Beobachtungen

[Deutschland] Vietnam hat viele Gesichter
Nhiều Mặt (Faces) auf Gastspiel im Berliner Hebbel am Ufer
Von Andreas Margara

Breakdance, das ist die angesagte Ausdrucksform der vietnamesischen Jugend. Dass sich mithilfe des modernen HipHop-Tanzes ganze Geschichten erzählen lassen, veranschaulichen Mitglieder der Formation "Big Toe" aus Hanoi. In Berlin präsentierten die jungen B-Boys eine Neuauflage ihres Breakdance-Theaterstückes Nhiều Mặt (Faces).

Faces © Bodi C.Das wahre Gesicht Vietnams ist auf den ersten Blick oft schwer zu erkennen. Hinter der Hektik auf den Straßen üben sich Menschen in konfuzianischer Zurückhaltung. Eine tausendjährige Tradition wird von rasantem technischen Fortschritt überflügelt. Welche Masken die eigene Gesellschaft trägt und welche Gesichter sich dahinter verbergen, damit haben sich neun Mitglieder der vietnamesischen HipHop-Formation Big Toe auseinandergesetzt.

Ihre Eindrücke haben sie 2008 mit dem deutsch-französischen Choreographen-Duo Raphael Hillebrand und Sébastien Ramirez in dem Tanztheaterstück Nhiều Mặt (Faces) – einer Zusammenarbeit des Goethe-Instituts Vietnam mit L’Espace CCF Hanoi – verarbeitet. Nachdem die Tänzer mit einer Neuauflage ihres Stückes 2011 in Vietnam und Frankreich für Begeisterung gesorgt hatten, wurde Nhiều Mặt nun in Berlin gezeigt.

Spannungsfelder des Alltags

Faces © Bodi C.Begleitet von traditionellen Klängen der beiden Live-Musiker Hoang Thi Thanh Hoa und Ha Dinh Huy betraten die neun Tänzer im gut gefüllten Hebbel am Ufer die Bühne. Ihre Gesichter hielten sie anfangs durch mysteriös wirkende Masken verdeckt, ehe sie in einer Mischung aus Schauspiel und Breakdance in verschiedene Identitäten schlüpften. Zu sehen waren Ausschnitte aus Spannungsfeldern des Alltags: Liebe und Hass, Streit, Eifersucht, Ignoranz und Toleranz. Da ist etwa Lai Thi Sao Mai – die einzige Tänzerin in den Reihen der neun Breakdancer. Sie ist hin und her gerissen: Soll sie weiterhin mit den B-Boys zusammen tanzen oder ihnen lieber auf High Heels die Köpfe verdrehen? Nach Profilierungsversuchen und Eifersüchteleien findet sie schließlich doch das Liebesglück mit einem ihrer Tanzpartner.

Kontraste im Gesellschaftsbild

Im Park treffen Jugendliche auf einen alten Mann mit Krückstock. Der Greis (Vu Tung Phuong) hat wenig Verständnis für den technikdominierten Lebensstil der jungen Leute. Am Ende eines Streits misst er sich mit einem Roboter (Ho Hai Long) im sogenannten Popping, einer Tanzart, bei der durch gezielte Muskelkontraktion mechanische Bewegungen nachempfunden werden. Abrupt wechselt die folkloristische Musik der Đàn bầu, T'rung und Percussion zu einer Beatbox-Version von Michael Jacksons Pop-Hit „Billy Jean“, das Nguyen Minh Kien zur Freude der Zuschauer allein mit dem Mund am Mikrofon nachintoniert.


Neben den dargestellten Kontrasten im Gesellschaftsbild spielt das Ensemble geschickt mit Gegensätzen. So werden bassgewaltige HipHop-Beats mit traditionellen Volksliedern in Einklang gebracht. Die vielen Breakdance-Elemente verleihen Nhiều Mặt eine berauschende Dynamik. Backspins, Headspins und Windmills – alles scheint sich zu drehen. Auch Einflüsse von Martial Arts Tricking, einer Leidenschaft des Tanzleiters Raphael Hillebrand, der artistische Kampfsportbewegungen mit konventionellem B-Boying verknüpft, prägen die oft kraftaufwendigen und artistischen Szenen. Da kommt die Gesangseinlage von Nguyen Viet Thanh – Gründungsmitglied und Kopf der Big Toe Crew – für eine kleine Verschnaufpause gerade recht. Aus vollem Hals trällert er eine vietnamesische Liebesschnulze und schreckt selbst vor einer sanften Lionel-Richie-Interpretation nicht zurück. Etwas kitschig vielleicht, doch auch das gehört eben zu den vielen Gesichtern Vietnams.

Ehe die neun jungen Tänzer nach einer knappen Stunde wieder hinter ihren Masken verschwinden, ernten sie verdienten Beifall. Mit der innovativen Ausdrucksform des Breakdance ist es den Performern gelungen, Tradition und Moderne in einen Dialog zu bringen und ein facettenreiches Vietnam zu portraitieren.
Andreas Margara
ist studierter Historiker und arbeitet als freier Musikjournalist in Heidelberg.