[Deutschland] Über Zu/Schauen. Die Deutsche Tanzplattform 2010
Von Tara Tan
Im Februar 2010 lud das Goethe-Institut die in Singapur ansässige Autorin und Kritikerin Tara Tan zur deutschen Tanzplattform in Nürnberg ein. Für tanzconnexions reflektiert sie die Performances, die sie dort gesehen hat, und schreibt über Fragen, die sich ihr als "Kulturtouristin" während dieser Begegnungen stellten.
Um es mit den Worten von About Khon, dem bekannten Aufführungsdialog von Jérôme Bel und Pichet Klunchun zu sagen: Ich schreibe diesen Artikel aus der Perspektive einer „Kulturtouristin“. Angekommen in der Stadt Nürnberg als fremde, zurückhaltende Beobachterin, sah ich in nur vier Tagen elf völlig verschiedenartige Präsentationen von Künstlern, die entweder aus Deutschland kommen oder hier ihre Arbeitsbasis haben.
Die alle zwei Jahre stattfindende und von einer wechselnden Jury aus Journalisten und Kulturproduzenten kuratierte Tanzplattform fand zum neunten Mal statt. Das Programm wurde von einer vierköpfigen Jury, bestehend aus der Journalistin Melanie Suchy, dem Choreografen, Tänzer und Kurator Jochen Roller und den Kuratoren Michael Bader und Gerti Kohn zusammengestellt. Ihr Motto für den Showcase des freien zeitgenössischen Tanzes lautete „One Step Ahead”.
Einige der Stücke setzten indbesondere auf emotionales Bauchgefühl, während andere das Konzeptuelle ausspielten. Die weitaus meisten aber waren an der körperlichen Manifestation des „Dialogs” interessiert - des Dialogs von Künstler zu Künstler, von Künstler zu Publikum oder von Kultur zu Kultur. Als Gast berührten und beeindruckten mich persönlich am meisten die Gespräche zwischen und innerhalb von Kulturen, die auf der Bühne, aber auch außerhalb der Vorstellungen, stattfanden.Reaktionen auf die aufkommende Auffassung von Choreografie
Einer der Schlüsselmomente ereignete sich für mich an einem ruhigen Sonntagnachmittag in einer kleinen Diskussionsrunde im Künstlerhaus. Ein ägyptischer Künstler stellte fest, dass der Tanz, den er in den letzten Tagen gesehen hätte, weit entfernt sei von seinen Sehgewohnheiten. Sinngemäß sagte er, die Performances hätten in ihm „keine Emotionen“ hervorrufen können, womit er wohl indirekt meinte, sie seien eher rational geprägt.
Obwohl ich mit seiner Argumentation nicht völlig übereinstimme – einige der Stücke lösten bei mir starke emotionale Reaktionen aus wie VA Wölfls Ich Sah: Das Lamm Auf Dem Berg Zion oder Antonia Baehrs Lachen – warf er damit doch eine interessante Perspektive in die Diskussion, was unsere Reaktionen auf die aktuell aufkommende Auffassung von Choreografie betrifft.
Das Publikum in den meisten Ländern würde höchstwahrscheinlich ablehnend auf die Definitionen von Choreografie reagieren, die bei der Tanzplattform 2010 gezeigt wurden - etwa auf das unablässige Keuchen, aus dem das Duett What They Are Instead Of von Angela Schubot und Jared Gradinger besteht, oder auf Antonia Baehrs Technik, Lachen im wörtlichen Sinn in einzelne mechanische Noten aufzubrechen und diese in ein Orchester evokativer Klänge zu verwandeln. Beides sind wunderbare Stücke, gar kein Zweifel, aber vielleicht erinnern uns unsere so unterschiedlichen Herangehensweisen ja gerade daran, wie durchlässig unsere Grenzziehungen sind und als wie instabil wir sie auch ansehen sollten.
Aus den Zielen der Plattform folgen weitere Fragen: Gibt es aktuell einen Dialog zwischen Künstlern aus den verschiedenen Teilen der Welt? Was geschieht in diesem globalen Austausch? Gibt es ihn überhaupt oder ist die Hoffnung idealistisch, dass zwischen all den Festivals, internationalen Kollaborationen und Kommissionen wirklicher, substantieller Dialog stattfindet?
Was genau tauschen wir in all diesen Räumen aus? Womöglich ist es der Einblick in die unterschiedlichen Arbeits- und Denkweisen von Künstlern. Und auch dann stellt sich in unserer Zeit der ständigen geschäftigen globalen Prozesse aufs Neue die Frage, wie eindeutig und klar „kulturelle Differenzen“ überhaupt sind?
