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"Was weh tut, muss Sprache werden": Martin Walser, ein Chronist des Alltagsbewusstseins

Martin Walser; Copyright: Jim Rakete
Martin Walser
Er zählt zu den bedeutendsten und meistgeehrten deutschen Schriftstellern der Gegenwart. Immer wieder geriet er in die Diskussion – nicht nur wegen seiner literarischen Texte, sondern auch wegen seiner politischen Äußerungen. Am 24. März 2007 wurde Martin Walser 80 Jahre alt.

Biografie
Bibliografie

"Wenn die Welt uns entsprechen würde, gäbe es keine Literatur. Natürlich auch keine Religion. Die Welt entspricht uns zutiefst nicht." Mit diesen Worten beginnt der Essay Sprache, sonst nichts (1999) und mit diesen Worten sagt Martin Walser zugleich, warum er seit über sechs Jahrzehnten schreibt.

"Das Schreiben ist die schönste Bewegung, in die man geraten kann"

Cover von 'Ehen in Philippsburg', Martin Walser, Verlag: Süddeutsche Zeitung / Bibliothek; Auflage: 1 (15. Mai 2004); ISBN-13: 978-3937793085; Copyright: Süddeutsche Zeitung / Bibliothek, 2004
'Ehen in
Philippsburg'

Schon im Alter von zwölf Jahren soll Walser Gedichte verfasst haben, und schon früh verfügte er über ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Als Rundfunkjournalist begleitet er 1951 die Tagung der legendären Gruppe 47. Auf Hans Werner Richters Frage, wie es denn laufe, antwortet der junge Walser: "Technisch einwandfrei, aber was da gelesen wird, kann ich besser." Vier Jahre später erhält er für seine Erzählung Templones Ende den Preis der Gruppe 47 und startet damit fulminant ins literarische Leben.

Seither häuft Walser Auszeichnungen an. Für sein Romandebüt Ehen in Philippsburg erhält er 1957 den Hesse-Preis, dann den Hauptmann-Preis und den Schiller-Gedächtnispreis. 1981 wird er mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet: "Für sein vielgestaltiges und erfindungsreiches Werk, das mit raschem Witz und stürmischer Sprachkraft in unermüdlichem Bemühen das Gesicht seiner Zeit und ihrer Menschen zu ergründen sucht." Walser ist Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland und Träger des Ordens Pour le Mérite. 1998 bekam er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

"Ich habe mich da nicht zeitgeistgünstig verhalten"

Cover von 'Tod eines Kritikers', Martin Walser; Verlag: Suhrkamp; Auflage: 4 (Juni 2002), ISBN-13: 978-3518413784; Copyright: Suhrkamp, 2002
'Tod eines Kritikers'
Die Dankesrede, mit der Walser den Friedenspreis entgegennahm, löste eine heftige Kontroverse aus. Er wandte sich darin gegen die Instrumentalisierung des Holocausts: "Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung." Dafür wurde er vom Zentralrat der Juden der "geistigen Brandstiftung" geziehen. Und als 2002 sein Roman Tod eines Kritikers erschien, sah sich Walser mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert, da viele das Buch als eine Abrechnung mit dem jüdischen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki lasen.

Martin Walser wurden vom Feuilleton immer schon Etiketten an die Brust geheftet. Wurde er in den 50er und 60er Jahren als Kommunist abgestempelt, so drängte man ihn nach seinem Bekenntnis, dass er die deutsche Teilung als unerträglich empfinde, 1988 in die Ecke der Rechtskonservativen. Dabei hat sich Walser selbst nie als politischer Schriftsteller verstanden. "Ich habe in der Öffentlichkeit immer nur versucht, auszudrücken, was mich bewegt, wie es mir geht."

"Der Roman als die Geschichtsschreibung des Alltags"

Cover der Audio CD 'Unglücksglück' und 'Das geschundene Tier'; Martin Walser; Verlag: Hoffmann und Campe (Februar 2007), ISBN-13: 978-3455305197; Copyright: Hoffmann und Campe, 2007
'Unglücksglück'
Auch in seinen Texten zeichnet Martin Walser nach, was Menschen bewegt, wie es ihnen in ihrem Alltag geht. Sein episches Werk wimmelt von Antihelden, von gescheiterten Existenzen des Mittelstandes, von angepassten Normalbürgern. Es sind die "gewöhnlichen Entsetzlichkeiten", die Walser sprachgewaltig beschreibt: Minderwertigkeitsgefühle, Selbsttäuschungen, Abhängigkeitsverhältnisse, ungelebte Träume. Seine Hauptfiguren, die der Autor in unterschiedlichen Romanen wieder belebt, sind im Mittelmaß gefangen, in ihren Ehen oder ihren Berufen – kurz: im "Unglücksglück". "Ich finde Leute, über die Macht ausgeübt wird, interessanter als Leute, die Macht ausüben. Mich ziehen eben Menschen an, denen nicht alles gelingt."

Es ist der Realismus der Darstellungen, der an Walsers Prosa fasziniert, sein mitleidslos entlarvender, teils ironischer Blick. Als "Chronist des Alltagsbewusstseins" wird Walser daher vielfach mit John Updike verglichen. "Walser schreibt modern, aber für jedermann verständlich, spannend, aber nicht trivial, handfest, aber auf weltliterarischem Niveau, witzig, aber nicht zynisch, empfindlich, aber nicht weinerlich", so beschreibt etwa Joseph von Westfalen im Neuen Handbuch der deutschen Gegenwartsliteratur seit 1945 Walsers Stil. Und für Thomas Steinfeld ist Walsers Erzählwerk ein "Kolossalgemälde der Bundesrepublik".

"Für mich ist Schreiben Leben"

Cover von 'Das geschundene Tier'; Martin Walser; Verlag: Rowohlt, Reinbek (März 2007), ISBN-13: 978-3498073596; Copyright: Rowohlt, Reinbek, 2007
'Das geschun-
dene Tier'

Kolossal ist Walsers Werk allein in seinen Ausmaßen. Als vor zehn Jahren die erste Werkausgabe bei Suhrkamp erschien, umfasste sie bereits zwölf dickleibige Bände – mit Romanen und Erzählungen, Dramen und Hörspielen, Lyrik, Essays und Übersetzungen. Seither sind allein fünf Romane, ein Band mit Aufsätzen und eine Ausgabe seiner Tagebücher (von 1951 bis 1962) hinzugekommen. Zu seinem 80. Geburtstag wird im Rowohlt Verlag, zu dem Walser 2004 gewechselt ist, unter dem Titel Das geschundene Tier eine Sammlung seiner Balladen erscheinen.

Walsers Œuvre wächst also weiter – schon allein, weil die Welt ihm auch in Zukunft nicht entsprechen wird. "Es gibt viele Motive zu schreiben: Selbstvergewisserung, Selbstverteidigung, Selbstbetäubung", sagte er im September 2005 in einem Interview für die "Welt". "Mir fällt ein, was mir fehlt. Wenn alles so wäre, wie ich es wollte, könnte ich nicht schreiben. Aber da das nie passieren wird, bleibt mir nur das Schreiben."

Dagmar Giersberg
arbeitet als freie Publizistin in Bonn

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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März 2007

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