Sascha
Hommer

Sascha Hommer

Sascha Hommer

Sascha Hommer
  • 1979 geboren
  • 2001-2007 Studium an der an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg
  • seit 2002 Herausgeber der Comic-Anthologie Orang
  • 2007-2009 täglicher Comic-Strip Im Museum in der Frankfurter Rundschau zusammen mit Jan-Frederik Bandel
  • seitdem freiberuflich tätig
  • lebt und arbeitet in Hamburg

„Hey! Wir wollen raus!“, schreit das ungleiche Geschwisterpaar, als sie im Museum vor verschlossenen Türen stehen. „Vorschrift ist Vorschrift“, antwortet der übereifrige Museumswärter, hält sich strikt an die Anweisung und lässt die Jugendlichen nicht aus dem Gebäude. Ein neunmalkluger Junge und seine pubertäre Schwester sind gefangen. Gefangen in einem verwinkelten und rätselhaften Museum, dessen Ausstellungsräume nachts plötzlich zum Leben erwachen. Auf der Suche nach einem Ausgang durchstreift das Geschwisterduo erneut Raum für Raum, Etage für Etage und erlebt manch absonderliche Begegnung in den Ausstellungslandschaften des Naturkundemuseums. In den Nachbildungen von tropischen Wäldern, der Osterinsel und pixeligen Computerwelten treffen sie unter anderem auf Vater Tod, Ernst Jünger, Charles Manson und Fidel Castro.

Gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler und Publizisten Jan-Frederik Bandel hat der Hamburger Comiczeichner Sascha Hommer den Zeitungsstrip Im Museum konzipiert, der seit 2007 in der Frankfurter Rundschau täglich veröffentlicht wird. Die Autoren schicken die Protagonisten ihres Comicstrips auf eine Odyssee durch die Welt- und Zeitgeschichte, durch Kultur- und Kunstlandschaften. Surreale und fantastische Momente verbinden Bandel und Hommer mit tagespolitischen Kommentaren und Zitaten aus der Popkultur. Die Protagonisten des Comicstrips dringen immer tiefer in eine absurde Parallelwelt ein, in der weiße Kaninchen den Weg weisen und Wasserpfeife rauchende Raupen gutgemeinte Ratschläge erteilen. Lewis Carrolls Kinderbuchklassiker Alice im Wunderland und Hugo Pratts Comic-Epos Corto Maltese lassen grüßen sowie die Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett. Die Gesetze der Logik sind ausgehebelt, das Raum- und Zeitgefühl des Lesers liegt schnell danieder.

2001 macht sich Sascha Hommer vom Schwarzwald auf den Weg nach Hamburg, um an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften bei Anke Feuchtenberger Illustration zu studieren. Bereits seit frühester Kindheit hegt Hommer den Wunsch, Comics zu zeichnen. „Als ich nach Hamburg kam, habe ich gedacht, dass es bestimmt tolle Studentenmagazine gibt, wo man direkt einsteigen und loslegen kann. Das war aber nicht der Fall.“ Eigeninitiative ist angesagt, woraufhin Hommer die Comic-Anthologie Orang ins Leben ruft, in der er seine eigenen Geschichten unter dem Pseudonym Pascal D. Bohr veröffentlicht. Die Publikationsreihe mit internationalen Gastbeiträgen gibt er bei dem Verlag Kikipost heraus, den er gemeinsam mit Arne Bellstorf gegründet hat. Inzwischen hat sich um das Orang-Magazin ein fester Kern aus Zeichnerinnen und Zeichnern gebildet, zu dem unter anderem auch Line Hoven und Moki gehören. Neben Berlin hat damit auch Hamburg eine der interessantesten und aktivsten Comic-Szenen Deutschlands bekommen, die mit ihren Ausstellungen und Publikationen international für große Aufmerksamkeit sorgen.

Hommers Figuren sind klein und gedrungen, mit zu großen Köpfen und einem seltsamen Erscheinungsbild. Sie sind das Gegenteil von niedlich, denn Hommer interessiert sich für die Außenseiter und Ausgegrenzten unserer Gesellschaft. In einem Interview sagt Hommer: „Loser sind immer interessant; man liest eben gern, dass es anderen schlecht geht. Das war schon bei Charlie Brown so.“ Auch bei Hommers Comicbuchdebüt Insekt unterscheidet sich der Protagonist Pascal von seinen Spielkameraden. Denn er ist, wie bereits im Titel angedeutet, ein Insekt. Die Andersartigkeit des Jungen bleibt zunächst unbemerkt, da sich die Stadt in der er aufwächst, unter einer dichten Dunstglocke befindet. Pascal lebt das Leben eines normalen Heranwachsenden, geht zur Schule, trifft sich mit Freunden und ist in eine Mitschülerin verliebt. Als sich der Schutz des Rauches verflüchtigt, weiß er nicht, wie ihm geschieht. Auf einen Schlag verändert sich sein Umfeld, aus Freunden werden Feinde, die ihn fortan tyrannisieren und ausgrenzen. Pascal zieht sich zurück, flüchtet aus der Stadt und findet schließlich Rückhalt bei neuen Freunden, denen sein Äußeres egal ist.

Mit seinen melancholischen Geschichten lenkt Sascha Hommer den Blick des Lesers auf die Verlierer der Gesellschaft, auf Andersartige, deren wahre Charaktere völlig zu Unrecht selten wahrgenommen werden. Hommers reduzierter Zeichen- und Erzählstil unterstreicht die eigenwillige Atmosphäre, die seinen Comics innewohnt. Er ist ein Meister des leisen Tons und subtiler Stimmungen, die das Wesen seiner Erzählungen eindrucksvoll und nachhaltig vermitteln.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

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Dezember 2008

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