Vietnam

EINE IMMER GRÖSSERE WELLE JUNGER LEIDESCHAFTLICHER TALENTE


Noch immer ist der Comic für die meisten Vietnamesen kein wirklich bekannter Begriff. Dabei handelt es sich hier keineswegs um etwas Verbotenes oder Anrüchiges – vielmehr gibt esjunge Leute, die es sich zur Aufgabe machen,mit viel Leidenschaft und Begeisterung den vietnamesischen Comic nicht nur in der Heimatsondernauchinternational zu etablieren.


© Goethe-Insitut Vietnam


In diesem Teil der Weltherrscht jeden Tag und jede Stundeein ständiges Wachstum, das gilt auch für den Comic. Doch die vietnamesische Comic-Szene ist noch zu jung, als dass man überhaupt allzu vielvon ihr berichten könnte. Einige Leutewürden ihn als einKind beiseinen ersten Gehversuchen bezeichnen. Andere denken eher an ein ungelegtes Ei.Und die Mehrheit der Vietnamesen weiß noch nicht einmal, dass der Comic überhaupt existiert!

Dies ist aber noch lange kein Grund zum Verzagen, sagen sich viele, meist sehr junge Comic-Zeichner, die in Vietnam diesenneuen Weg in die Comic-Industrie einschlagen wollen.


„DER VIETNAMESISCHE COMIC - EIN GRÖSSENWAHNSINNIGES“ KIND?


Die Comic-Szene sorgt bereits seit 10 langen Jahren fürmehr oder weniger Aufsehen in den vietnamesischen Massenmedien. Fragt man jedoch heute jemanden auf der Straße danach, erntet man sehr wahrscheinlich nur ein ahnungsloses Kopfschütteln.

Nach Ansicht der meisten Vietnamesen- besonders der älterenundäußerst konversativen- ist der Comic unbestreitbarnur etwas für Kinder. Demzufolge sind Comicsentweder bunte Bilderbüchlein mit erzieherischer Wirkung, die in den Buchhandlungen neben den Schulbüchern oder anderen Unterrichtsutensilienzu findensind. Oderman kenntComics als illustrierte Heftchen, in denen irgendwelche Episoden aus der ruhmreichen Geschichte der Nation in Bildern nacherzählt werden, eben als Geschichtsbücher mit Bildern.

Für Insider bzw. Leute mit offenerem Blick ist der Comic hingegen kein simpler „Kinderkram“, sondern ein kulturelles Produkt, das für alle Altersstufen geeignetund gewiss auch imstande ist, eine nationale Identität zu repräsentieren. Dieses Genre nennt sich beispielsweise in Japan Manga, in Südkorea Manhwa, in China Manhuaund im Westen ist von Comic die Rede. Unter welcher Bezeichnung soll es sich nunin Vietnam behaupten?

Etwa 2004-2005erlebte der vietnamesische Comic einen Boom, wobei esum diesezwei heißenFragen ging: „Wie soll sich der vietnamesische Comic nennen?“ und „Wie soll der vietnamesische Comic-Stil aussehen?“ Diese Zeit war zugleich der aufregendste Moment in der vietnamesischen Comic-Geschichte (sofern diese überhaupt existiert).

© Goethe-Insitut Vietnam
Damals kamen eine Reihe von illustrierten Heften aus vietnamesischer Zeichenfederauf den Markt wie M’Heaven, Thần Đồng Đất Việt (Vietnamesisches Wunderkind) Fanclub, Truyện tranh trẻ (Junge Illustrierte) und später Truyện tranh Việt (Vietnamesiche Illustrierte) 13+ etc. Diese explosionsartige Welle verdankte ihren Durchbruch der Manga-Kunst und dem unerwarteten,großen Erfolg der bis dato langlebigsten Serie von Thần Đồng Đất Việt. Den historischenKontextfür die Serie lieferte die feudalistische Ära, in der ein Wunderkind namens Tí schon im Kindesalter die Doktorwürde erlangte. Der großartige Erfolg der Serie fußte auf der hervorragenden Qualität der kindlicherfrischenden Zeichnungen und dem kindgerechten Inhalt, was ohnehin der Vorstellung der meisten Vietnamesen entsprach. Zeitweise konnte Thần Đồng Đất Việtmit der japanischen Doraemon-Reihe, die unter mehreren Generationen in Vietnam große Beliebtheit genießt, Schritt halten. Das Fernsehen produzierte sogar eine gleichnamige Show. NebenThần Đồng Đất Việtist im Allgemeinen der vietnamesische Comic eine Spielwiesefür jungeLeute, die meist noch die Schulbank drücken. Die ausländischen Werke, in der Regel Mangas und Comics westlicher Art, eroberten allmählich die Herzen der Leser und die der Zeichner, die ebenfalls davon träumten,eigene Werke zu schaffen. Einige Magazine und Webseiten wurden zu Foren junger Autoren, die über die Anfänge eines vietnamesischen Comics diskutierten.

