Comicszene Indonesien

Comics in Indonesien: Wer kommt mit auf das Abenteuer?

COMICs IN INDONESIEN: WER KOMMT MIT AUF DAS ABENTEUER?

Es ist wie in einem epischen Drama: Der einstige Held ist verwundet und vergessen. Nun sammelt er seine Kräfte, um wiederaufzuerstehen – mit neuer Leidenschaft und Energie, neuen Strategien und Kampfgefährten.

Puteri Melur, © Jan Mintaraga, 1965
„Welchen Comic liest du gerade?“ Stellt man indonesischen Jugendlichen auf der Straße, im Café oder in einem Geschäft diese Frage, werden sie sehr wahrscheinlich einen ausländischen Titel nennen. Einheimische Comics und ihre Figuren spielen kaum eine Rolle. Viele Jugendliche wissen nicht einmal, dass es eine indonesische Comic-Szene gibt. Andere wiederum werden Titel wie Si Buta Dari Gua Hantu (Der Blinde aus der Geisterhöhle) oder Gundala Petera Petir (Gundala, Sohn des Blitzes) nennen – Figuren, die vor mehr als 30 Jahren populär waren.

Die Jugendlichen können nichts dafür. In den vergangenen 30 Jahren wurden sie überschwemmt von ausländischen Comics: Die Hefte sind größer, die Bilder bunter, die Geschichten variabler und die darin waltende Fantasie scheint grenzenlos. Leider wurde darüber die einheimische Kost völlig vergessen, obwohl sie früher so gut geschmeckt hat. Die meisten Jugendlichen gehören zu einer Generation, die Zeit ihres Lebens keinen einzigen indonesischen Comic in Händen gehalten hat.

Inzwischen aber gibt es eine Gruppe von jungen Leuten, die sich kaum von ihren Altersgenossen unterscheidet. Einige von ihnen tragen lässige Kleidung, andere sind eher formal angezogen. Manche studieren, andere sind berufstätig. Einige von ihnen sind Künstler und tragen Papierbögen, Schreibhefte, Bleistifte, Farben, Laptops … und Comics! Kaum zu glauben, aber es handelt sich um echte indonesische Comics. Und nicht etwa um die alten Schinken. Die Hefte sind fast noch druckfrisch. Wer sind diese jungen Leute? Woher haben sie die Comics?

Tatsächlich liegt die Geburtsstunde des indonesischen Comics bereits viele Jahrzehnte zurück. Sie datiert in die Zeit vor der Unabhängigkeit von der niederländischen Kolonialherrschaft, einer Zeit, als das Land mit dem Namen Indonesien auf der Landkarte noch nicht existierte. 1930 veröffentlichte der chinesisch-stämmige Kho Wan Gie seinen ersten Comic-Strip in der Zeitung Sin Po. Fast dreißig Jahre lang existierte die Serie, in der jeweils vier Bildfelder die Abenteuer des jungen Chinesen Put On in Jakarta erzählen. Schon bald traten andere in die künstlerischen Fußstapfen Kho Wan Gies. Einer der bekanntesten war Nasroen As mit Mentjari Poetri Hidjau (Auf der Suche nach der grünen Prinzessin), einem Strip, der 1939 startete. Doch erst mit Raden Ahmad Kosasih, besser bekannt als R.A. Kosasih, etablierte sich eine Art Standard in der indonesischen Comic-Produktion. Inspiriert von der amerikanischen Figur Wonder Woman schaffte Kosasih die Figur Sri Asih (1953). Die Serie erschien im seither populären Heftformat mit insgesamt fünf Titeln.

Kokasih schuf sehr erfolgreiche Comic-Adaptionen der beiden hinduistischen Epen Ramayana und Mahabharata, die aufgrund des Schattenspiels Wayang in Indonesien bereits weithin bekannt waren. Seine Bearbeitung visualisiert auf neue Art und Weise die Wayang-Geschichten und ihre vielfältigen Aufführungsformen, etwa als Wayang Kulit mit Figuren aus Leder oder als Wayang Golek mit Holzfiguren. Indem er die traditionellen Geschichten auf das Format eines Comic-Heftes übertrug, zeigte Kokasih auch, wie gut sich das Medium eignet, um die reichhaltige Kultur Indonesiens zum Ausdruck zu bringen.

Mahabharata, © RA Kosasih, 1955
Science Fiction-Comics und patriotische Geschichten vom Kampf gegen die niederländische Kolonialmacht und die japanischen Besatzungstruppen. Andere populäre Genres wie Liebesgeschichten oder historische Erzählungen verbreiteten sich vor allem in den großen Städten. Trotz des politischen Drucks kann man die Zeit zwischen 1960 und 1980 als das Goldene Zeitalter des indonesischen Comics beschreiben. Vor allem in den 1970er Jahren überzeugten die Qualität der Bilder und Geschichten, die Zahl der Produktionen sowie die Verbreitung und Popularität. Das Spektrum reichte von Kampfkunst und Abenteuer, über Superhelden, Fantasie, Horror und Thriller bis hin zu Biografien. Erst Ende der 70er Jahre kamen die ersten indonesischen Übersetzungen von amerikanischen und europäischen Comics ins Land. Kurz darauf verbreiteten sich japanische Manga explosionsartig.

