Schwerpunktthema

Anspruch und Einfluss
Ein Abend mit Nachwuchschoreografen
Von Joelle Jacinto

Eine im Gelenk stark abgeknickte Hand drückt heftig gegen die Brust. Die andere Hand hängt herunter und ist in allen ihren Gelenken gleichfalls angewinkelt. Torsi werden nach vorn geworfen, und das komplette Gewicht jedes der Körper verlagert sich in das je vordere Bein. Das andere ist zur Seite gebeugt und leicht nach hinten durchgestreckt. Den Kopf seitlich geneigt, scheinen die Tänzer das Publikum von der Seite her anzusehen - so als versuchten sie wiederum vorsichtig abzuschätzen, wie sie gerade bewertet werden.

Jecko Siompo: From Betamax to DVD Aus dieser Position heraus führen die sechs Tänzer in Jecko Siompos From Betamax to DVD schnelle, präzise und unkonventionelle Bewegungen aus, wobei sie als Gruppe an ihren individuellen Plätzen auf der Bühne in komplizierte Muster eintauchen, um diese schon im nächsten Moment wieder auszusetzen. Sie drehen das Knie von Seite zu Seite, während der Fuß fest auf dem Boden steht. Und sie halten so abrupt ein wie sie angesetzt haben, nur um gleich wieder neu anzufangen. Dabei wird jede Sequenz diktiert oder regelrecht aktiviert durch das stimmliche Signal eines der Tänzer - ein Aufschrei, ein Kläffen oder einen kurzen, schrillen Schrei.

Gefühlsausbrüche

Manchmal scheren einer oder mehrere Tänzer aus ihrer versetzten Linie in einer Art Gefühlsausbruch aus, um einen Mittänzer zu kommentieren, eine neue Version der gleichen schnellen Rechtwinkligkeit oder eine andere übertrieben wendige Bewegung auszuführen. Doch kehren alle immer in ihre Ausgangsposition zurück, manchmal freiwillig, manchmal auf ein ermahnendes Zischen von Tänzer und Choreograf Jecko Siompo hin.

From Betamax to DVD hatte 2009 Premiere und ließ Siompo schnell zu einem überragenden einheimischen Choreografen aufsteigen und zu einem der „20 jungen Indonesier, die Geschichte geschrieben haben“ (“20 Young People in Indonesia Who Have Made History”).

Spannende Programmzusammenstellung

Vincent Sekwati Koko Mantsoe: Barena Chiefs @ Indonesian Dance Festival 2010Siompo war der erste Choreograf, dessen Arbeit im Abschlussprogramm des 10. Indonesischen Tanzfestivals gezeigt wurde - neben Stücken von Eko Supriyanto und Vincent Sekwati Koko Mantsoe. Das Künstlertrio bildete eine außerordentlich spannende Programmzusammenstellung: Zwei sehr verschiedene Produktionen wichtiger indonesischer Choreografen trafen auf einen eingeladenen Tänzer-Choreografen, dessen Stück, obwohl ebenfalls sehr unterschiedlich, Werte vorführte, die in den Vorgängerarbeiten schon deutlich geworden waren. Keine dieser Produktionen war dabei besonders virtuos - so wie das bei einem Festival in den Philippinen, meinem Arbeitskontext, ganz sicher der Fall gewesen wäre. Die Art der Zusammenstellung des Abends ist meiner Ansicht nach bezeichnend für eine indonesische Kultur.

Stücke, die zum Denken anregen

Siompos und Supriyantos Choreografien scheinen für den zeitgenössischen indonesischen Tanz zu stehen, obwohl sie sich so gar nicht ähneln: auf der einen Seite ein Strom schnell getanzter, repetitiver Tanz, auf der anderen kaum Bewegung. Trotzdem schlagen sich in beiden Arbeiten offenbar Ideale nieder, die schon in Performances von Nachwuchschoreografen am Festival-Vortag steckten. Ich konnte feststellen, dass das indonesische Publikum zeitgenössischen Stücke mit langsamen Bewegungen wertschätzt, die einen zum Denken anregen. Die Bedeutung einer Tanzproduktion wird, wie ich erfuhr, mit Vorliebe diskutiert, wenn der Vorhang gefallen ist. Dafür sprach auch der stürmische Applaus nach allen drei Beiträgen des Abends.

“Was schauen Sie denn so?”

Eko Supriyantos Home: Ungratifying Life beginnt damit, dass der Choreograf die Bühne beinahe quälend langsam überquert. Auf halbem Weg geht er vor dem nächsten Schritt jeweils leicht in die Hocke. Er setzt das ausgestreckte Bein leicht angehoben vor das andere, dreht den Körper etwas und so weiter. Dabei hüllt er sich in Stille oder vielmehr: in das störende Klicken zu vieler Kameras im Publikum, die manisch jede seiner Bewegungen einfangen wollen.