Truyện tranh Việt Nam (Vietnamesischer Comic)bleibt, obwohl ziemlich sperrig, als Begriff erhalten, wobei sich alle Seiten einig sind, dass zu einer echten „Marke“ noch einiges an Energie fehlt, und dass es sicher noch eine Weile dauern wird, bis sich der vietnamesische Comic als eigenständiger Begriff behaupten kann.

Nun zum Stil. Vor 10 Jahren wurden die jungen Zeichner in Vietnam von den zwei mächtigen Trends des Mangas aus Japan und des Comics aus dem Westen stark beeinflusst. Doch obwohl sie kaum festen Boden unter ihren Füßen spürten, träumten die Zeichnerbereits von einem eigenen vietnamesichen Stil. Das schien in der Tat größenwahnsinnig!

Allerdings führte dieser Ehrgeiz zunächst zu keinem Ergebnis, das man bereits als „vietnamesischen Stil“ hätte bezeichnen dürfen. Ein Sonderfall war das Duo Thành Phong & Khánh Dươngbzw. Phong Dương, bekannt durch Nhi & Tũn, Long Thần Tướng. Die beiden prägten den Stil durch ihre naturalistische Art,die dem westlichen Comic nicht unähnlich war, jedoch mit weicherer Linienführung und mit einer dem Manga entlehnten lebensnahen Erzählweise. Diese Richtung wurde zum Mustererklärt, wie ein eigener Stil kreiert werden sollte. Nicht wenige waren zu jenem Zeitpunkt überzeugt, dass der echte vietnamesische Stil gefunden worden sei.

Heute ist aus dem „größenwahnsinnigen Kind“schon ein etwas reiferer Jüngling geworden, der auch die Krise nach 2007überwand, als alle Zeitschriften die Veröffentlichung von Comics stoppten und damit den Zeichnern die Arbeitsgrundlage entzogen. Fragt man folglich heute einen Comic-Zeichner oder einen Interessierten, dann existiert das Problem der Stilfindung nicht mehr. Es liegt auf der Hand, dass nicht allein die Linienführung die Comic-Kultur ausmacht, vielmehr kommt es auf beides zusammen an, den Zeichenstil der Künstler und die typisch vietnamesische Erzählweise.


DIE VERBORGENE POTENZIALE UND EINE NEUE WELLE


In der zuvor beschriebenen Talsohle der vietnamesischen Comic-Szene waren zahlreiche Comic-Zeichner in Hoffnungslosigkeit verfallen und sattelten beruflich um. Die Comic-Szene starb aber nicht, sie wartete auf den richtigenTag, um wie ein Phönix wiederaus der Asche emporzusteigen.

© Goethe-Insitut Vietnam
An dieser Stelle ist es nötig, etwas tiefer in die Geschichte einzusteigen, denn eigentlich fand die Entstehung des vietnamesischen Comics nicht erst im 21. Jahrhundert statt. Einer Studie von Dr. Shine Toshihiko zufolge, einer japanischen Philologin, die die afrikanischen und asiatischen Kulturen und Sprachen untersuchte und dabei über 20 Jahre die Comic-Szene in Japan und Vietnam verfolgte, waren bereits vor 1975 bis Anfang der 1990er Jahre vietnamesische Comics auf dem Markt. Die damals vorherrschenden Werkebestanden aus einigen Dutzend Seiten, deren Inhalte die ruhmreiche Geschichte der Nation erzählten, z.B. Tráng sĩ ngàn cơoder Lá cờ thêu 6 chữ vàng. Aber auch Märchen und Abenteuergeschichten nach amerikanisch-europäischem Vorbild fanden hier Platz, bevor 1992 die Doraemon-Serie die übermächtige Manga-Attacke in Vietnam eröffnete .

Der Nationalgeist der jungen Zeichner, die trotz krisenhafter Umstände das Ziel des eigenen Comics nicht aufgaben, überlebte auch diese schwierige Zeit. Und so kam es zu einer neuen Bewegung um das Jahr 2009 herum.

Damit der Comic eine Stärke erreicht wie bei den Nachbarn Japan, Südkorea und China, muss sich ein neues Bewußtsein durchsetzen, nämlich dass der Comic ein Unterhaltungsprodukt ohne Altersgrenze ist, in welches entsprechend investiert werden muss. Diese gesellschaftliche Wandlung kommt freilich nicht über Nacht. Was die in ihrer Technik und Motivation erstarkten Comic-Zeichner jetzt brauchen, ist die Aufmerksamkeit der Kunden. In den letzten Jahren erfolgte eine recht erfolgreiche Selbstvermarktung der Künstler und Vertriebsunternehmen.