Die meisten heimischen Künstler reagierten viel zu langsam auf die neue Konkurrenz. Einige von ihnen waren außerdem damit beschäftigt, sich eine künstlerische Existenz außerhalb der Grenzen des Genres aufzubauen – als Maler, Drehbuchautoren oder im Bereich des traditionellen Bühnentheaters. Um gegen die professionelle Konkurrenz aus dem Ausland bestehen zu können, fehlten oft die nötige Zuverlässigkeit und manchmal auch die Bereitschaft, die eigenen zeichnerischen und dramaturgischen Fähigkeiten zu vervollkommnen. Heute kann man wohl zu Recht von der dunklen Epoche des indonesischen Comics sprechen.

Seit Ende der 90er Jahre belebt sich die Szene wieder. Jenseits der offiziellen Veröffentlichungen tauchten plötzlich Indie-Comics von neuen, jungen Künstlern auf, die im Umfeld der Universitäten produziert und vertrieben wurden. Frei von den üblichen kommerziellen Zwängen entwickelten sich die sogenannten Fotokopian (auch „Fotokopie-Comics“ oder „Xerox Comics“) bald zu einer populären Ausdrucksform der Jugendkultur. Die Mehrzahl dieser Comics ist gekennzeichnet von sozialem Engagement und politischem Interesse. Parallel zu dieser Entwicklung wuchs zur gleichen Zeit im ganzen Land der Widerstand gegen die Regierung.

Die Fotokopian machten Schluss mit der allgemeinen Vorstellung, dass man eine formale Ausbildung oder ein ganz besonderes Talent besitzen müsse, um guter Comic-Künstler zu sein. Sie bewiesen, dass jeder geeignet war, sofern er eine Geschichte in Sequenzen erzählen konnte. Oft wirkten die Zeichnungen grob, selten konnte man sie „schön“ finden, aber meist besaßen sie einen ganz persönlichen künstlerischen Ausdruck. Die einfache Technik der Fotokopian ermöglichte es mehr oder weniger guten Comic-Künstlern, ihre Werke zu veröffentlichen. Unzählige schlicht gestaltete Hefte erschienen: schwarze Farbe auf farbigem oder weißem Papier. Auch wenn die Macher keinen besonderen Wert auf das Äußere zu legen schienen, überzeugten die künstlerischen Ergebnisse oft.

Erst Mitte der 2000er Jahre verblasste das Phänomen der Fotokopian. Zeichner wie Eko Nugroho und Imansyah Lubis interessierten sich vermehrt für andere Kunstbereiche. Andere Künstler wie Beng Rahadian, Bayu Indie, Diyan Bijac, Wahyu Sugianto professionalisierten ihr Schaffen. Die Mehrzahl von ihnen arbeitet heute in Berufen, die kaum mehr Bezüge zu ihrer früheren Leidenschaft aufweisen. Allerdings hat sich parallel zu diesen Entwicklungen längst eine neue Form etabliert: der digitale Comic. Seit Beginn der 2000er Jahre haben sich digitale Netzwerke und Gemeinschaften herausgebildet, die das gemeinsame Interesse am Comic – selbst über Ländergrenzen hinweg – vereint.

Heute zeichnen Einzelpersonen, Gruppen und Netzwerke für eine Vielzahl von Initiativen und Aktivitäten verantwortlich: Festivals, Ausstellungen, Märkte, An- und Verkauf, Comic-Studios, Dokumentationen und Datenbanken, Comic-Unterricht für Kinder, Fundraising für ältere Comic-Künstler, Austausch zu Fragen des geistigen Eigentumsrechts und der Wissensverbreitung, persönliche Portfolios, digitale Zeitschriften, Online-Shops … und selbst für die Umsetzung eines langfristigen Masterplans der indonesischen Regierung für die Kreativ-Industrie.

Wayang Purwa, © S. Ardisoma
Das Internet spielt eine wichtige Rolle dabei, die Comic-Schaffenden und ihre Portfolios einem größeren Publikum vorzustellen. Es lenkt die Aufmerksamkeit auf die Künstler. Jede virtuelle Begegnung kann in eine fruchtbare Zusammenarbeit münden. Tatsächlich sind einige der jungen Künstler mit ihren Arbeiten auf der Plattform Comiconnexions vertreten, weil sie in der digitalen Welt besonders aufgefallen sind. Aber bitte: Machen Sie sich selbst ein Bild von diesen indonesischen Comic-Künstlern und ihren beeindruckenden Arbeiten!

Surjorimba Suroto
Kuratorleiter, Comiconnexions
ist der Gründer von www.komikindonesia.com und richtet hin und wieder das Progressive Rock Radio aus. Er arbeitet als freier Autor vor allem zu den Themen Musik und Comic.

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September 2011