Beobachtungen

[Australien] Den Körper ins Zentrum der Erkundungen stellen
Sasha Waltz & Guests beim Melbourne International Arts Festival
Von Martin del Amo

Es wurde jahrelang vorbereitet – das australische Debüt der bekannten deutschen Choreografin Sasha Waltz. Festivaldirektor Brett Sheehy hatte seit fast 10 Jahren versucht, eines ihrer Stücke herauszubringen. Erst letztes Jahr war er endlich erfolgreich und konnte Waltz’ Ensemble Sasha Waltz & Guests als Teil des 2009 Melbourne International Arts Festival, das erste unter seiner Leitung, präsentieren.

Medea © Sebastian BoleschDas lange Warten hat sich gelohnt, denn Sheehy gelang es, nicht nur eine, sondern gleich zwei von Waltz’ Produktionen für sein Festival zu gewinnen - die choreografische Oper Medea (2007) und das überaus erfolgreiche Körper (2000), das als Meilenstein im europäischen Tanztheater betrachtet wird. Aufgrund von Waltz’ exzellentem Ruf, eine der wichtigsten europäischen Tanztheatermacherinnen seit Pina Bausch zu sein, waren die Erwartungen im Vorfeld des Melbourne Festival hoch. Und so fragt man sich: Wurden sie erfüllt?

Zum Großteil ja, so scheint es. Die Aufführungen waren gut besucht, die Reaktion des Publikums grundsätzlich positiv und die Kritiken überwiegend begeistert. The Age schenkte Medea, dem Eröffnungsstück des Festivals, so viel Aufmerksamkeit, dass sie gleich zwei Kritiken an aufeinanderfolgenden Tagen druckten: eine von einem Opernkritiker und eine von einem Tanzrezensenten.

Melbourne Festival

Medea spektakulär zu nennen, ist fast eine Untertreibung. Mit einer Partitur des französischen Komponisten Pascal Dusapin auf der Basis von Heiner Müllers Text Medeamaterial, ist das Werk eine groß angelegte Opernextravaganz mit der berühmten Mezzo-Sopranistin Caroline Stein in der Titelrolle. Auf der Bühne stoßen 17 Tänzer, 20 Sänger des Chores Vocalconsort Berlin und das Melbourne Symphony Orchestra zu ihr. Zum ersten Mal hatte das Ensemble mit Musikern vor Ort zusammengearbeitet.

Waltz’ Stücke werden oft ob ihrer einprägsamen Bilder gefeiert. Und in dieser Inszenierung gab es viele davon, u.a. einen riesigen roten Vorhang, der auf den Boden fiel, Steinfiguren auf einem Mauerfries, die plötzlich lebendig werden, und der epische Kampf der Tänzer gegen Windkraft von sechs Industrieventilatoren.

Körper ist eine völlig andere Sache. Bekannt für seine monumentalen Skulpturen aus den halbnackten Körpern der Tänzer, die aufeinander gestapelt werden, zelebriert es den menschlichen Körper in all seinen Formen und spricht Themen wie Genmanipulation, die Suche nach Unsterblichkeit und den Traum vom perfekten Körper an. Seit seiner Premiere 2000 wurde das Stück zu einer der berühmtesten europäischen Tanztheaterproduktionen des neuen Jahrtausends. Indem sie den Körper ins Zentrum ihrer Untersuchung stellte, so wird es ihr zugerechnet, hat diese Produktion neue Bahnen für das Genre des Tanztheaters gebrochen, das traditionell eher damit beschäftigt ist, Emotionen physisch auszudrücken und den Erzählverlauf zu dekonstruieren. 

Unterstützung neuer Choreografen

Sasha Waltz & Guests wurde von Waltz und Jochen Sandig, ihrem Geschäfts- und Lebenspartner, 1993 in Berlin gegründet. Das Ensemble gilt heute als eines der erfolgreichsten deutschen, international tätigen Kulturunternehmen. Der Schlüssel für seine Langlebigkeit, so wird gemutmaßt, sei die Flexibilität, die in der Tatsache begründet liegt, dass es sich eher um ein Künstlerkollektiv als um eine konventionelle Company handelt. Waltz und Sandig ermutigen die eigenen choreografischen Ambitionen der Tänzer, mit denen sie zusammenarbeiten, und lassen seit 2000 Werke von neuen Choreografen im Namen des Ensembles präsentieren.

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Internationale Partnerschaften

Wenn man sich die Gründe für den kontinuierlichen Erfolg von Sasha Waltz & Guests ansieht, ist der Einfluss von Waltz’ Partner Jochen Sandig nicht zu unterschätzen. Als Co-Leiter des Ensembles ist er für die geschäftliche Seite verantwortlich und hat großes Talent bewiesen, ständig neue internationale Veranstaltungspartner zu finden und profitable Vertragsabschlüsse auszuhandeln. Sogar die frühen Produktionen von Sasha Waltz & Guests sind ausgiebig durch Europa, Asien und die USA getourt, oft mit Unterstützung des Goethe-Institut – ein seltener Erfolg für ein junges Ensemble. Zusätzlich zu Sandigs Involvierung in Sasha Waltz & Guests, leitet er zusammen mit Folkert Uhde Radialsystem V, einen neuen Veranstaltungsort für zeitgenössische Kunst in Berlin. Seit 2006 ist es die künstlerische Heimat von Sasha Waltz & Guests als eines seiner Haus-Ensembles.

Interessanterweise startete das Radialsystem V praktisch zur gleichen Zeit, als Sasha Waltz & Guests das Melbourne Festival eröffneten, in Berlin das Hybrid Arts Fest Australia. Kuratiert von Lisa Stepf, präsentierte das 10-tägige Festival auch verschiedene Tanzveranstaltungen. Unter den gezeigten Arbeiten waren Twelfth Floor der in Deutschland geborenen Choreografin Tanja Liedtke und Chunky Moves Glow, eine Kollaboration zwischen dessen künstlerischem Leiter Gideon Orbazanek und dem deutschen Software-Künstler Frieder Weiss. Anthony Hamilton, ein in Melbourne ansässiger Choreograf und Tänzer, zeigte eine Auswahl von Stücken, die er während seiner Residenz bei Radialsystem V entwickelt hatte. Dies wurde durch das erste Tanja-Liedtke-Stipendium ermöglicht.

Sandig gibt an, dass es im Moment keine konkreten Pläne für Sasha Waltz & Guests gibt, nach Australien zurückzukehren. In Anbetracht der positiven Reaktion auf das Werk des Ensembles und Sandigs neuen Beziehungen nach Australien, kann man nur hoffen, dass die Auftritte in Melbourne nicht die letzten waren, die das australische Publikum von diesem beeindruckenden Ensemble gesehen hat.


Dieser Artikel wurde erstmals in voller Länger auf der Webseite von Critical Path publiziert.

Martin Del Amo
ursprünglich deutscher Herkunft, ist ein in Sydney basierter Tänzer und Choreograf, vor allem bekannt für seine abendfüllenen Soloarbeiten, die eigenwilliges Bewegungsmaterial mit intimer Erzählkunst verbinden.