten liebenswerte wie sonderbare und finstere Gestalten diesseits der Fiktion breitmachen.
Figuren, die zum Leben erwachen
Was Cornelia Funke in der "Tintenwelt" auf insgesamt knapp 2.000 Seiten einfühlsam und spannend beschreibt, ist für die Leser ihrer Bücher gewissermaßen Dauerzustand. Die Gestalten, die Funke so plastisch entwirft, werden schon nach wenigen Seiten Lektüre so lebendig, als stünden sie in der Tür. Das Geheimnis dahinter? Funkes Hauptfiguren sind niemals eindimensional. Mal sind sie mutig, mal unsicher, mal traurig-melancholisch, mal fröhlich. Unerschrockene Superhelden sucht man vergeblich.
In ihren Büchern begegnen dem Leser ganz normale Kinder, ganz normale Erwachsene – mit ihren alltäglichen Problemen. Sprotte aus der erfolgreichen Mädchenbuchreihe Die Wilden Hühner etwa lebt mit ihrer Mutter zusammen, die als Alleinerziehende ihren Lebensunterhalt mit Taxifahren verdient. Die Probleme präsentieren sich – so erklärt Funke – wie im richtigen Leben: "Nämlich ganz plötzlich, ohne Auflösung oft."
Funke erzählt ohne erhobenen Zeigefinger: "Gute Geschichten stellen für mich die richtigen Fragen, aber sie tun nicht so, als hätten sie alle Antworten." Und so verpackt sie auch keine Botschaften: "Das würde ja heißen, dass ich mich für klüger halte als meine Leser!"
Bücher, die zu Bestsellern werden
Vielleicht ist das das Geheimnis ihres Erfolgs. Der jedenfalls ist immens groß. Allein im deutschsprachigen Raum hat Funke weit über 6 Millionen Exemplare ihrer Bücher verkauft. Ihre Romane wurden mit zahlreichen nationalen wie internationalen Preisen ausgezeichnet.
Der internationale Durchbruch gelang ihr mit Herr der Diebe (2000). Die Autorin hatte ihren Roman über eine Kinderbande in Venedig auf eigene Kosten übersetzen lassen und ihn britischen Verlegern angeboten. Barry Cunningham, der bereits die Harry Potter-Schöpferin Joanne K. Rowling entdeckt hatte, erwarb die englischsprachigen Buchrechte.
Heute werden Funkes Bücher in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Von ihren ersten beiden Tintenwelt-Romanen haben sich im englischsprachigen Raum bislang mehr als 7 Millionen Exemplare verkauft. In Deutschland startete Tintentod, der letzte Band der Trilogie, im September 2007 mit einer Aufgabe von 500.000 Exemplaren.
Ideen, für die es bislang keine Bücher gab
Zur Bestsellerautorin wurde Cornelia Funke, die 1958 in Dorsten geboren wurde, über einen Umweg. Angefangen hat sie Kinderbuchillustratorin – nach einem Studium der Pädagogik und nach einem weiteren im Bereich Buchillustration. Doch schon bald wurden ihr die Stoffe, die sie bebildern sollte, langweilig. "Ich sehnte mich immer danach Geschichten zu haben, wo ich Seeschlangen zeichnen konnte, Wasserwesen, Drachen oder was immer. Aber in Deutschland wurde zu der Zeit noch nicht viel Fantasy geschrieben. Das heißt, ich bekam nie diese Geschichten, zu denen ich die Bilder gerne gezeichnet hätte, und deswegen habe ich angefangen zu schreiben."
Das war Mitte der 1980er Jahre. Seither hat sie sich mit ihren Bilder-, Kinder- und Jugendbüchern den Beinamen "deutsche Joanne K. Rowling" erschrieben. Anfang 2005 bekam die zweifache Mutter sogar einen Platz auf der Liste der weltweit "100 einflussreichsten Persönlichkeiten", die jährlich vom US-Magazin "Time" gekürt werden.
Bücher, die das Medium wechseln
Im Mai 2005 ist Cornelia Funke mit ihrer Familie von Hamburg nach Los Angeles gezogen und hat sich damit einen lange gehegten Traum erfüllt. "Ich habe mich noch nie im Leben so zu Hause gefühlt", erklärt sie. "Ich liebe die Offenheit, Freundlichkeit und Neugier, der man hier im Alltag selbst an der Ladenkasse und im Aufzug begegnet." Dass Hollywood gleich um die Ecke ist, erweist sich zudem als durchaus praktisch.
Vier ihrer Bücher haben bereits den Weg auf die Leinwand gefunden: zwei Folgen der Wilden Hühner, der Herr der Diebe und der Ferien-Roman Hände weg von Mississippi. Im Frühjahr 2008 soll nun mit Tintenherz die erste Hollywood-Verfilmung eines Funke-Buchs in die Kinos kommen. Die Autorin hat dafür die Rolle einer Co-Produzentin übernommen: "Was mich sehr am Film und auch am Theater reizt, ist, dass es eine wunderbare kreative Ergänzung zum Schreiben ist. Ich liebe es, beim Schreiben Diktatorin in dem Land zu sein, das ich erschaffe, aber ich merke, dass es meiner Inspiration guttut, an Film- oder Theaterprojekten mit anderen zusammenzuarbeiten."
Eine Schriftstellerin, die die Sprache wechselt
Cornelia Funke ist ständig auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Mit der Geistergeschichte, an der sie zurzeit arbeitet, betritt sie gleich in zweierlei Hinsicht Neuland. Zum ersten Mal nimmt sie die Perspektive des Ich-Erzählers, eines zwölfjährigen Jungen, ein – und schreibt dabei auf Englisch. "Abenteuerlicherweise entdecke ich beim Schreiben auf Englisch ganz neue Seiten an mir. Etwa, wenn es darum geht, über Gefühle zu sprechen. Im Deutschen sind wir vorsichtiger."Es scheint, als sei der Schreibprozess für die Schriftstellerin auch nach über 40 Büchern ebenso spannend wie das Lesen für ihre Fans: "Meist nehmen meine Figuren ab Seite 100 die Handlung selbst in die Hand, und ich habe festgestellt, dass es besser ist, sie vom Zügel zu lassen, weil die Geschichte, die sie selbst erzählen, immer ungewöhnlicher ist als die, die ich geplant habe." Auch muss man nicht fürchten, dass Cornelia Funke allzu bald die Geschichten ausgehen: "Es ist wirklich furchtbar – und furchtbar schön zugleich: In meinem Kopf stecken so viele Ideen, dass ein Leben wohl kaum ausreichen wird, um sie alle aufzuschreiben."
| Bücher von Cornelia Funke (Auswahl): |
| Die Wilden Hühner (Band 1), Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 1993, ISBN 3791504452 |
| Die Wilden Hühner und das Glück der Erde (Band 4), Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 2000, ISBN 978-3791504599 |
| Drachenreiter, Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 1997, ISBN 3791504541 |
| Herr der Diebe, Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 2000, ISBN 3791504576 |
| Tintenblut, Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 2005, ISBN 3791504673 |
| Tintenherz, Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 2003, ISBN 3791504657 |
| Tintentod, Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 2007, ISBN 978-3791504766 |
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Januar 2008








