Comicszene Singapur

COMICS AND CARTOONS in SINGAPUR


Es war in der letzten Dezemberwoche 2012, als sich zwei Cartoonisten verschiedener Generationen in einem kleinen Studio in Kampong Eunos trafen: Sonny Liew, Preisträger des Young Artist Award 2010,lernte Koeh Sia Yong kennen, einen Künstler und Cartoonist der 1960er und 70er Jahre. Die Lebensgeschichten der beiden verdeutlichen nicht nur die Entwicklungder Cartoons in Singapur, sondern spiegeln auch die Geschichte des Inselvolkes wieder.

Singapur kann auf eine lange Cartoon-Tradition zurückblicken, die bis in die Jahrhundertwende zurückreicht. Damals erschienen in den Tageszeitungen oft politische Cartoons, die die aktuellen Schlagzeilen und gesellschaftlichen Verhältnisse aufs Korn nahmen. Besonders im Zuge der Anti-Japan-Bewegung in den späten 1930er Jahren und in der Anti-Kolonial-Haltung der 1950er Jahre sowie dem Parteienstreit der 1960er Jahre spielten derartige Cartoons eine bedeutende Rolle.

Im Zuge der Unabhängigkeit, die Singapur 1965 erreichte, kam den Massenmedienund damit auch den Cartoons jedoch eine andere Rolle zuteil: Sie sollten den Zusammenhalt der Nation sichern, die Einheit fördern und das soziale Gefüge des Landes stärken. Die wenigen Künstler wie Koeh Sia Yong, die in den späten 1970er Jahren politische Cartoons machten, mussten sich daher auf die Situation anderer Länder beschränken.

Liquid City; ©Lim Cheng Tju
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Einerseits ein bedauerlicher Umstand, doch gleichzeitig wurden in dieser Zeit die Weichen für die ersten Comics aus Singapur gestellt. Bis in die 1980er Jahre waren Zeitungen und Zeitschriften die einzigen Abnehmer für Cartoons und Comics. In den frühen Jahren der Unabhängigkeit konnte sich die Bevölkerung Comichefte noch nicht leisten. Erst in den 1980er Jahren stabilisierte sich die wirtschaftliche Situation in Singapur. Der Lebensstandard wuchs, so dass Künstler endlich darauf hoffen durften, dass sich auch ein Markt für lokal produzierte Comics bildet.

1983 entschloss sich Roger Wong, seinen Job als Abteilungsleiter in einem Warenhaus an den Nagel zu hängen,um den ersten Superhelden-Comic aus Singapur zu zeichnen und selbst herauszugeben: Pluto Man. Nach zwei Ausgaben hatte der Held jedoch ausgedient. Captain V war dagegen besserdran. Mit der Polizei Singapur als Sponsor erschienen 1986 drei Ausgaben mit Geschichten von Siva Choy, einemder ersten Popsänger aus Singapur.

Der erste Comic, der sowohl bei Kritikern als auch beim Publikum durchschlagenden Erfolg hatte, kam jedoch erst in den späten 1980er Jahren: Unfortunate Lives von Eric Khoo, der inzwischen ein berühmter Regisseur ist, erschien bei Times Publishing International. Eine Gruppe junger Kreativerersann zudem die Figur des Mr Kiasu und nahm damit sich selbst und ihre Mitmenschen aus Singapur gewaltig auf die Schippe.

Memories of Youth; ©Lim Cheng Tju
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Der erste in Singapur erschienene Comicroman bestand aus verschiedenen Kurzgeschichten: Unfortunate Lives: Urban Stories, Uncertain Tales (1989) war die erste Comic-Veröffentlichung von Times Books International. Sie sollte gleichzeitig die letzte bleiben.
Unfortunate Lives umfasste neun Kurzgeschichten, allesamt düstere Erzählungen, die sich mit den Schlagzeilen der damaligen Zeit befassten. Victims of Society etwa ist die Geschichte des Mörders Adrian Lim, der in den frühen 1980er Jahren sein Unwesen trieb. Prisoners Of The Night erzählt auf romantisierende Weise davon, wie aus jungen Mädchen Prostitutierte werden. Lost Romantics widmet sich dem Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz - ein Thema, mit dem sich auch die besten Geschichten der Reihe, The Canvas Environment und Memories of Youth beschäftigen.
Für Khoo war es einer seiner letzten Comics. Er sollte bald darauf in Singapur ein international renommierter Filmemacher werden: Filme wie Mee Pok Man und Be With Me haben international Beachtung gefunden. Viele Geschichten und Charaktere seiner Filme gehen jedoch auf jene Schicksale zurück, die er bereits in Unfortunate Lives beschrieben hatte.

