Beobachtungen

[Philippinen] Es gibt keine vollkommene Freiheit, genauso wie es keine vollkommene Liebe gibt.
Über die oft problematische Beziehung zwischen Freiheit und freier Arbeit
Von Donna Miranda

Das Arbeiten außerhalb von "Institutionen" gibt Raum für künstlerische Freiheit, Reflexivität und kritisches Spiel frei von den Zwängen der Programmgestaltung, bürokratischem Papierkram und Produktionsökonomie. Es setzt den Tanzsektor aber auch ständig unter Stress. Die Choreografin Donna Miranda aus Quezon City denkt über die oft problematische Beziehung zwischen Freiheit und der Arbeit in der freien Szene in zeitgenössischem Tanz und Performance nach.

Letztes Jahr um diese Zeit ging ich auf eine ungewöhnliche Reise, die mir ein tieferes Verständnis von dem Kontext vermittelt hat, in dem man als freier Künstler arbeitet. Zuerst war ich in Malaysia für eine dreimonatige Residenz, die ich um weitere zwei Monate verlängerte, dann zeigte ich ein Stück in Bangkok und Hong Kong. Es folgten Netzwerk-Aktivitäten in Paris, eine Präsentation von Of course not this is a bathtub in Yokohama und eine Art Beobachtungs- und Studien-Trip nach Hannover und Berlin. (…)

The artist is a traveller Die Situation der Unabhängigkeit wird aus Notwendigkeiten heraus erkämpft, die nachhaltige Arbeitsweisen und Effizienz betreffen und sich bei der Arbeit in den Zwischenräumen und Nischen der vielfältigen Kunst-Szenen in Manila ergeben. Ein "freelancer", wie man sagt, vermeidet es in Phasen entschlossenen Abwartens und Vorgreifens immer beharrlich, sich anzupassen. Es stimmt, dass das Arbeiten in der freien Szene mehr Flexibilität, kreative Freiheit und erfinderische Situationen mit sich bringt, damit einher geht allerdings auch der heikle Akt, vieles gleichzeitig sein zu müssen.


Jonglieren mit den Rollen als Künstler und Kunstmanager-Produzent-Kurato

Das Arbeiten außerhalb von "Institutionen" garantiert einen Raum für künstlerische Freiheit, Experimentierfreude, Reflexivität und kritisches Spiel frei von den Zwängen der Programmgestaltung, bürokratischem Papierkram und Produktionsökonomie. Es setzt den Tanzsektor aber auch ständig unter Stress. Dermaßen, dass wir uns in einer Situation wiederfinden, in der wir wegen mangelnder Ressourcen und manpower mit den Rollen von Künstlern und Kulturmanager-Produzenten-Kuratoren jonglieren müssen.

Über alledem schwebt der trostlose Zustand der Kulturverwaltung im Land, die vor allem Machtpositionen für kulturelle Techno-Bürokraten schafft, die auf die nächste Beförderung warten. In einem solchen ausgeklügelten System der Ineffizienz finden wir Künstler uns dabei wieder, die Rolle von Kulturingenieuren und –botschaftern durch selbst finanzierte, selbst kuratierte und sogar selbst beworbene Kunstleistungen und Kulturdiplomatie auszufüllen. Sonst laufen wir Gefahr, uns in einem Inseldasein abzuschotten und durch provinzielle Kunstpolitik auszubluten. Daher kommt die Notwendigkeit, "mobil" zu sein und alternative Plattformen zu finden, in deren Rahmen wir unsere Arbeit schaffen und präsentieren können. Plattformen, die in Dritte-Welt-Ländern wie den Philippinen nicht mehr vorhanden sind.


Alternative Wege der Emanzipation

Of course not this is a bathtub Danke Internet, Googlesearch, Yahoo! und kostengünstige Breitband-Verbindungen! Künstler aus der freien Szene finden heute alternative Kanäle der Emanzipation und überwinden ihre Entrechtung, selbst angesichts unregelmäßiger finanzieller Förderung. Viele von uns haben begriffen, dass Engagement ganz oben steht – dann findet uns unter günstigen astrologischen Umständen auch das Geld. Manche nennen das Zufall. Ich nenne es lieber harte Arbeit. Das Erscheinungsbild nachwachsender philippinischer Künstler verändert sich. Das sind nicht mehr Typen in T-Shirt und schäbigen Turnschuhen, die voller Potential stecken, aber ohne Anhaltspunkt und hilflos sind. Sie nutzen stattdessen klug Informationen, gehen aus sich heraus und bringen die traditionelle Kunsthierarchie in Manila an den Rand, ohne dabei ihre T-Shirts aufgeben zu müssen. Sie tragen sogar noch mehr Shirts auf einmal, weil die meisten zu Künstler-Forscher-Kuratoren-Produzenten geworden sind, ähnlich Kulturingenieuren und Gelegenheitsdiplomaten, denn Mobilität ist unabdingbar geworden.

Ausbildung, professionelles Training, Auftritte, Produktion und die Aussicht auf Präsentation sind selten. Das ist mein Hauptgrund, "mobil" zu sein und mir spezialisiertes Wissen auf diesem Gebiet anzueignen. Mobilität ist der einzige Weg für mich zu überleben und meine Arbeit aufrecht zu erhalten. Gäbe es hier Möglichkeiten, dann wäre meine Praxis ganz sicher in meinem Heimatland "verwurzelt".


