[Indonesien] Künstlerischer Körperausdruck in der indonesischen Gesellschaft
Von Renee Sariwulan
Es gibt in Indonesien bisher wenige Theorien über den Körper und diese werden meist in Texten zu Gesundheit, sozialen, politischen, wirtschaftlichen (industriellen) und vor allem gender-spezifischen Themen diskutiert. Ich bin bisher noch nicht auf einen Text gestoßen, der den Körper aus einer künstlerischen Perspektive behandelt. Weder wurde der Körper als etwas hinterfragt, das künstlerische Aspekte besitzt, noch wurde untersucht, wie sie zusammenhängen oder wie der Körper anhand dieser Elemente sichtbar eine Botschaft übermittelt. Unter ‚künstlerisches Element’ verstehe ich eine Bewegung oder Form des Körpers. Sie hat eine räumliche, energetische und zeitliche Komponente sowie einen starken spezifischen Charakter.
Dieser Artikel entstand aus der Besorgnis, dass der Körper in der zeitgenössischen indonesischen Choreografie offenbar noch nicht viel aussagen kann. Ich musste erkennen, dass der Körper als das Hauptelement des Tanzes selten als visuelles Kommunikationsinstrument gewürdigt wird. Es sind Themen wie Bewegungstechnik und die Fähigkeit der Tänzer, Bewegungsformen zu reproduzieren, die diskutiert werden - obwohl eine neue Technik doch erst in Folge einer Bewegungsform entsteht. Das ist ein Grund dafür, dass die Suche nach einem Bewegungsrepertoire sich nicht weiterentwickelt und die Zuschauer immer wieder mit denselben Bewegungen bedient werden. Körperbewegungen und –formen entstehen durch die Menschen und die Gesellschaft. Ich werde meinen Text mit einer Diskussion über die heutige indonesische Gesellschaft beginnen, um dann zum künstlerischen Körper zu kommen.
Über Menschen
Wenn man die heutige indonesische Gesellschaft, ihre Kultur und ihren Charakter betrachtet, lassen sich drei große Gruppierungen ausmachen: die traditionelle Gesellschaft, die Gesellschaft in transition (im Übergang) und die urbane Gesellschaft.
1. Die traditionelle Gesellschaft
Die traditionelle Gesellschaft in Indonesien ist heute offen gegenüber Veränderungen, Dialog und Informationsaustausch. Diese Offenheit trägt zur Herausbildung ihrer kulturellen Werte bet. In der traditionellen Gesellschaft verstehen die Menschen die Werte, die ihr Leben bestimmen. Gerade deshalb sind sie in der Lage, sich an die Verhältnisse anzupassen und können gut mit Konflikten umgehen. Ihre Zahl nimmt ab, aber sie sind stark. Sie unterstützen aktiv traditionelle Wertvorstellungen und orientieren sich an der Vergangenheit, der Gegenwart wie auch der Zukunft.
2. Die Gesellschaft in transition
Die traditionelle Gesellschaft brachte zwei Generationen hervor. Die Erste stützt weiter aktiv traditionelle Werte, die Zweite schenkt ihnen wenig Beachtung und befolgt sie nur passiv. Dieser Umstand macht sie zur Keimzelle für den Prozess einer Gesellschaft in transition (im Übergang). In einem erweiterten Sinn gehören dieser Bevölkerungsgruppe Menschen an, die einen Übergang erleben. Sie verfügen dabei in der Regel über bessere Bildungschancen als ihre Eltern. Ihr Wissen über die kulturellen Werte ihrer Vorfahren ist begrenzt, und sie können sie beinahe nicht mehr nachvollziehen. Dafür ist ihr Leben konfrontiert mit urbaner Kultur. Dabei ist die Fähigkeit, die urbane Kultur aufzunehmen, unterschiedlich ausgeprägt. Im Endeffekt werden so häufig Individuen geprägt, die keine feste Überzeugung haben und nicht in der Lage sind, ihre Position und Lebensorientierung resolut zu vertreten. Sie wollen ‚modern’ genannt werden (im Sinne von ‚fortschrittlich’), verstehen die Bedeutung von Modernismus aber nicht in Gänze. Sie wollen nicht, dass man sagt, sie ließen die Traditionen hinter sich, aber sie halten sich nicht wirklich an deren Werte. Ihre Position ist ambivalent und entbehrt eigenen Grundsätzen. Auch die Orientierung ist noch nicht klar. Dies ist die gesellschaftliche Gruppe in Indonesien, die nach einer Selbstdefinition erst noch sucht, weshalb ich sie die Gesellschaft im Übergang nenne.
