Reportagen

[Indonesien] Neben dem Tanz ist es vielleicht der Verkehr, der in Indonesien am meisten beeindruckt
Reisebericht von Thomas Lehmen

© Thomas LehmenIm Frühjahr 2009 bereiste der Tänzer und Choreograf Thomas Lehmen (Berlin) auf Einladung des Goethe Instituts von Jakarta aus Orte in Indonesien und führte Gespräche mit Tänzern und Choreografen, um einen Eindruck der regionalen Tanzszene zu gewinnen. Eindrücke dieser Begegnungen sind im tannzconnexions-Blog nachzulesen. Dieser Beitrag enthält Auszüge aus Thomas Lehmens Reisebericht.

© Thomas Lehmen Ich befinde mich auf einer Landstraße von Solo nach Yogjakarta auf der Insel Java in Indonesien, um eine Choreografin zu besuchen, welche auf meiner langen Liste der Begegnungen steht, die ich für das hiesige Goethe Institut durchführe. (...)

Die Landstraße ist wenig idyllisch, nur wenige Reisfelder unterbrechen die dichte Besiedlung zwischendurch. Die 1,5-stündige Fahrt wird mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von ca. 70 km/h durchgezogen, ob Siedlung oder nicht.

Während ich den Tachometer analysiere, bemerke ich die eingedrückte Delle im Hupenbereich des Lenkrades. Dieser Teil ist nur kurzfristig vom Daumen freigegeben, denn praktisch bei jeder Begegnung mit einem anderen Fahrzeug, bei jedem Links- oder Rechts-Überholmanöver, bei jeder Kreuzung und einfachem Aufmerksam-Machen, dass man überhaupt da ist, nochmaligem Hupen für den Fall, dass man nicht bemerkt wurde, und vielen anderen Gelegenheiten, die mir unergründlich sind, wird hiervon ausgiebig Gebrauch gemacht. (...)

Hunderte von Sprachen

© Thomas Lehmen In diesem Land, wo die unmittelbare Kommunikation wie zum Beispiel spontane Verabredungen mit dem Bürgermeister oder dem choreografierenden Sohn des Sultans im Palast einfacher zu machen sind als längerfristig verbindliche Termine, ist das Hupen im Straßenverkehr eine ganz normale Sprache.

Sprache ist fließend, es gibt zwar eine offizielle überregionale, aber auch hunderte, untereinander nicht besonders ähnliche Variationen und einzelne Sprachen.

Im Tanz hat die Sprache kaum Einzug gehalten. Zwar ist es relativ normal, dass in den traditionellen Stücken live Musik, Schauspiel und Tanz miteinander kombiniert sind. (...) Allerdings kann kaum jemand auf meine Nachfragen darüber sprechen, warum etwas wie funktioniert.

Tradition als aktuelles Arbeiten

© Thomas Lehmen Tradition ist eben, wenn man etwas tun kann, ohne über die Gründe und Motivationen nachdenken zu müssen. Und eine solche Art von Tradition ist in Indonesien sehr stark präsent.

Die aus unserer Perspektive auffälligsten und aktuell diskutierten Komponenten im indonesischen Tanz sind einerseits der traditionelle Tanz und andererseits der zeitgenössische Tanz. Diese Gegenüberstellung und Trennung funktioniert aber nur bedingt. So bedeutet zeitgenössischer Tanz unter anderem ganz einfach. jetzt, hier und heute mit traditionellen Formen und Vorgaben zu arbeiten.

Was man aus anthropologischer Perspektive vereinfachend fixieren möchte, hat so nie bestanden. Im Gegenteil wurden von "Meistern" immer Tänze geschaffen, die aktuelle politische, soziokulturelle Themen bearbeiten. So thematisieren viele traditionelle historische Epen in musikalisch-schauspielerisch-tänzerischer Form etwa Auseinandersetzungen mit den Besatzern (...). Tradition war immer aktuelles Arbeiten.

Tradition, Erneuerung und das „Machen“ von Zeit

Traditionelle Tänze werden in Schulen, Universitäten, Palästen und von unabhängigen Meistern gelehrt. (...) Die Übergänge unter diesen Gruppierungen sind trotz aller Abgrenzungsversuche fließend, und es ist hier ganz wichtig zu verstehen, dass es keine Fixierungen gibt.

