Werkstatt für literarische Übersetzer – das Europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen

Das Übersetzen, so lässt sich bei Goethe nachlesen, gehört zweifellos zu den „wichtigsten und würdigsten Geschäften in dem allgemeinen Weltverkehr“. In Zeiten rasch fortschreitender Globalisierung hat sich daran mitnichten etwas geändert.
Doch wird, was zum Wichtigsten zählt, nicht immer auch entsprechend gewürdigt. Ganz im Gegenteil: Die Arbeitsbedingungen und Honorare von literarischen Übersetzern sind häufig bescheiden. Obwohl sie mittlerweile etwa jedem zehnten der in Deutschland erscheinenden Bücher ihre Stimme leihen, gehören sie meist zu den schwächsten Gliedern in der Verwertungskette des Buchmarktes.
Eine einzigartige und weithin über die Grenzen Deutschlands strahlende Ausnahme von dieser Regel verdankt die Zunft einem ihrer prominentesten Vertreter hierzulande: Elmar Tophoven. Der Beckett-Übersetzer ergriff Anfang der 1970er-Jahre zusammen mit Klaus Birkenhauer, dem damaligen Vorsitzenden des Verbandes literarischer Übersetzer, die Initiative, um ein internationales Übersetzerkolleg in Deutschland zu gründen.
Vorbild aus dem mittelalterlichen Spanien
Dieses Kolleg sollte nicht nur wesentlich dem Erfahrungsaustausch unter professionellen Übersetzern dienen, sondern ganz allgemein den Kulturaustausch in einer Zeit befördern, in der ein solches Anliegen noch keineswegs selbstverständlich gewesen ist. Ein Vorbild dafür fand man im mittelalterlichen Spanien. Dort existierte im 12. und 13. Jahrhundert die Schule von Toledo, in der unter dem Mäzenat des Erzbischof Raimund von Toledo die auf Arabisch erhaltenen griechischen Klassiker von mehreren Gelehrten zusammen über den Umweg des Spanischen ins Lateinische gebracht wurden.
Vom ersten Gedanken bis zur Einrichtung des Kollegs sollten aber Jahre vergehen. Am 10. Januar 1978 wurde das „Europäische Übersetzer-Kollegium Nordrhein-Westfalen in Straelen e. V.“ unter der Schirmherrschaft von Samuel Beckett, Heinrich Böll, Max Frisch, Robert Minder und Mario Wandruszka im niederrheinischen Straelen eröffnet. In einer Stadt, die bis dato allein durch den großen deutsch-niederländischen Blumen-Grenzverkehr auf sich aufmerksam machen konnte. Zunächst provisorisch untergebracht, hat das hauptsächlich vom Land NRW getragene Übersetzer-Kolleg seit 1985 in der Kuhstraße einen geräumigen, lichtdurchfluteten Gebäudekomplex bezogen. Unter dessen Dächern finden die jährlich etwa 750 Gäste aus aller Welt ideale Arbeitsbedingungen vor: Neben dem Kernstück, der 110.000 Bände umfassenden und damit weltweit größten Spezialbibliothek für Literatur- und Sachbuchübersetzer, bietet das Haus auch umfangreiche technische Unterstützung sowie 30 komplett eingerichtete Appartements, in denen Übersetzer während ihres Aufenthaltes wohnen und arbeiten können.
Anders als in vergleichbaren europäischen Einrichtungen, deren Vorbild nicht selten das Haus in Straelen gewesen ist, ist die Vergabe der Aufenthaltsstipendien keineswegs nur an die jeweilige Landessprache gebunden. Deutsch muss weder Ziel- noch Ausgangssprache der Arbeitsprojekte sein. So konnte Joakim Sundström hier Harry Mulischs De ontdekking van de hemel vom Niederländischen ins Schwedische übertragen, genauso wie etwa Ole Meyer Dantes La Divina Commedia ins Dänische bringen.
Förderung herausragender literarischer Übersetzungen
Mehrere Tausend Übersetzungen sind in Straelen bislang angefertigt worden. Da sich die Einrichtung nicht nur unter den gern wiederkehrenden Nutzern, sondern auch unter den Landespolitikern größter Wertschätzung erfreut, wird sich daran in absehbarer Zeit wohl nichts ändern. Gefördert werden professionelle Übersetzer jedoch nicht allein durch die gebotenen Rahmenbedingungen.
Mit dem seit 2001 biennal verliehenen Übersetzerpreis, den das Übersetzer-Kollegium gemeinsam mit der Kunststiftung NRW vergibt, verfügt das Haus über ein weiteres Instrument, um gezielt herausragende Leistungen auf dem Gebiet des literarischen Übersetzens zu fördern. Aktueller Träger (2008) des mit 25.000 Euro dotierten Preises ist Gerhardt Csejka für seine Übersetzung von Mircea Cărtărescus Werk Die Wissenden (Zsolnay Verlag, Wien, 2007); gleichzeitig wird das Gesamtwerk des Übersetzers ausgezeichnet.
Seit 2002 beherbergt das Übersetzer-Kolleg auch einen im Turnus von drei Monaten wechselnden „Translator in Residence“. Er soll durch Lesungen und Vorträge dem interessierten fachfremden Publikum Einblicke in ein zur Kunst erhobenes Handwerk ermöglichen, ohne das wir Leser zweifellos um viele unserer eindrücklichsten Lese-Erlebnisse ärmer wären.
ist Redakteur des Kulturmagazins „K.WEST – das Feuilleton für NRW“.
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Aktualisiert: Juni 2008








