in Indonesien

Schriftstellerwelt Yogyakarta

Bild Unterricht
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Die Diskussion Jogja-Realitas („Yogyakarta-Realität“), die der Radiosender Eltira FM am 23. März 2007 ausstrahlte, widmete sich dem Thema Yogyakarta als Stadt der Bücher. An der Diskussion nahmen Vertreter des Verlagswesens, des Großhandels und der Buchhandlungen teil – jener Fraktionen also, die mutmaßlich die Idee einer Bücherstadt unterstützen. Schade nur, dass aus dem Kreis der Schriftsteller nicht nur niemand eingeladen war, sondern dass diese und überhaupt die Schreibende Zunft Yogyakartas in diesem Gespräch nicht thematisiert wurden. Sind Autoren und Autorenschaft etwa keine tragenden Elemente einer Stadt der Bücher? Oder unterstützt Yogyakarta nicht das Wachstum und die Entwicklung der Literaturwelt?

Sicherlich sind gerade Schriftsteller und die Schreibende Zunft die wichtigsten Elemente der Buchindustrie; und die Stadt Yogyakarta verfügt auch über einen fruchtbaren literarischen Wirkungskreis - im Vergleich zu anderen Regionen Indonesiens vielleicht über den fruchtbarsten. Dies lässt sich anhand einer Vielzahl überregionaler Medien sehen, denn viele Autoren, die dort ihre Texte veröffentlichen, stammen aus oder leben in Yogyakarta.

Auch bei der Diskussion Eltira Bookshelf, die vom Sender Eltira FM am 26. März 2007 veranstaltet wurde, nahm Yogyakarta eine besondere Position ein: Vorgestellt wurde die Kurzgeschichtenanthologie Loktong (chinesisch: Hure), deren Beiträge in der Mehrzahl aus der Hand von Autoren aus Yogyakarta stammen. Loktong enthält Kurzgeschichten von Gewinnern eines Kurzgeschichtenwettbewerbs auf nationaler Ebene, der sich an junge Teilnehmer wandte und vom Creative Writing Institute (CWI) und dem Ministerium für Jugend und Sport (Kementrian Pemuda dan Olahraga) zum Jahresende 2006 veranstaltet wurde. Nicht nur die meisten nominierten Autoren sind aus Yogyakarta, sondern anhand der Teilnehmerliste am Ende des Buches zeigt sich, dass überhaupt die Mehrzahl, die einen Beitrag für den Wettbewerb leistete, aus dieser Stadt in Zentraljava kommt.

Yogyakarta gilt bereits seit langer Zeit als Heimat vieler Autoren, nicht nur innerhalb Indonesiens, sondern weltweit. Namen wie Umar Kayam, Kuntowijoyo, Mukti Ali, Emha Ainun Nadjib, Y.B. Mangunwijaya, Sindhunata und noch viele andere sind mit der Stadt verbunden. Der Dichter und Journalist F. Rahardi sagte über Yogyakarta, dass die Stadt in den 70er Jahren die meisten Dichter hervorbrachte. Von etwa 1960 an bis in die 70er Jahre haben hier Rendra, Kirjomulyo, Darmanto Yatman und Sapardi Djoko Damono gelebt.

Bringt Yogyakarta heute immer noch Autoren wie in den 70er Jahren hervor? Wenn man, wie oben angedeutet, die Autorenschaft in den Massenmedien betrachtet und wenn diese zum Maßstab wird, dann lautet die Antwort „ja“. Das Schlüsselwort ist „Regeneration“. Yogyakarta lässt sich als das Regenerationslabor des Schreibens in Indonesien bezeichnen. In den letzten Jahren tauchen Namen neuer Autoren, die aus dem Schoß Yogyakartas stammen, auf wie Indra Tranggono, Agus Noor, Puthut EA, Eka Kurniawan und Dwicipta.

Die Regeneration ist erfolgreich und Yogyakarta wird allezeit neue Autoren hervorbringen, denn einige Bedingungen dafür sind hier gegeben: Erstens fördert das akademische Klima literarische Interessen. Yogyakarta ist bekannt als Stadt der Bildung, Hunderte von Schulen und Hochschulen sind hier ansässig, und die Welt der Bildung ist seit jeher eng mit der Welt der Literatur verbunden.

Vor geraumer Zeit wurde in der Tageszeitung KOMPAS Yogyakarta über den Mangel an qualitativ „guten“ Veröffentlichungen debattiert. Während das Verlagswesen in Yogyakarta früher dafür bekannt war, dass es „schwere“ Bücher publizierte, so scheint es in den letzten Jahren eher mit „leichter Kost“ dem Geschmack des Marktes Rechnung zu tragen. Der Mangel an akademischen Texten wird häufig als Ursache angeführt, aber andererseits auch just das Klima der akademischen Welt, das dem Schreiben nicht förderlich sei. Zumindest kann eine enge Verbindung von Campus und Schreibfeder nicht geleugnet werden.

Treffendes Argument für diese Nähe ist die Studentische Presseinrichtung LPM (Lembaga Pers Mahasiswa), die eine Schule fürs Schreiben darstellt. Hier können Studenten Nachrichten verfassen und deren Veröffentlichung in die Hand nehmen. Tatsache ist, dass das Verlagswesen in Yogyakarta zu einem Großteil von Leuten gestaltet wird, die während ihrer Studentenzeit in der LPM aktiv waren. Bedauerlich ist nur, was die Studie von Nuraini Juliastuti (2005) zeigt: während in der Zeit vor der Reformation die Campus-Presse meist von Kritik (gegenüber der Macht) geprägt war, scheinen heute viele Blätter als Teil des Lifestyle entstanden zu sein.