Unfortunate Lives war ein krasser Gegensatz zu Mr Kiasu, dem Comic der 1990er, der meilenweit von den trostlosen Geschichten in Unfortunate Lives entfernt ist. Der Begriff kiasu stammt aus dem südchinesischen Dialekt Hokkien und bedeutet so viel wie „Angst vor Verlust“. Ein Singapurianer, der Kiasuist, benimmt sich äußerst rüpelhaft, steigt etwa hastig in einen Zug ein, ohne zunächst andere Passagiere aussteigen zu lassen. Eine Unsitte, auf die man in Singapur nicht gerade stolz ist.
Ein Jahr nach dem Khoos Unfortunate Lives bei der Singapore Book Fair 1989 auf den Markt kam, veröffentlichten Johnny Lau, James Suresh und Lim Yu Cheng bei der gleichen Veranstaltung den ersten Mr Kiasu Band Everything I Also Want ebenfalls mit großem Erfolg. Die erste Auflage hatte 3000 Exemplare, die in wenigen Wochen ausverkauft waren.


Kiasu; ©Lim Cheng Tju
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Mr Kiasu verkörpert den typischen Singapurianer der frühen 90er Jahre. Klein, plump und bebrillt (ein wenig wie sein Erfinder Lim Yu Cheng) ist Mr Kiasu ein dreister, unsympathischer Hobby-Schnäppchenjäger, der ständig auf der Suche nach Sonderangeboten, Gratisproben und den besten Deals ist. Die Figur ist eine Karikatur der Angst der Singapurianer, immer auf der Verliererseite zu sein und mokiert sich über ihr ständiges Bestreben, immer und überall die Nummer Eins sein zu wollen.
Bis 1998 erschien fast jedes Jahr ein neuer Mr Kiasu Band. Irgendwann sanken jedoch die Verkaufszahlen; offenbar fanden viele Singapurianer, dass die gezeigten Charaktereigenschaften ihr Volk in ein schlechtes Licht rückten. 1998 erschien schließlich der achte und letzte Mr Kiasu Band, Everything Also Act Blur.

Mr Kiasu ist bis heute die erfolgreichste Comicfigur Singapurs und in vielen Köpfen immer noch lebendig. Die Comics werden immer noch nachgedruckt und verkaufen sich gut. Der Buchreihe Mr Kiasu folgte eine gleichnamige TV-Serie im nationalen Fernsehen.
Als Mr Kiasu Mitte der 1990er Jahre auf dem Höhepunkt des Erfolgs war, begann auch die Cartoonkarriere eines jungen Künstlers aus Malaysia, der damals noch in Singapur studierte: Sonny Liew. Alles begann mit einer satirischen Zeichnung für eine Boulevardzeitung in Singapur. Die Macher von Mr Kiasu und Liew sind beide ein Beweis dafür, dass man in Singapur mit Comics kommerziellen Erfolg haben kann. So zeigt Liew, dass es sich derzeit als Zeichner für DC und Marvel Comics ziemlich gut leben lässt.

Der 38-jährige Liew kommt eigentlich aus Seremban in Malaysia, 2012 erhielt er jedoch die singapurianische Staatsbürgerschaft. Als erster Comiczeichner bekam er 2010 denYoung Artist Award von der Regierung in Singapur verliehen, ein Zeichen für die zunehmende Beliebtheit dieser Kunstform. Liews Karriere begann damit, dass er für die Zeitung The New Paper eine tägliche Comicserie anfertigte. Dann begann er ein Studium im Ausland. Da er damals noch malaysischer Staatsbürger war, brauchte er in Singapur keinen Wehrdienst zu absolvieren. Nachdem er wieder nach Singapur zurückgekehrt und hier einige Jahre gearbeitet hatte, begann er ein Kunststudium in den USA. Bei der San Diego Comic Con konnte er dann seine Arbeiten präsentieren und es gelang ihm, in den Mainstream Comicmarkt vorzudringen. So zeichnete er 2011 für Marvel die Comicfassung von Sense And Sensibiliy, 2004 für den Vertigo Verlag My Faith In Frankie, und für Minxbebilderte er 2007 Re-Gifters.

Leben kann Liew von den Comics, die er in Singapur veröffentlicht, nicht. Seine Hauptauftraggeber sind amerikanische Comicverlage wie SLG, Image und First Second, außerdem ist er als Maler tätig. Allerdings engagiert er sich sehr für die hiesige Comicszene. So ist er Mitbegründer der Association Of Comic Artists (ACAS) in Singapur und hat für Image Comics die Liquid City Volumes zusammengestellt, eine Anthologie mit Comics aus Südostasien. Ich selbst habe mit Sonny 2010 den zweiten Band herausgegeben. Gerade hat er für den Verlag Epigram Books an einer Comicromanreihe mitgearbeitet. Die fünf Bände dieser Serie wurden zum Teil von der Media Development Authority, einem Institut für Medienförderung in Singapur, mit finanziert. Sein in dieser Reihe erschienenes Werk trägt den Titel The Art of Charlie Chan Hock Chye (2013).

