Beobachtungen

[Australien] Tanz auf verschiedene Weise denken
Ein Dialog mit der Arbeit von Xavier Le Roy
Von Martin del Amo

Im Gespräch mit dem französischen Choreografen Xavier Le Roy in einem Café in Melbourne im November 2009 erinnere ich mich daran, wie ich vor zehn Jahren in Berlin zum ersten Mal eines seiner Stücke sah. Interessanter Weise war "Product of Circumstances" dieselbe Arbeit, die Le Roy eine Woche zuvor in Sydney gezeigt hatte und wenige Tage später im Dancehouse präsentieren sollte. Im australischen Kontext, wo freie Tanzkünstler selten die Möglichkeit haben, ihre Stücke länger als eine Saison lang zu zeigen, ist das ein außergewöhnlicher Umstand.

Product of Circumstances © Katrin Schoof Es stellte sich sogar heraus, dass Product of Circumstances noch nicht einmal das älteste Stück in Le Roys aktuellem Repertoire ist. Auch Self Unfinished aus dem Jahr 1998 führt er immer noch auf. Beide Arbeiten touren regelmäßig in der ganzen Welt. In der Tat außergewöhnlich also - besonders, wenn man bedenkt, dass in den ersten 25 Jahren von Le Roys Leben wenig darauf hindeutete, dass er eines Tages ein international gefragter und hoch angesehender Künstler in Choreografie und Performance sein würde.

Das Fehlen einer Handschrift ist seine Handschrift geworden

Le Roy studierte zunächst Molekularbiologie an der Universität von Montpellier in Frankreich. Erst als er sich auf seine Doktorarbeit vorbereitete, fing er an, Tanzunterricht zu nehmen und mit verschiedenen Tanz- und Performancegruppen in Frankreich und später in Deutschland zusammenzuarbeiten. 1993 begann er, seine eigenen Stücke zu entwickeln. Ende der neunziger Jahre gehörten seine Arbeiten bereits zum Inventar des europäischen Festivalzirkus. Obwohl seine Solos sich als besonders erfolgreich und über lange Zeit aktuell erwiesen, hat er in den letzten zehn Jahren auch mit Kollegen wie Jérôme Bel und Eszter Salamon zusammengearbeitet und mehrere Gruppenstücke meist mit nicht ausgebildeten Tänzern inszeniert.

Le Roys Werke greifen auf Einflüsse aus Wissenschaft, darstellender Kunst und zeitgenössischem Tanz zurück und verweigern sich der Kategorisierung. Für jedes Stück wählt er einen neuen Fokus und eine andere Arbeitsweise. Dieser Ansatz hat dazu geführt, dass sein Repertoire heute dadurch charakterisiert ist, dass ihm eine allgemeine Handschrift fehlt. Dies ist bis zu einem gewissen Grad zu seiner ‚Handschrift' geworden.

Ein Konzept ist nur so interessant wie das, was es einem Publikum kommuniziert.

Es ist sonderbar, dass jemand, der so gewissenhaft wie Le Roy seinen eigenen Prozess in Frage stellt und Kategorisierungen meidet, ständig mit den Begriffen ‚konzeptueller Tanz' und seiner Variante ‚Nicht-Tanz' assoziiert wird. Was denkt er darüber? Le Roys Antwort ist unmissverständlich. Diese Ausdrücke sind seiner Meinung nach weder konstruktiv noch produktiv. Sie bringen den Diskurs über die Natur von Tanz nicht voran und vereinfachen nur den Kontext, in dem Arbeiten gesehen werden. Das ist das Gegenteil dessen, was Le Roy erreichen will. Er meint, dass diese Art von Etikettierung nicht nur seine Arbeit falsch darstellt, sondern auch den Choreografen Unrecht tut, die nicht auf die gleiche Art bezeichnet werden. Es sei ja nicht so, dass frühere Stücke kein Konzept gehabt hätten, ist sein Argument. Seiner Ansicht nach gibt es nichts Langweiligeres als ein Konzept um des Konzeptes willen. Ein Konzept ist nur so interessant wie das, was es einem Publikum vermittelt.  