Zweitens wird die Regeneration und die Geburt neuer Autoren in Yogyakarta auch durch die dort ansässigen Schreib-Gemeinschaften begünstigt. Um einige zu nennen: Rumah Lebah (etwa: „Bienenstock“), Rumah Poetika (etwa: „Haus der Poetik“), Kajian Jumat Sore (etwa: Studien am Freitagnachmittag“), Bulaksumur (Viertel im Norden der Stadt), Tanda Baca (etwa. Lesezeichen) oder die Akademi Kebudayaan Yogyakarta (AKY) (etwa: Kultur-Akademie Yogyakarta). Aus der AKY kommt unter anderem Eka Kurniawan und Puthut EA, und Rumah Lebah ist unumstritten die Wiege von Raudal Tanjung Banua und Sunlie Thomas Alexander.

Schreiben ist tatsächlich eine solitäre Angelegenheit, die letztendlich alleine verrichtet wird. Aber diese Gemeinschaften dienen als Ort der Diskussion und der gegenseitigen Ermutigung und Kritik, sowie dem wichtigsten Punkt: der Bereitstellung von unterschiedlichsten Lesestoffen, sei es durch gemeinsamen Kauf oder der gegenseitigen Leihgabe. Bedauerlicherweise erhalten solche Gemeinschaften häufig keinerlei Unterstützung, sprich finanzielle Unterstützung, um ihre Aktivitäten auszudehnen. Rumah Poetika veranstaltete beispielsweise vor einiger Zeit das Vier-Städte-Dichter-Forum (Forum Penyair Empat Kota) und war wegen mangelnder finanzieller Unterstützung gezwungen, sich mit mangelhafter Organisation abzufinden, obwohl auch Vertreter aus Yogyakarta teilnahmen.

Drittens ist die Beziehung von gleichgesinnten Autoren in Yogyakarta transparenter und enger. Unterschiede an Alter und Erfahrung ist kein Hindernis für Austausch und Gespräch. Wie in keiner anderen Stadt leiten die Senioren die Junioren an, während die Junioren umgekehrt die Älteren wertschätzen. Bei einer Veranstaltung in Solo im letzten Monat, bei der die erstmalige Veröffentlichung eines Bulletins einer Schreibgemeinschaft gefeiert wurde, beklagten sich viele der Anwesenden über das Fehlen einer harmonischen Beziehung untereinander so wie sie in Yogyakarta zu finden ist. In Solo gehen die Senioren alleine ihren Weg, fühlen sich in einem solchen Klima häufig nicht wohl und ziehen in eine andere Stadt.

Viertens wachsen aus einem Senior-Junior-Verhältnis weitere Nachkommen von Senior-Autoren heran, die ihrerseits zu „Lehrern“ werden, die Junioren anleiten. Während der 60er und 70er Jahre galt in Yogyakarta der Dichter Umbu Landu Paranggi als ein solcher „Lehrer“. Obwohl er selbst niemals den Anspruch darauf erhob, beriefen sich einige Autoren wie Emha Ainun Nadjib, Linus Suryadi AG, Korrie Layun Rampan, Iman Budi Santosa und andere auf ihn als ihren „Lehrer“.

Als Umbu im Jahre 1975 dann nach Bali zog, erlebte Yogyakarta den Verlust eines „Lehrers“ und niemand unterrichtete seine Junioren so ernsthaft wie er. Einige Jahre später war der Name Umbu nur noch eine Erinnerung an den „Präsidenten der Malioboro“ (Anmerkung: Malioboro ist eine Straße im Zentrum der Stadt, bekannt als Markt für traditionelle wie moderne Konsumartikel), der die Literaturwelt Yogyakartas berühmt machte ohne dass es einen Nachfolger gegeben hätte.

Erst Ende der 90er Jahre tauchte “Gus” Zainal Arifin Thoha auf. Sein Name ist vielleicht weniger bekannt, er spielte jedoch eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Literatur vor allem in Pesantren (Koranschulen). Einige Autoren wie Joni Ariadinata und Muhidin M. Dahlan bezeichnen ihn als ihren „schriftstellerischen Lehrer“. Gus Zainal gründete die Pesantren Hasyim Asy’ari und die Autoren-Einrichtung Kutub („Pol“) im Bezirk Krapyak, Bantul, südlich von Yogyakarta gelegen, die in den letzten Jahren im Literaturuniversum Yogyakarta recht bekannt geworden ist.

Doch das Schicksal folgt bekanntlich einer eigenen Logik: Einige Literaturkenner, darunter der Japaner Shiho Sawai, der sich wissenschaftlich mit den Literatur-Gemeinschaften in Yogyakarta beschäftigt, bezeichneten Gus Zainal als Nachfolger von Umbu. Im vergangenen März 2007 jedoch verstarb Gus Zainal. Wer tritt in Yogya nun das Erbe von Umbu und Gus Zainal an?

Der Regenerationsprozess von Autoren in Yogyakarta geht bis heute weiter. Autoren und Schriftsteller sind ebenso wie Verleger, Großhändler und Buchhandlungen die Pfeiler einer Bücherstadt. Die Synergie zwischen Autoren und Verlagen muss aber aufgebaut werden. Das Verlagswesen Yogyakartas ist von geringer Größe und tatsächlich werden die Rechte der Autoren häufig vernachlässigt. Die Folge ist, dass bekannte Autoren aus Yogyakarta die Veröffentlichung ihrer Werke anderen Verlagen außerhalb Yogyakartas anvertrauen. Doch die Autoren müssten andererseits anerkennen, dass kleine Verlage das Risiko einer Veröffentlichung übernehmen, wenn der Autor noch ein Niemand ist.

M.H. Abid
Schriftsteller, Editor lebt in Yogyakarta

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