Comicszene Philippinen

PHILIPPINISCHE COMICS AUF DEM WEG IN DIE ZUKUNFT


Fast drei Jahrzehnte lang, von den 1960er bis zu den 1980er Jahren, war die philippinische Comicindustrie die größte Asiens. Comics waren derart erfolgreich, dass die Verlage jede Woche Hunderttausende, wenn nicht gar eine Million pro Ausgabe verkauften. Die beliebtesten Comics erschienen im Atlas Verlag (Pilipino Komiks, Hiwaga Komiks, Darna Komiks, True Horoscope Stories) und beiGraphic Arts Services, Inc., oder auch GASI (Shocker Komiks, Pioneer Komiks, Pinoy Klasiks und Bata Batuta). Bei den jüngeren Lesern waren die Pilipino Funny Komiks von den philippinischen Inseln am beliebtesten.

Früher waren Comics für viele Filipinos die einzige Art der Unterhaltung, vor allem in den entlegeneren Provinzen, in die das Fernsehen noch nicht Einzug gehalten hatte. Damals lasen fast 80% aller philippinischen Familien Comics. Die Nachfrage war so groß, dass manche Titel wie Pinoy Komiks, Pinoy Klasik, Silangan Komiks und viele andere sogar bald ihre Hefte zweimal pro Woche auf den Markt brachten.


DIE ANFÄNGE

Album ng Kabalbalan ni Kenkoy, Writer: Romulado Ramos, Cartoonist & Illustrator: Antonio Velasquez Das Medium Comic gelangte Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts aus den USA auf die Philippinen. Der erste philippinische Comic, Kenkoy, war eine Bilderserie von Antonio Velasquez und Romualdo Ramos, die 1927 erstmals in der Zeitschrift Liwayway erschien. Kenkoy war so etwas wie die philippinische Antwort auf die humoristischen Sonntags-Comics, die jede Woche in den US-Zeitungen abgedruckt wurden. Die Serie wurde bald so populär, dass Liwayway ihr in jeder Ausgabe zwei ganze Seiten widmete. Der Begriff kenkoy, der so viel wie Comedian, immer lachend oder sarkastisch bedeutet, hielt sogar Einzug in die Popkultur: In den 1970er Jahren veröffentlichte die Rock-Ikone Mike Hanopol einen Song namens Mr.Kenkoy.


Halakhak; @Isaac Tolentino and Atty. Jaime Lucas Im Jahr 1946 erschien der erste philippinische Comic: Halakhak Komiks. Der Illustrator Isaac Tolentino und der Anwalt Jaime Lucas brachten erstmals eine Zeitschrift heraus, in der ausschließlich Comics zu sehen waren und diese nicht, wie noch in Liwayway, nur ein Lückenfüller waren. Wegen Problemen beim Vertrieb musste Halahak das Heft jedoch nach nur 10 Ausgaben wieder einstellen. Unter der Federführung von Kenkoy-Erfinder Velasquez folgten 1947 Pilipino Komiks aus dem Ace Verlag, die nach der Auflösung von Ace von Atlas veröffentlicht wurden. Es folgten alsbald viele andere Comics aus dem Hause Ace wie etwa Hiwaga, Tagalog Komiks oder Silangan.



INDEPENDENT-VERLAGE

Redondo Komix; @CRAF Publications Mit der wachsenden Comicindustrie machten sich viele Texter und Künstler einen Namen, viele wurden alsbald zu Pionieren der philippinischen Independent-Comicszene. Der renommierte Schriftsteller Gomez gründete 1963 den PSG Verlag, dessen Haupttitel United Komiks war. Im selben Jahr gründeten eine Gruppe bekannter Künstler, Nestor und Virgilio Redondo, Alfredo Alcala, Amado Castrillo, Tony Caravana und Jim Fernandez, den CRAF Verlag.

Es waren jedoch harte Zeiten für Independent-Verlage. Das Verlagsmonopol des Roces-Clans, zu dem auch Atlas und GASI gehörten, machte den unabhängigen Verlagen das Leben schwer, die auf Dauer mit den Großen nicht mithalten konnten.