Verdeutlichen kann man dies zum Beispiel anhand der fehlenden Notation in Musik wie auch im Tanz. In der Gamelan Musik, die die traditionellen Tänze begleitet, besteht ein europäisches Metrum nicht. Dem Phänomen Zeit wird allgemein wenig Bedeutung beigemessen, der mechanisierende fixierende Aspekt der Zeit kommt in allen indonesischen Kulturen so gut wie überhaupt nicht vor. Daher ist jeder Moment in einem Übergang zu etwas Anderem. (...) Zeit wird eher gemacht, als dass sie unabhängig existiert. (...)

Das ausgeprägte Meister – Schüler-System, in dem recht eingleisige Dialoge stattfinden, erlaubt den Schülern über oftmals Jahrzehnte, den Tanz zu inkarnieren, jedoch kaum Methoden und Techniken zu erkennen, zu benennen und damit zu operieren und obendrein noch ihre eigenen zu entwickeln. Schüler, die diesen Bedarf haben, gibt es aber mittlerweile. Ihnen wird eine unlösbare Aufgabe vererbt, zwar relevante, aktuelle Bezüge irgendwie mit ihrem Tanz zu kontextualisieren, aber gleichzeitig auch die Form und den Geist der Tradition zu bewahren. (...)

© Thomas Lehmen Wir sind erst auf halber Strecke, und der einsetzende Regen reduziert weder das Reisetempo noch die Abstände unter den Fahrzeugen. Hoffentlich muss niemand plötzlich auf schmieriger Straße bremsen (...).

Theaterräume und Gesellschaft

Das Kulturzentrum in Solo ist ein offenes Gelände verschiedener Einrichtungen, Probenmöglichkeiten und Wohnräume mit einigen der typischen überdachten, rundum zugänglichen Spielstätten. Ausgestattet mit Steinboden, was wegen der Hitze Sinn macht, und offen, nicht nur der Ventilation wegen, sondern auch weil Tanz, Theater, alle Rituale, Zeremonien und Unterhaltung in Indonesien immer noch ein allgemeines öffentliches gesellschaftliches Ereignis sind (...).

In diesem Fluss von Kunst und Gesellschaft ist es eher die architektonische Trennung von performativer Kunst und dieser Gesellschaft, die ein Problem hervorruft. Die Trennung von Bühne und Zuschauerraum, wie sie im Theater des europäischen Stiles, die es hier natürlich auch gibt, stattfindet, ermöglicht zwar eine distanzierte Betrachtung und Erkenntnisse, ruft aber ebenso wie bei uns eine Sehnsucht nach Unmittelbarkeit hervor. Gesellschaftliche Bezüge und gesellschaftlicher Kontakt können auf Grund dieser Trennung nur mühevoll wieder "rekontextualisiert" werden. (...)

Dialog auf Augenhöhe

© Thomas Lehmen An meinem Recherchebericht arbeitend, fällt mir wieder auf, dass es eigentlich alles in diesem Land gibt, was man für eine funktionierende Struktur braucht: auf der Künstlerseite den unschätzbaren kulturellen Reichtum der traditionellen Formen und inspirierte jüngere Künstler. Auf der Seite der Organisation bestehen im Prinzip alle notwendigen Institutionen wie städtische Kulturzentren, ein überregionales Tanzfestival, Universitäten und unabhängige Einrichtungen in verschiedener Größenordnung. (...)

Untereinander kennen sich die verschiedenen Institutionen zwar aus der Perspektive ihrer Funktion, zum Beispiel Schule, Aufführungsort, sie tauschen sich aber kaum über die Bedürfnisse und Methoden oder Strategien und Perspektiven zur Förderung des Tanzes aus. (...)

Daher ist die Strategie und Arbeitsweise, die ich vorschlage, bei allen Projekten auf die Art des Dialoges zu achten, den man anbietet: auf Augenhöhe, sich Zeit nehmen, Fragen stellen und selber auch von den Menschen lernen wollen. Denn was schätzt man mehr als ernst genommen zu werden? Wodurch lernt man mehr, als das Eigene in Worte zu fassen, um durch das Verstehen des Anderen zu lernen?

Thomas Lehmen
ist Tänzer und Choreograf. Er lebt in Berlin.


Fotos: Thomas Lehmen

Links zum Thema