[Australien] Critical Path und ‚research’ als Praxis im zeitgenössischen Tanz in Australien
Von Sophie Travers
‘research’ (Forschung/Recherche) als künstlerische Arbeitspraxis ist ein wichtiger Aspekt in Choreografie und Tanz geworden. Sophie Travers, die Gründerin von Australiens erster researchorientierter Tanzorganisation Critical Path, traf sich mit deren heutiger Leiterin Margie Medlin, um über die kurze Geschichte, die Bedürfnisse und Probleme dieses Phänomens nachzudenken.
Als Gründerin und ehemalige Leiterin von Critical Path, Australiens einziger Institution, die sich der Tanzforschung widmet, war ich angetan davon, die Fortschritte der Organisation in den letzten Jahren mit ihrer aktuellen Leiterin
Margie Medlin zu diskutieren. In meiner Wahrnehmung hat die Initiative substantiellen Einfluss auf die Entwicklung eines Diskurses über ‚research’ in Australien. Unsere Diskussion konzentrierte sich auf das umfassendere Bild und den Effekt, den Critical Path in und außerhalb des zeitgenössischen Tanzes erzielt.
Künstler müssen ihrer Forschung immer noch die Form einer Neuproduktion geben
Als akademisches und künstlerisches Ziel ist ‚research’ im Tanz in Australien nicht so weit entwickelt wie in anderen Ländern. „Forschung“, so Medlin, würde „in der Kunst in Australien als unpassend angesehen“. Dennoch hat Critical Path Kooperationsbeziehungen zu freischaffenden Künstlern und Akademikern von der University of New South Wales, der University of Technology Sydney, vom College of Fine Arts, der University of Western Sydney und Macquarie University etabliert, die alle wichtige Beiträge zu einem aufkommenden australischen Diskurs zum Thema leisten.
Ohne einen umfassenden Diskurs über ‚research’ ist es schwierig, die (übersichtlichen) Mittel aufzutreiben, die nötig sind, um Critical Path zu erhalten. Das australische Finanzierungssystem für Tanz bietet nur wenige Ressourcen, die in künstlerische Forschung und Recherche fließen. Stattdessen erhalten Organisationen wie Critical Path und das in Perth ansässige Strut ihre Unterstützung für „die Entwicklung von Kunstformen“. Um diese Gelder zu bekommen, müssen Künstler ihre Recherchen im Rahmen einer Neuproduktion verorten und artikulieren. Es gibt keine Mittel, um Choreografen individuell in ihren Forschungsvorhaben zu unterstützen.„Wir müssen immer wieder formulieren, inwiefern Forschung nützlich und sinnvoll für Künstler ist.“
Die mangelnden Aktivitäten im Tanzbereich zum ‚research’-Aspekt sind insofern von Vorteil, als Medlin deshalb eine eigene Agenda für Critical Path aufstellen kann, die ganz auf die Bedürfnisse der Künstler zugeschnitten ist und sich an den Realitäten der Szene orientiert. „Wir müssen weiterhin artikulieren, inwiefern Forschung sinnvoll für Künstler ist“, so Medlin. Sie verteidigt gerne die Mittel, die in ihrem Budget Individuen zur Verfügung stehen, um persönliche Ziele durch ihre eigenen Projekte zu verfolgen.
Als Gründerin von Critical Path hatte ich selbst die drei Programmlinien ‚Responsive’, ‚Curated’ und ‚Mentoring Activity’ eingeführt. Dieser Ansatz wurde weiter verfolgt und bietet einen Ausgleich zwischen den Bedürfnissen nach gemeinsamen Untersuchungsprozessen und individuellen Vorhaben.