DIE FILIPINO-INVASION

1971 schickte der US-Verlag National Comics (inzwischen DC Comics) einige Mitarbeiter auf die Philippinen, um dort nach neuen Talenten Ausschau zu halten. Der Filipino Tony DeZuniga hatte sich zu dieser Zeit bereits mit seinen Errungenschaften auf dem Comic-Sektor in den USA einen Namen gemacht. Doch Carmine Infantino und Joe Orlando von National Comics wollten noch mehr Talente anheuern. Einige der von ihnen entdeckten Künstler, darunter auch Nestor Redondo, Alfredo Alcala und Alex Nino, sind gar bei den jährlich stattfindenden Inkpot Awards in den 1970er Jahren ausgezeichnet worden.

Durch diese Erfolge standen philippinische Künstler bald allgemein hoch im Kurs, was Namen wie Gerry Talaoc, Steve Gan, Ernie Chan, Vic Catan, Nestor Malgapo, Abe Ocampo und Rudy Nebres auch den Sprung in die USA ermöglichte. Viele andere Künstler folgten, etwa Whilce Portacio, Leinil Yu, Gerry Alanguilan, Carlo Pagulayan, Rod Espinosa, Philip Tan, Jay Anacleto oder Lan Medina.


DIE BLÜTZEZEIT DER COMICS

Mit der Abwanderung vieler etablierter Künstler in die USA befürchtete man in den 1970er Jahren schon den Untergang philippinischer Comics. Doch genau das Gegenteil war der Fall: Filipino-Comics sollten sich jetzt erst so richtig durchsetzen.

In den 1970er und 1980er Jahren erreichten sie selbst die entlegensten Ecken der Inselregion. Für viele Leser in Orten wie Visayas and Mindanao waren sie ein ideales Hilfsmittel, um Tagalog zu lernen, die zweite philippinische Sprache neben Englisch. Laut der Commission On The Filipino Language war es vor allen den Comics zu verdanken, dass Tagalog sich auch in den Provinzen durchsetzte. Ein Erfolg, den Radio und Fernsehen nicht für sich in Anspruch nehmen konnten. In dieser Zeit feierten unter anderem Carlo J. Caparas, Elena Patron, Gilda Olvidado, Nerissa Cabral, Hal Santiago und Mar Santana große Erfolge.


COMICS – DAS ENDE DER MAINSTREAM-ÄRA

Die Erfolgsphase der philippinischen Comics hatte jedoch in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren ein Ende. Dies lag vor allem an fünf Faktoren:

Wirtschaft: Der Lebensstandard auf den Philippinen wurde niedriger, die Leute hatten weniger Geld zur Verfügung. Und in Zeiten knapper Haushaltskassen gibt man sein Geld in erster Linie für Reis und andere Lebensmittel oder Mobilität aus, nicht für Comics.

Neue Medien: Das Fernsehen hielt Einzug in die philippinischen Haushalte und wurde damit für das Comic als Unterhaltungsmedium eine starke Konkurrenz. Schließlich ist Fernsehen kostenlos und bietet längere Geschichten. Und natürlich sind die im TV gezeigten Figuren viel lebhafter als die statischen Bilder auf Papier.

Qualität - Die Druckqualität hatte sich seit den frühen Tagen kaum verbessert und wurde mit der Einführung günstigerer Druckmethoden sogar schlechter.

Honorare – Die Verlage hatten lange die Forderungen der Texter und Illustratoren nach mehr Honorar ignoriert. Daraufhin erhob sich in den frühen 1990er Jahren ein weiträumiger Protest. Damals lag das gängige Honorar für einen Illustrator bei 75 Philippinischen Pesos pro Seite – der gleiche Preis wie vor 20 Jahren. So war es kaum verwunderlich, dass die besten Künstler lieber ins Animations- bzw. Werbefach abwanderten. Die Texter wandten sich dagegen romantischen Romanheftchen zu, die in den 1990er Jahren den Markt überschwemmten, oder schrieben für die Fernseh- und Filmbranche.