Der Künstler als Gastarbeiter

So wie die beträchtliche Anzahl an philippinischen Gastarbeitern in Übersee werden Künstler wie ich dazu gedrängt, sich ständig in dem internationalen Netzwerk zeitgenössischer Fachleute zu bewegen, die einem ein "Einkommen" oder Produktionsbeihilfen sichern. Ich muss ein weiteres Mal Finanzierungsmöglichkeiten ausfindig machen, Anträge schreiben und weiter Netzwerken. Das ist ehrlich gesagt keine ruhmreiche Aufgabe und bedeutet harte Arbeit. Ganz zu schweigen davon, dass ich weiterhin regelmäßig trainieren, mich auf kreative Recherchen konzentrieren und Tänzer und die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern managen muss.

Next Stop Yokohama Der unabhängige Künstler ist gezwungen, über seine "traditionelle" Rolle hinauszuwachsen und sich stattdessen Fähigkeiten in Management, Verwaltung und sogar Buchhaltung anzueignen. Verdammt, das sind 'Fähigkeiten', die normalerweise überhaupt nicht unser Ding sind. Aber die Schwierigkeiten der Arbeit in einer Nischen-Gemeinschaft wie zeitgenössischer Kunst haben uns dazu gebracht, vielseitigere Individuen zu werden, die in der globalen Welt fast als Kulturingenieure und –diplomaten auftreten und handeln.


Keine Angst, ein Alien zu sein

Die Mobilität der Künstler fordert die uns bekannte Landschaft von Kunstproduktion heraus, weil sie beständig die Parameter, die Art und Weise und die Situationen, in denen kreative Prozesse stattfinden, definiert und umdefiniert. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sie ein Mittel ist, um zu überleben, zu wachsen und zu lernen, meine Praxis zu bereichern und ständig mit Veränderung konfrontiert zu sein, wenn ich von einer Stadt zur nächsten ziehe. Corina Suteu stellt in ihrem Essay Not Afraid to be an Alien fest, dass Mobilität notwendig ist, weil sie uns dazu verhilft, uns unsicher zu fühlen. Weil wir nur, wenn wir unsicher sind, beginnen, uns bescheiden der Welt zu stellen. So begegnen wir neuem Publikum und neuen Erfahrungen, nehmen neue Herausforderungen an, und fühlen uns zerbrechlich, verletzbar. All dies treibt die Inspiration und Kreativität an. Auch, so Suteu, könne uns Mobilität helfen, herauszufinden, wo wir hingehören: "Bei jedem Flug zurück nach Hause habe ich ein tieferes Bewusstsein davon, wer ich bin, von meiner Geschichte, Tradition und Kultur. Ich vermute, das ist es, warum Joni Mitchell so sehr ins Schwarze trifft, wenn sie in ihrem Song sagt "don't it always seem to go, that you don't know what you've got till its gone."

Unsere schwache Infrastruktur für Kunst und Kultur auf den Philippinen, ganz zu schweigen von ökonomischer und politischer Instabilität, bedroht beständig die Entwicklung einer dynamischen Kunstszene. Glücklicherweise ist es die uns als Volk eigene Ausdauer, die zu der "Sturheit" und der entschiedenen Haltung beiträgt, mit der freie Künstler sich hier ihren Weg ebnen. Die beachtliche Anzahl an Preisen bei internationalen Festivals und Wettbewerben beweist, dass es bei uns nicht an künstlerischer Kreativität und selbst kritischer Praxis mangelt. Das Fehlen effizienter Kunstmanagement-Systeme und mangelnde finanzielle Unterstützung für freies Arbeiten zwingen uns dazu, uns selbst einen Nährboden zu schaffen. Und um hier noch etwas Ermutigenderes anzumerken: Die Unterstützung durch NCCA und diplomatische Kulturinstitutionen wie die Japan Foundation, das Goethe-Institut und das Instituto Cervantes waren immer sehr wichtig dabei, den ersten Schritt tun zu können.
Donna Miranda
ist eine freie Tanzkünstlerin, die auf den Philippinen lebt und arbeitet. Sie studierte Anthropologie an der University of the Philippines und wurde in zeitgenössischem Tanz in Manila und Europa ausgebildet. Sie nahm an Austauschprogrammen, interkulturellen Dialogen und Multimedia-Kooperationsprojekten teil. Im Jahr 2000 gründete Miranda zusammen mit Norberto Roldan das Green Papaya Art Project, eine experimentelle Plattform für zeitgenössischen Tanz in Manila. 2008 wurde die erste Ausgabe von dessen Kunstmagazin „Papaya“ herausgegeben. Im gleichen Jahr gründete Donna Miranda The Lovegangsters, ein „offenes Kollektiv freier Radikaler, Klangkünstler, Tänzer, Trittbrettfahrer, Autodidakten und Designer“, die zeitgenössischen Tanz fördern will.
http://thelovegangsters.blogspot.com

Der Artikel wurde ursprünglich in voller Länge in der ersten Ausgabe von „Papaya“ publiziert. Das Magazin in englischer Sprache kann unter
greenpapayaartprojects@gmail.com bestellt werden.