In der Zeit, als es um die Comic-Szene ruhiger wurde, bildeten sich die Zeichner technisch unentwegt weiter und erreichten dadurch ein gewisses Renommee, sodass sie für grosse Verlage Illustrationen lieferten.Erst als sie recht gut in der Lesergunst standen, brachten sie ihre Comics auf den Markt. Da es sich um die Adaption bekannter Romane wie Chí Phèo, Tắt đèn, Giông tố, Chiếc lược ngà… handelte, wurde ein Großteil der Bevölkerung darauf aufmerksam. Dies war ein sehr erfolgversprechender Vorstoß der B.R.O.-Gruppe, die schon 2004-2005 - und noch heute -einige Aufmerksamkeit erregte.

Der Zeichner Thành Phong aus dem Phong DươngDuo vertritt eine andere Richtung: sich erst im Ausland einen Namen machen, bevor man zu Hause als Prophet gelten kann. Nach den sehr beliebten Reihen wie Nhi & Tũn, Long Thần Tướng und dem Beginn von Orangerückte das Duo allmählich in den Hintergrund. Nur Thành Phong glänzte erneut mit Cậu bé và máy bay giấy (The Boy And The Paper Plane) im südostasiatischen Comicsammelband Liquid City. Mit einem Schlag kam es zu seiner Teilnahme an zahlreichen Comic-Ausstellungen und –Festivals, und darüber hinaus wurde er als vielversprechender Vertreter der vietnamesischen Comic-Szenewahrgenommen. Orange mit dem Thema Schule/Basketball und die Aphorismen-SammlungSát thủ đầu mưng mủschlugen wie eine Bombe in Vietnam ein.

Dimensional Art Studio und die Serie Đất Rồngsetzte auf eine andere, nicht minder erfolgreiche Vermarktungsstrategie im Inland. Die Künstler kooperierten mit einer Info-Webseite für Jugendliche, die Bestseller in Vietnam vorstellt, wobeisie zunächst das erste Kapitel ihrer Geschichte kostenfrei veröffentlichten, bevor das komplette Werk in Druck gegeben wurde. Đất Rồng war eine Gegenwarts-Story mit Studenten als Protagonisten, deren Inhalt aber fiktive Elemente aus dem erbitterten Kampf zwischen Gut und Böse und der Legende um den Berggeist Sơn Tinh und dem Wassergeist Thủy Tinh enthielt. Diese großartige Idee,die Einbindung des vietnamesischen,geschichtlichen Hintergrunds, zog viele Leser in ihren Bann. Im Frühjahr 2013 wurde das Werk mit dem Bronze Award des 6. International Manga Award geehrt.

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Die mächtige Verbreitung durch soziale Netzwerke wie Facebook entwickelt sich zu einem äußerst wirksamen Instrument zur Bekanntmachung der einheimischen Zeichner. Sie alle unterhalten eine eigene Facebook-Seite, um sich bzw. ihre Gruppen und deren Produkte zu vermarkten. Beispielhaft auf diesem Gebiet sind die Gruppe Idea Production oder Phan Kim Thanh (bekannt durch Vàng Vàng, eine humorvolle Serie über aktuelle Ereignisse im täglichen Leben, deren Helden Symbole für alle Länder der Welt sind). Neben Facebook gibt es das Forum Vncomic Farm, wo junge Zeichner Vietnams in einer Art Klub zusammenkommen. Auch andere Gruppenwie die des Break Free Magazine sollten in diesem Zusammenhang erwähnt werden.

Allmählich finden immer mehr Aktivitäten um die Comic-Szene in Vietnam statt. Das drei Jahre hintereinander (2010-2012) ausgetragene Comic-Festival mit internationalen Teilnehmern, Kurse an einigen Hochschulen, zahlreiche Comic-Wettbewerbe in den sozialen Netzwerken usw. bieten den Künstlern wunderbare Gelegenheiten, ihr Können zur Schau zu stellen, ihre Existenz zu behaupten und ihre Werke anstelledurch herkömmliche Publikationsformen nunonline zu präsentieren...

Die neue Comic-Welle bietet somit eine Plattform, von der ein neuer Entwicklungsschub ausgeht: von der steigenden Anzahl professionellerer Produkte über schönere Gestaltungsformen, vielfältigere Inhalte und originellere Darstellungstechniken. Wo in Vietnam nach wie vor eine Weiterentwicklung nötig erscheint, das ist eine bessere Qualität in der Herstellung dieser Unterhaltungserzeugnisse. Trotzdem muss anerkannt werden, dass die oben genannten Fortschritte langsam aber sicher die öffentliche Wahrnehmung hinsichtlich der Comic-Szene in Vietnam positiv beeinflussen. Der vietnamesische Comic hat eine glänzende und wirkungsstarke Zukunft vor sich. Daran glaube ich, und darauf warte ich optimistisch.
Nguyệt Phong Anh
Copyright: Goethe-Institut Vietnam
2013