Verlagslandschaft – Schon seit den 1930er Jahren hatte Don Ramon Roces das Monopol auf dem philippinischen Comicmarkt. Atlas, GASI, Counterpoint, Kislap, Sonic, Infinity, Islas Filipinas und API, alle gehörten zum Roces Unternehmen. Diese enorme Konzentration der Macht auf dem Comicmarkt lähmte die Kreativität der Branche, die dadurch beinahe 40 Jahre auf einem Level stagnierte.

Alle diese Gründe waren unmittelbar miteinander verbunden. So mussten viele Künstler etwa wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage zum Animations- bzw. Werbemetier wechseln, um ihre Familien ernähren zu können. Diejenigen, die in der Comicbranche geblieben waren, mussten dementsprechend mehr pro Woche produzieren und ständig sehr eng gesetzte Deadlines einhalten, was die Qualität ganz klar negativ beeinflusste.


SIEGESZUG DER INDEPENDENT-COMICS

@Alamat 101 Alle Zeichen deuteten darauf hin, dass die Comicbranche sich in den 1990er Jahren stark wandeln sollte. Die Mainstream-Titel wurden zunehmend von alternativen Underground-Titeln verdrängt. Diese von amerikanischen und japanischen Titeln beeinflussten alternativen Comics setzten sich immer mehr durch, während die früher so beliebten Titel von Atlas und GASI bald vom Markt verschwanden. Zu diesen frühen Pionieren gehörten Flashpoint, Alamat, Zenith Graphics, Exodus und TaekwonDoggs.

Die neuen Comics experimentierten mit verschiedenen Darstellungsformen und Layouts, die sich deutlich von ihren Vorgängern abheben sollten. Die Texte waren Englisch, und beim Geschichtenaufbau schaute man sich viel von Amerikanern und Japanern ab. Die Veröffentlichung der zwei Mal im Monat erscheinenden Zeitschrift Culture Crash Comics war quasi die Sternstunde der philippinischen Mangas, die besonders bei den Studierenden an der High School und auf dem College reißenden Absatz fanden.


MARKT VERSUS KULTUR

Die Globalisierung hat die philippinische Comicwelt stark beeinflusst. Durch das Internet konnten die hier ansässigen Künstler auf einmal genau verfolgen, was es sonst noch auf dem Markt gab. Sie erlebten hautnah, auf welchem Level die Comics von heute produziert werden, und konnten ihre eigenen Fertigkeiten entsprechend auf den neuesten Stand bringen.

Der Leser von heute ist anspruchsvoller geworden. Druckqualität, Oberfläche der Illustrationen, Linienführung – alles soll auf dem Niveau von Marvel, DC und den führenden japanischen Plattformen sein. Die neue Lesergeneration will kein Zeitungsdruckpapier oder die altmodische Farbtrennung beim Druck, kein Kratzer oder Makel darf auf dem Produkt zu sehen sein. Begriffe wie „Top-Zustand“ oder Plagiat gehören inzwischen zum Standardvokabular der heutigen Zielgruppe. Auch beim Layout ist der Standard höher geworden. Es reichen keine rechteckigen Kästchen mehr; die Bildergeschichten von heute sind viel origineller geworden.

@Komikon

Der Comic-Fan ist inzwischen das Zentrum der Comickultur. Das liegt unter anderem daran, dass viele ehemalige Fans inzwischen selbst zu Künstlern des Genres avanciert sind. Waren es früher Leute, die auf dreirädrigen Fahrrädern herumfuhren, Babysitter, Verkäufer oder kleine Büroangestellte, die Comics lasen, ist es nun eine deutlich jüngere Zielgruppe, die zu Events wie der Komikon oder der Filipino Comics Convention pilgert und davon träumt, selbst einmal in der Branche Fuß zu fassen. Die einstige Zielgruppe, die in den 50er bis 80er Jahren noch ausgiebig Comics las, hat dieses Hobby weitgehend abgelegt.