Die Ansicht herausfordern, dass Tanzen und Denken sich gegenseitig ausschließen

Der Impuls für Le Roys Arbeit und andere Choreografen, die wie er Mitte der neunziger Jahre anfingen, Stücke zu kreiieren und ähnliche künstlerische und philosophische Belange teilten, wird oft als Reaktion auf den sehr körperlichen, adrenalingesteuerten Tanz der Achtziger und frühen Neunziger von Ensembles wie La La La Human Steps, DV8 Physical Theatre und Ultima Vez interpretiert.

self unfinished © Katrin SchoofLe Roy scheint dieser Ansicht zuzustimmen, wenn er sagt, dass eines der Ziele seiner frühen Arbeiten darin lag, zu zeigen, dass es möglich ist, Tanz auf verschiedene Weise zu denken. Dass es ihm in der Tat wichtig war, die Möglichkeiten, was Tanz sein kann, ständig erneut zu reflektieren, um nicht in Konventionen stecken zu bleiben oder in existierende Modelle zurückzufallen. Ein weiteres Ziel war es, die allgemein verbreitete Auffassung herauszufordern, dass Tanzen und Denken sich gegenseitig ausschließen. Damit eine solche Herausforderung jedoch konstruktiv ist, macht Le Roy klar, muss sie in beide Richtungen gehen: Da Tanzmacher arbeiten, um die Erwartungen und vorgefertigten Auffassungen des Publikums herauszufordern, müssen sie auch ihren eigenen Ansatz und ihre eigene Arbeitsweise weiterhin hinterfragen. Künstler gefallen sich zwar darin, Herausforderungen anzustoßen, wenn sie aber auf ihrer Seite diesem Anspruch nicht Rechnung tragen, verlieren sie die Glaubwürdigkeit.

Zwischen Choreografie und Tanz differenzieren

Sieht er sich angesichts der Fehlens von Tanz, zumindest im konventionellen Sinne, in seinen Werken dennoch als Tanzmacher? Bei der Antwort wählt Le Roy seine Worte sorgfältig, als er erklärt, dass er zwischen Choreografie und Tanz unterscheidet. Er interessiert sich für die Kunst der Choreografie und reagiert auf Ideen, die aus dem Tanz kommen. Er ist weniger daran interessiert, ein vorher festgelegtes Tanzvokabular zu nutzen. Als Beispiel führt er seine Faszination für die Judson-Church-Choreografen der sechziger Jahre und ihren Versuch an, alltägliche Bewegungen in den Tanz zu integrieren - einer der Haupteinflüsse auf seine Arbeit als Choreograf.

Es liegt eine unbestreibare Strenge in Le Roys Ansatz. Zweifellos nimmt er seine Arbeit sehr ernst. Gleichzeitig sind es sein unterschwelliger Sinn für Humor und eine Leichtigkeit im Ansatz, die seine Stücke so einnehmend macht. Und was sein Beharren auf der Wichtigkeit besteht, sich ständig selbst herauszufordern, betrifft, setzt er seine Worte selbst in die Tat um.

Spiele als choreografisches Instrument

Le Roy Turnhalle © Katrin SchoofUnter den vielen, extrem unterschiedlichen Projekten Le Roys in seiner choreografischen Karriere bildet für mich das Ungewöhnlichste eine Arbeit, die 2006 für 40 Kinder zwischen acht und elf Jahren entstand. Sie wurde zum Stück Ionisation des französischen Komponisten Edgar Varèse inszeniert und als Teil einer mehrteiligen Aufführung mit den Berliner Philharmonikern unter Leitung von Sir Simon Rattle vorgestellt. Wie arbeitet ein Choreograf, für den die Diskussion von Methodologien mit seinen Arbeitspartnern ein integraler Bestandteil des Prozesses ist, denn nun mit Kindern zusammen? "Man bittet sie, Spiele zu spielen", sagt Le Roy ohne Zögern. Die Antwort ist unerwartet, jedoch überrascht sie nicht. Viele Jahre lang untersuchte Le Roy das Spielen als choreografisches Instrument. Die Ergebnisse dieser Arbeitsphase wurden in seinem Gruppenstück Project (2003) präsentiert. Le Roy wollte die Kinder in Ionisation so weit wie möglich in den Entwicklungsprozess einbeziehen. Er bat sie, ihre Lieblingsmusik und Lieblingskleidung mitzubringen. Die beiden Hauptanweisungen an sie lauteten: "Ihr gebt euch selbst vor, was ihr tut" und "Ihr könnt nichts falsch machen."

Bezeichnend an diesem Projekt erscheint mir, dass es nur auf den ersten Blick untypisch für Xavier Le Roy wirkt. Im größeren Kontext seines Repertoires ist es das keineswegs. Es demonstriert perfekt die treibende Kraft hinter Le Roys Stücken – seine Offenheit für Experimente und seine Neugier, Unbekanntes und seine eigenen Möglichkeiten auszuprobieren.


Dieser Artikel wurde erstmals in voller Länger auf der Webseite von Critical Path publiziert.

Martin Del Amo
ursprünglich deutscher Herkunft, ist ein in Sydney basierter Tänzer und Choreograf, vor allem bekannt für seine abendfüllenen Soloarbeiten, die eigenwilliges Bewegungsmaterial mit intimer Erzählkunst verbinden.