Um die verschiedenen Einzelprojekte untereinander in Verbindung zu bringen und Künstler aus anderen Disziplinen einzuladen, mit ihnen in Dialog zu kommen, hat Medlin drei konzeptuelle Rahmungen für Forschung bei Critical Path entwickelt: „Geschichte und Archivierung“, „Wo Zeitgenössisches und Traditionelles aufeinandertreffen“, und „Die Natur der Verkörperung“. Einfach gesagt, stehen diese Module für das Interesse am Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen. Medlin nennt als Beispiel Projekte wie das der englischen Choreografin Rosemary Butcher und der Klangkünstlerin Cathy Lane, deren Auseinandersetzung mit Erinnerung und der Einschreibung von Orten sich auf alle drei Komplexe bezieht.Bewusstsein in Künstlerkreisen schaffen
Der Antrieb, Künstlern reine Forschungsvorhaben zu ermöglichen, führte dazu, dass Critical Path zahlreiche Partnerschaften mit Organisationen wie dem Goethe-Institut oder dem British Council einging, um Künstler aus Ländern, wo Forschung in der Kunst bereits einen Wert hat, nach Australien zu holen. Choreografen werden auf Gastspiel eingeladen, um ihre Ansichten mit australischen Künstlern in Workshops, Meisterklassen, Diskussionen und Streitgesprächen zu teilen. Dieser Bereich in der Arbeit von Critical Path hat ein eher öffentliches Profil und hilft dabei, ein höheres Bewusstsein für ‚research’ als Praxis in weiteren Künstlerkreisen zu wecken.
Die Notwendigkeit, Foren für Ideenaustausch zu schaffen, ist in Australien groß, da die Einwohner durch ihre geografische Situation nicht nur von anderen Ländern, sondern auch untereinander durch weite Distanzen getrennt sind. Critical Path will sich deshalb auch künftig über Projekte und Vorhaben eng mit Schwesterorganisationen wie Dancehouse in Melbourne und Strut in Perth austauschen und internationale Künstler, die eingeladen werden, auf kurze Rundreisen durch Australien schicken. Andere Partner wie z.B. die zeitgenössischen Tanzensembles Chunky Move, Lucy Guerin Inc und Marregeku, bringen eigene Projekte in die Diskussion und tragen zu einer größeren Streuung und Erweiterung der Arbeit bei, die bei Critical Path geleistet wird.Akademiker und Künstler zusammenbringen
Für Medlin war ihr bisher erfolgreichstes Projekt das Symposium SEAM 2009 Spatial Phrases in Sydney. Esbrachte Akademiker und Künstler in intensiven Austausch über ‚research’-Praktiken und -Aspekte in Performance, Architektur, Film, Wissenschaft und Handeln. Ein Kernziel von SEAM09 war es, Wege und Formate zu finden, um Forschung anders als in Textform darstellen und vermitteln zu können. Die Veranstaltung bestand aus einem einzigen gemeinsamen Programmablauf, so dass die Erfahrungen aller Teilnehmer diskutiert werden konnten.
Medlin ist der Auffassung, dass andere Kunstformen dem Tanz in Hinblick auf die Artikulation einer Forschungspraxis viel zu bieten haben. Sie möchte die Verbindungen zwischen Choreografie und anderen Formen weiter entwickeln. Die Konferenz war gut besucht von freien Tanzkünstlern aus dem ganzen Land. Es war ein bekräftigtes Engagement für ‚research’ zu spüren und eine erhöhte Bereitschaft, Tanz im Zusammenhang mit anderen Formaten und Ausdrucksformen zu untersuchen.Konventionelle Methoden der Auswertung und Analyse beiseite lassen
Medlin hat kein Interesse an einer fixen Definition von Tanzforschung. Es geht ihr darum, ‚research’ zu diskutieren, und sie regt Künstler, die praktisch forschen, dazu an, diese Diskussionen zu führen. Bei Critical Path unterhalten Künstler Blogs, zeichnen ihre Projekte auf und diskutieren sie in Formaten, wobei konventionelle Methoden der Auswertung und Analyse bei Seite gelassen werden, um persönlichere Zugänge zu den Erkenntnissen zu eröffnen und ein breiteres Publikum zu erreichen.
ist eine in Melbourne ansässige freie Kunstproduzentin, die in der darstellenden Kunst arbeitet und auch Beratung für Produktionen und internationale Touren anbietet. Sie war Gründerin von Critical Path und leitete die Organisation von 2004-2006.

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