Das Marketing spielte früher eine wichtige Rolle in der Comicbranche. Das Vertriebsnetzwerk der großen Verlage Das Vertriebsnetzwerk der großen Verlage erstreckte sich auf das ganze Land, und die Leute lasen das, was ihnen vorgesetzt wurde. Comics waren zudem billig, und für viele Filipinos waren sie das einzige Unterhaltungsmedium. Heute funktioniert der Markt genau andersherum: Die Comic-Kultur bestimmt Marketing und Vertrieb. Überall sind Comic-Events, Treffs und Conventions, man spricht in der Schule, auf Konferenzen und Ausstellungen über Comics, und es gibt Workshops zum Texten und Illustrieren. Die Veröffentlichung als solche steht hintenan. Da ist es nicht verwunderlich, dass im Buchhandel nur einige wenige Comic-Titel zu haben sind. Nur auf Conventions und ähnlichen Events findet man eine große Auswahl verschiedener Titel. Lediglich einige Titel von Visprint, Psicom und Lampara Books, die optisch eher Büchern ähneln als Comics, sind im Buchhandel vertreten.


NEUE HERAUSFORDERUNGEN


In den 1930 Jahren waren die Filipio-Comics noch von amerikanischen Comics und Zeitungs-Bildergeschichten beeinflusst. Geprägt wurde die dortige Industrie vor allem durch Filipinos wie Francisco Coching, Mars Ravelo, Pablo Gomez, Tony Velasquez, Nestor Redondo, Alfredo Alcala und Ruben Marcelino.

Damals waren die Comics noch auf Tagalog getextet, der Sprache der Tagalen, die vor allem in und um Manila verbreitet war. Für die Menschen in den Provinzen wurde Tagalog somit zu einem wichtigen Bezugspunkt; es war die Sprache der Hauptstadt, die auch der Sitz des einzigen Unterhaltungsmediums war. Manila wurde damit zum Schmelztiegel verschiedenster Ideen, und für Filipinos aus entlegeneren Regionen quasi das Tor zur Welt.

Inzwischen ist alles anders. Die philippinische Identität prangt auf Postern und T-Shirts, viele Filipinos oder Filipinas haben internationale Karrieren als Boxer oder Sänger gestartet. Wir leben in einer Zeit des Produktnationalismus: Der Begriff Identität wird nicht mehr allein durch die einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft definiert, sondern auch durch die Produkte, die gemeinsam konsumiert werden.

Auch der Filipino-Comic bekommt diese Veränderung zu spüren. Globalisierung und offene Märkte bergen viele Chancen, der Wettbewerb mit anderen Comicmärkten wird durch internationale Vertriebswege und Online-Marketing angeregt. Der philippinische Markt muss begreifen, dass er auf lokaler Ebene auf Dauer nicht überleben kann, da hier die Leserschaft begrenzt ist. Er kann nur wachsen, wenn er sich international ausrichtet.

Dank der offenen Märkte können große Verlage wie Marvel und DC inzwischen auf der ganzen Welt Künstler rekrutieren. Mit der Aussicht auf gute Honorare und einen prestigeträchtigen Job können diese Unternehmen so renommierte Comic-Künstler für sich gewinnen. Immer mehr Filipinos werden zu OFWs (Overseas Filipino Workers), im Ausland arbeitende Filipinos, die ihren Familien auf den Philippinen Geld schicken und damit die dortige Wirtschaft ankurbeln. Inzwischen ist es sogar schon ein ungeschriebenes Gesetz, dass talentierte Künstler möglichst für ausländische Verlage arbeiten sollten.

Die Comicbranche von heute sollte sich die derzeitige Situation stets vor Augen halten. Es steht außer Frage, dass Filipino-Comics zu den besten der Welt gehören. Eine Errungenschaft, die alle Filipinos mit Stolz und Würde erfüllt – egal, welche Krisen, Probleme und neuen Herausforderungen das Land auch zu meistern hat.

Randy Valiente
Copyright: Goethe-Institut Philippine
November 2012