Gelegenheit zu Fragen nach Identität, Gesellschaft und Bewegung
Es gab auch eine Debatte über die kulturelle Rolle der Tanzplattform für den deutschen Tanz: Dient sie dazu, der Tanzszene eine Identität zu geben oder dazu, den Dialog zwischen der deutschen Tanzszene und dem Rest der Welt anzuregen? Wie relevant ist die Idee vom „deutschen Tanz” im Zeitalter überkultureller, interkultureller und geografisch unbeständiger Künstler und Zuschauer überhaupt noch?
Vielleicht haben wir bei der Plattform eine wertvolle Gelegenheit verpasst, solche Fragen der Identität, Gesellschaft und Bewegung anzusprechen. Mit meiner Perspektive aus Singapur, wo das Publikum mit einem gepflegten Buffet internationaler Shows gesättigt wird, hatte ich meinen ganz eigenen Blick auf die abwechslungsreiche Palette der Stücke. Ich würde diese Identifikation meiner Person nicht als eine Last bezeichnen; sie warf vielmehr spezifische Fragen zu Lokalität, Einfluss und Repräsentation auf.
Zu/Schauen
Da saß ich nun entnervt und verzweifelt in VA Wölfls Ich Sah..., bewunderte die Körperlichkeit und Ausdauer von What They Are Instead Of, das Puppenspiel von Händen und Schatten in Richard Siegals techniklastigem As If Stranger und die methodische Präzision von Lachen. Mich faszinierte die Weite und die Bandbreite dessen, was „Choreografie“ offenbar gegenwärtig in Deutschland ausmacht. Aber natürlich fragte ich mich auch, was ausgelassen worden war, und warum man gerade diese Zusammenstellung von Stücken für die Präsentation ausgewählt hatte.
Um die „Bandbreite“ zu verdeutlichen, von der ich spreche, eignet sich die intensive, selbst-reflexive und gewaltige Erfahrung von Ich Sah: Das Lamm Auf Dem Berg Zion, die ein harsches und trostloses Porträt der Ohnmacht der Kunst zeichnet.
Eine Frau singt eine Arie, während im Hintergrund eine Lötlampe und ein Mikrofon ein tödliches Duett ausfechten. Zuerst verstärkt das Mikro den Sound des Feuers, geht kurz danach aber in Flammen auf und verbrennt. Sechs Scheinwerfer werden im Gleichklang mit den Tänzern in einer mechanischen Choreografie über die Bühne bewegt werden: Mensch und Maschine - zu Zwecken der Unterhaltung untrennbar vereint. Manifeste wie “You do not define art. Art defines you” oder “Dance is a business. Business is an art. Art is a problem” prasseln in diesem düsteren, in kehligen Schreien klagenden Stück hernieder.
Das Fleisch und der menschliche Körper
Es stand in starkem Kontrast zu What They Are Instead Of und Hotel Hassler - Stücken, in denen die Choreografie stark mit dem Fleisch und dem menschlichen Körper arbeitet. What They Are... von und mit Jared Gradinger und Angela Schubot verschmilzt zwei Körper zu einer atmenden Einheit. Lungen und Atmung pulsieren als rhythmischer Beat in einer Show der Ausdauer und der Kraftakte. Man könnte sagen: Das Stück wird buchstäblich vom schieren Durchhaltevermögen zusammengehalten.
Hotel Hassler nutzt ähnliche Mittel: den Körper als formbares Material. Drei Männer in unauffälliger Kleidung fallen wie hölzerne Puppen aufeinander. Beim Spiel mit Balance, Gewicht und Stärke geben sie der Schwerkraft nach. Dabei wirken sie verletzlich und sprunghaft zugleich, dennoch grundsolide und sturköpfig auf ihre Aktivitäten fixiert. Wie taumelnde Blöcke bauen sie sich gegenseitig einer auf den anderen und zerstören gleich wieder, was sie geschaffen haben. Es entsteht eine planlose Welt wechselseitiger Abhängigkeit und Vergeltung.
In Logobi sehen wir den Dialog zwischen einem europäischen zeitgenössischen Tänzer und einem „Gangster”-Tänzer von der Elfenbeinküste sich „live” entfalten. Hier kommt der Aspekt interkulturellen Austauschs ins Spiel, eines Austauschs allerdings, der zum Scheitern verurteilt ist. Die Ironie und die selbst unauthentische Natur dieser wiederholten „ersten Begegnung“ zwischen den Performern im Stück mag manchen unglaubwürdig erscheinen. Dennoch, in diesem Scheiter, inmitten von Fehlkommunikation, Unerwartetem und Unkontrollierbarem, bilden gerade die Kontraste zwischen Kulturen und die unterschiedliche Art, wie wir sehen, zuhören, sprechen, uns bewegen und leben, eine regelrechte Befreiung.
Tara Tan
arbeitet als Kunstjournalistin in Singapur. Sie berichtet über die Kunstszene für die „Leben“-Redaktion der Straits Times, der größten englischsprachigen Tageszeitung.

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