Sonny Liew (l) and Koeh Sia Yong (r); ©Lim Cheng Tju
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Da Liewsich sehr interessiert an den Cartoons der 1950er und 1960er Jahre zeigte, habe ich ihm im Zuge der Arbeit an diesem Projekt Koeh Sia Yong vorgestellt. Die Unterschiede zwischen ihm und Koeh lagen natürlich bereits auf der Hand: Letzterer gehört noch einer Generation an, die an den Sozialismus glaubte. Diese Ära gehört jedoch der Vergangenheit an. Für diejenigen Comic- oder Cartoonzeichner aus Singapur, die nach 1990 mit ihrer Tätigkeit anfingen, sind politische Themen oder soziale Kommentare eigentlich kaum noch ein Thema. Zwar finden sich manchmal einige politische Anspielungen in Frankie And Poo, einer Comicserie, die Liew für The New Paper zeichnete. Sein Hauptaugenmerk seit seinem Durchbruch als professioneller Comiczeichner liegt jedoch außerhalb Singapurs. So illustrierte er z.B. Wonderland (2009), Jane Austens Sense And Sensibility oder die Science Fiction Welt von Malinky Robot (2011). Und es war ihm wohl auch vor dem Treffen mit Koeh klar, dass es lohnender ist, über den Tellerrand hinaus zu schauen und dort sein Glück zu machen als immer nur in heimischen Gefilden zu fischen.
Zwei Cartoonisten aus zwei Generationen treffen aufeinander. Und sie haben mehr gemeinsam als man denkt.

PS: Dies ist nur eine grobe Darstellung der Geschichte der Comics und Cartoons in Singapur. Es gibt noch viele andere Künstler und Ereignisse, die die Cartoonszene Singapurs mit beeinflusst haben. Dank der Unterstützung durch die staatliche Media Development Authority wurde die Comicszene noch einmal deutlich vorangebracht: Seit 2006 werden damit die Erstveröffentlichungen von Comiczeichnern und -autoren finanziell gefördert.2009 wurden acht Comicromane von Chuang Yi Publishing mit Hilfe dieser Förderung veröffentlicht. 2012 setzte das Singapore Memory Project, eine nationale Initiative, die die Erinnerungen der Einwohner Singapurs festhalten will, ebenfalls auf das Medium Comic.

Gone Case; ©Lim Cheng Tju
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2007 organisierte der Spielwarenhersteller Play Imaginative die erste Singapore Games And Comic Convention, die später in Singapore Toys Games and Comic Convention (STGCC) umbenannt wurde. Der Event wurde 2010 von Reed Exhibitions übernommen. Für zahlreiche junge Comicschaffende waren die Conventions eine gute Gelegenheit, ihre Produkte an den Mann zu bringen. Viele haben bei der STGCC ihre ersten Werke veröffentlicht: Troy Chin sein The Resident Tourist, Koh Hong Teng und Dave Chua ihr WerkGone Case und Otto Fong seine Sir Fong Serie. All das sind Anzeichen dafür, dass die verschiedenen Werke der Comicszene einen deutlichen Bezug zueinander haben. Liew und MrKiasu haben beide gezeigt, dass sich das Comiczeichnen in Singapur durchaus finanziell lohnen kann. Gone Case greift ganz klar den Realismus von Khoos Unfortunate Lives auf, jenen unglückseligen Schicksalen der Menschen aus dem Landesinneren. Koh Hong Teng hat mit dem sozialen Realismus seines Comics Ten Sticks And One Rice, geschrieben von Oh Yong Hwee und veröffentlicht bei Epigram Books, eine eigene Nische gefunden.

Seit 2010 bin ich Mitorganisator des 24 Hour Comics Day in Singapur. Der Event ist ein Forum für junge Künstler, die hier dazu ermutigt werden, innerhalb einer vorgegebenen Zeit ihre Geschichten zu ersinnen. Die Veranstaltung ist ein Highlight der Comicszene in Singapur, die Resultate des Jahrgangs 2013 sind in Buchform un allen Nationalbibliotheken des Landes zu begutachten.

Literatur:
Lim, Cheng Tju. 2010. “Lest We Forget: The Importance of History in Singapore and Malaysia Comics Studies.” In Jaqueline Berndt ed. Comics Worlds and the World of Comics: Towards Scholarship on a Global Scale (Global Manga Studies, Vol 1). Kyoto: Kyoto Seika University International Manga Research Center. 187 – 199.
singaporecomix.blogspot

Interview with Sonny Liew
an-interview-with-sonny-liew-by-lim-cheng-tju

Review of Gone Case
(from Kyoto Review of Southeast Asia Issue 13, March 2013)

Tju-review-of-Gone-Case-2013.pdf
Lim Cheng Tju
Copyright: Goethe-Institut Singapore
June 2013