Zur traditionellen Gesellschaft zählen aber nicht nur diejenigen „im Übergang“, sondern auch die Mitglieder der ‚geschlossenen Gesellschaft’. Diese bezeichnen sich selbst als die Erben der Tradition und geben an, traditionelle Werte in ihrem Leben zu pflegen. Sie verweigern sich dabei der Veränderung und zeitgebundener Weiterentwicklung und leben vergangenheitsorientiert.
3. Die urbane Gesellschaft
Die urbane Gesellschaft setzt sich gleichermaßen aus Familien zusammen, in denen traditionelle Werte stark oder schwach ausgeprägt sind. Sie ist dabei sensibel für die urbane Kultur um sich herum. Der Unterschied zur Gesellschaft im Übergang besteht darin, dass diese Menschen in der Urbanität positive Werte finden. Sie schaffen aus dem, was sie dort vorfinden, neue Werte; der dynamische Charakter der urbanen Kultur fördert ihre individuelle Entwicklung. Ein anderer Unterschied zur Gesellschaft im Übergang ist, dass in der urbanen Gesellschaft traditionelle Werte nicht selten durchaus gekannt und verstanden werden. Es werden alte Werte herangezogen und vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen zu neuen Werten transformiert. Bei manchen Menschen ist dieses Vorgehen lebenslange Praxis. Es gibt kein ‚letztes Wort’ in ihren Lebensprinzipien, sondern diese erfahren immer wieder eine neue Interpretation und Sinngebung. Die urbane Gesellschaft ist an der Gegenwart und Zukunft orientiert.
Die Darstellung der verschiedenen Binnengesellschaften im zeitgenössischen Indonesien halte ich für wichtig, weil der Körper und sein Verständnis sich innerhalb ihrer verschiedenen Kontexte herausbildet.
1. Der traditionelle Körper
In Indonesien gilt der Körper vor allem als Ausdrucksmittel einer Gemeinschaftlichkeit. Er wird mit den sozialen Werten der traditionellen Gesellschaft besetzt - ihr Ausdruck unterscheidet sich je nach verschiedenen Interessen und Funktionen.
Die traditionelle Gesellschaft brachte traditionelle Kunst hervor. In ihr ist der Körper ein Medium zur Kommunikation kultureller und für die Lebensführung des Individuums normativer Werte. Eine Suche nach den künstlerischen Elementen im Körper findet zwar bereits hier statt, allerdings stehen dabei die kulturellen Werte und nicht der Körper im Mittelpunkt. Die traditionelle Gesellschaft hat erfolgreich spezifische und charakteristische körperliche Ausdrucksformen und Bewegungen entwickelt. Sie dienen der Verkörperung kultureller Identität.
Anthropologen sind der Auffassung, dass die Existenz kultureller Werte von ihrer Funktion abhängig ist. Es wäre also zuerst zu fragen, ob die kulturellen Werte der Tradition in der heutigen indonesischen Gesellschaft noch funktionieren? Wenn ja - kann die traditionelle Kunst diese Werte noch ausdrücken? Oder ist ihre Funktion nurmehr die einer Ware für den Tourismus oder die Unterhaltungsindustrie? Weist sie das „Gedächtnis“ einer Kultur aus, lindert dabei aber eigentlich doch nur die nostalgischen Verlustgefühle ihrer Befürworter? All das ist zu berücksichtigen.
Die Kunst ist noch immer sehr präsent in rituellen gesellschaftlichen Zeremonien, die jeweils der Stärkung der kulturellen Werte derjenigen Gruppe dienen, die sie trägt. In ihrer Eigenschaft als Ware im Tourismusgeschäft funktioniert die traditionelle Kunst als politisches Instrument, um die staatliche Identität zu untermauern oder Devisen zu beschaffen. Eine bisher nicht genannte Funktion traditioneller Kunst ist die als Einnahmequelle zum Verdienst der Lebensgrundlage im Fall einiger Compagnien. Dies gilt meiner Kenntnis nach für einige Ensembles in der Darstellenden Kunst in der Betawi, der sundanesischen, zentraljavanischen, ostjavanischen und der maduresischen Tradition. Diese Gruppen reisen herum und treten auf; in Großstädten haben sie unter Umständen sogar eigene Veranstaltungsorte.
In der traditionellen Gesellschaft wird Bewegung als gemeinschaftsstiftendes Ausdruckssymbol eingesetzt mit dem Ziel, ein bestimmtes Individualitätskonzept als bewegte Repräsentation dauerhaft zu erhalten.
2. Der urbane Körper
Es gibt verschiedene Städte in Indonesien, die aus gesellschaftlichen Gruppen aus den je umliegenden Regionen bestehen, welche sich vermischen. Es gibt keine dominante Gruppierung. Man lebt neben- und miteinander, ohne dabei den eigenen Charakter aufzugeben. Solche Städte werden ‚urban’ genannt, und zu ihnen zählen etwa Medan, Batam, Jakarta, Bandung, Solo, Jogja, Surabaya und Denpasar.
Das Gemeinschaftserlebnis in der Gesellschaft der städtischen Zentren bringt eine urbane Kultur hervor, die sich durch Pluralismus, Offenheit und Dynamik auszeichnet. Kunst (Tanz) besitzt hier ebenfalls diese Eigenschaften. Traditionelle indonesische Kunst (aus dieser Gegend oder von außerhalb der Region), nicht-traditionelle indonesische Kunst (Ballett, Tango, Salsa, Walzer, Step, Hip-Hop, Breakdance, Capoeira, Mandarin, usw.) und experimentelle Kunst existieren nebeneinander. Es ist diese Offenheit, die neue Interpretationen fördert, welche wiederum alternative künstlerische Stile hervorbringen. Alternative Kunst ist eine Kunst, in der die existierende Kunst neu interpretiert wird. Dank einer anderen Herangehensweise und Kreativität wird das Existierende so bearbeitet, dass „neue“ Kunst entsteht.
Hier zeigt sich das Merkmal der Wahlfreiheit in der urbanen Gesellschaft werden. Die fehlende Vorherrschaft einer bestimmten Kunst gibt den Künstlern einen großen Freiraum, um ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Sie können eigene explizite Aussagen über den Geschmack, Stil und Ausdruck der Gesellschaft im allgemeinen Sinn treffen. Oder, was hier von Interesse ist: Sie können ihren eigenen Körper wählen.
In Jakarta sind im traditionellen Bereich zwei Phänomene zu beobachten: zum einen wird traditionelle Kunst in Schulen unterrichtet, zum anderen von Künstlergruppen bei öffentlichen Auftritten gezeigt. Die Schulen haben eine Bildungsfunktion. Dabei werden künstlerische Elemente des Körpers über ihre Imitation weitergegeben. Die Priorität liegt auf Könnerschaft und die Zielvorstellung ist es, so viele herausragende Tänzer wie möglich zu produzieren. In diesem Kontext werden die vermittelten Bewegungen zu Bewegungen ohne Bedeutung.
Das zweite Phänomen hat für mich eine ironische Seite. In traditionellen Ensembles agieren Körper, die vielfach besonders klug und erfahren sind. Mit den reichen künstlerisch-körperlichen Eigenschaften, die sie mitbringen, bieten sie für die Gesellschaft in großen Städten eine enorm wertvolle Inspiration. Trotzdem müssen sie täglich ums Überleben kämpfen. In Jakarta etwa interessiert man sich bisher nicht für sie - vor allem in ökonomischer Hinsicht.
3. Der künstlerische Körper in der zeitgenössischen Choreografie
Nachdem der Körper über Jahrhunderte ein Medium des Ausdrucks einer Gemeinschaft war, änderte sich diese Situation in den 1960er und 1970er Jahren. Es war die Zeit, als die Choreografie als Disziplin erstmals in einigen Ensembles und Hochschulen in Indonesien eingeführt wurde. Damit wurde der Körper als Mittel individuelles Ausdruck anerkannt und auch vermittelt. Diesem neuen Verständnis nach kann ein Körper verschiedene Repertoires und Bewegungseigenschaften haben. Er bietet ein breites Möglichkeitsspektrum an Ausdruckselementen, die jedwedes Konzepte, das einem Choreografen vorschwebt, kommunizieren können. Verkörperung erscheint dabei als konzeptionelle und individuelle Interpretation eines Künstlers / einer Künstlerin und ist begründet in deren emotionalem Erleben zu einem bestimmten Zeitpunkt - in dem Bewusstsein, dass dieses Konzept jederzeit veränderbar ist. Hierin besteht auch der Grund, warum diese Form der Choreografie ‚zeitgenössisch’ genannt wird.
Diese Entwicklung setzt sich bis heute fort. Es entstehen immer mehr Tanzensembles und Kunstakademien. Doch neue Bewegungen und Charaktere zu finden, ist nicht einfach. Choreografen imitieren häufiger Bewegung als sie zu verarbeiten und zu erforschen, woraus eine neue Form erwachsen könnte. Sie geben ihren Bewegungen zwar Intensität und Gefühl, aber vernachlässigen etwas: Sie vergessen dass Intensität und Emotionen nicht nur von ihnen oder den Tänzern empfunden werden, sondern auch den Zuschauern zu vermitteln sind. Hier zeigt sich, dass der Körper immer noch nicht als vollwertiges visuelles Kommunikationssystem anerkannt und begriffen wird. Die Zuschauer müssen in jede Körperform und –bewegung mit einbezogen werden, und sie einzubeziehen heißt, dass ihnen ein Eindruck kommuniziert wird.
Die meisten zeitgenössischen Choreografen befinden sich in dem Sinn wie es weiter oben für die Gesellschaft beschrieben worden ist, in transition, im Übergang. Erst mit ihrer Aufnahme an den Kunstakademien lernen sie, den Körper als Ausdrucksmedium zu benutzen - unter der Bedingung, dass sie nicht aufhören, den Charakter ihres eigenen künstlerischen Körpers herauszubilden und zu untersuchen. Nur wenige haben schon ihren Charakter und ihre Richtung gefunden, und ich möchte hier nur zwei Namen nennen: Fitri Setyaningsih und Jecko Siompo.
Epilog
Wenn die Mehrheit der Indonesier traditionelle Werte auch weiterhin zum Bezugspunkt ihres Lebens macht, bedeutet das zweierlei: Es existiert ein Begriff vom ‚künstlerischen Körper’ existiert und er ist zu einem Ausdrucksmedium in der Gesellschaft geworden. Veränderungen in verschiedensten Lebensbereichen haben allerdings zu Veränderungen in der traditionellen Gesellschaft geführt. Die neue Situation macht es nicht mehr erforderlich, dass der künstlerische Körper einfach nur homogener Teil von ihr ist. Er ist zu einer Option geworden, die Künstlern eine Reihe von Entscheidungsmöglichkeiten bietet - welches Konzept, welches Thema oder welche Idee sie auch immer behandeln wollen. Um die künstlerischen Elemente des Körpers (Form, Bewegung, Charakter) zu erschließen sind Kreativität und Intelligenz nötig, gleichermaßen unerlässlich ist aber die Fähigkeit, sie einem Publikum zu kommunizieren.
Renee Sariwulan
ist seit 2006 Mitglied des Kulturrats Jakarta (Tanzkomitee), nachdem sie als Gastdozentin am Jakarta Arts Institut tätig war. Während ihres Studiums in Tanz-Anthropologie (anthropological dance) war sie auch als Tänzerin und Produzentin aktiv.


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