Der Rest des Stücks wird dann zu schrillem Gesang und einem ohrenbetäubenden, nicht endenden Heulen gespielt. Verschiedene Charaktere nähern sich einem Holzrahmen, der vorn mittig hängt: ein alter wettergegerbter Engel, zwei fast nackte Männer, ein Mann in einem pinken Tütü und ein Mädchen, das seinen Hund ausführt. Sie alle sehen durch den Rahmen wie durch ein Fenster, schauen das Publikum an, und wir können nicht anders als zurückzustarren. Der Mann im Tütü, der, wie sich jetzt zeigt, für den unablässigen Singsang verantwortlich ist, hält nur inne, um unhöflich zu fragen: „Was schauen Sie denn so?“ Supriyanto, ein Choreograf, der schon für Madonna getanzt hat und in Filmen aufgetreten ist, hinterfragt hier wohl solche Schau- und Spektakellust. Es beeindruckt mich, dass das Publikum das offenbar versteht.

Das Bedürfnis zu provozieren

Emerging Choreographers @ Indonesian Dance Festival 2010Es scheint, dass das auch bei den jüngeren Tänzern in Indonesien der Fall ist. Sie begreifen, was Supriyanto und Siompo sagen wollen und sie wenden deren Ideale in ihrer eigenen Arbeit an. Der Abend Emerging Choreographers zeigte solche Tendenzen. So konnte ich einen Impuls jüngerer Choreografen erkennen, ihre Stücke mit javanischen Posen und Gesten aufzupeppen - so wie Siompo sich auf papuanische Tanzformen stützt und sie rekonstruiert, um daraus die eigenen Bewegungen zu kreiieren. Es gibt auch ein Bedürfnis zu provozieren wie Supriyanto es tut - selbst wenn die Provokationen noch nicht so ausgereift, manchmal ermüdend taxing für das Publikum sind.

Scharfe Kontraste und das Nachzeichnen von Unterschieden

Bei alledem gibt es viel versprechende Ideen. Besonders Santi Pratiwis Retorika Kerinduan hält auf treffende Weise die Unruhe in einem Dorf fest, dessen frühere Einwohner alle in die Stadt gezogen sind - wegen der angeblich besseren Möglichkeiten. Joko Sudibyos Cekrek wirft einen fesselnden Blick auf innerfamiliäre Dramen.

Die Bewegungen in Retorika Kerinduan zeichnen intelligent die Unterschiede zwischen Stadt und Land nach. Das „Entkommen“ aus der Stadt wird umgesetzt, indem die Tänzer das „Dorf“ schnell rennend umrunden, während die „Stadt“ die Dörfler mit Lethargie empfängt. Mit etwas mehr Zeit, um sich zu entwickeln, hätte Retorika Kerinduan noch eindrucksvoller sein können. In Cekrek gefiel mir insbesondere der scharfe Kontrast zwischen vier sich mit fließender Vitalität bewegenden Jungen und einer weinenden Frau, deren wenige Tanzmomente des komischen Effekts wegen karikiert wurden. Vielleicht hätte mich das Stück mehr überzeugt, wenn ich das, was sie sagte, hätte verstehen können. Sie sprach das Publikum in Ortssprache an. Trotzdem hatten die Bilder eine große Kraft.

Die Spannung zwischen Technologie und Tradition

Im Fall von From Betamax to DVD, das ich letztes Jahr ein erstes Mal gesehen hatte, bot das Festival Gelegenheit zu einer Begegnung mit dem weiter entwickelten Stück. Ich konnte eine stärkere Spannung zwischen Technologie und Tradition in der überarbeiteten Soundlandschaft aus fragmentiertem Motorenlärm (von Autos, Flugzeuge,n Maschinen) und Elektronik (Netzwerk-Summen, Verbindungsmodems) ausmachen, ebenso stärkere Reaktionen der Tänzer auf die Musik. Vielleicht artikulierte Siompo diese Spannung diesmal deutlicher, vielleicht fiel sie mir beim zweiten Sehen aber auch nur stärker auf.

Andere Veränderungen wie etwa die stärke Präsenz der Einzelpersönlichkeiten der Tänzer und damit ihre Möglichkeit, Siompo als den Außenseiter im Stück stärker zu dominieren, funktionierten weniger gut. Letztes Jahr hatte er noch die Kontrolle, wenn sich die Performer einheitlich und in versetzten Gruppen bewegten, aber immer wieder auf Siompos bellendes Kommando in die Linie zurückkehrten. In der „verbesserten” Version scheinen die Tänzer seine Anwesenheit gar nicht zu würdigen. Ein Mädchen bricht sogar die Formation, um ihn mit ihrem Kreischen zu trietsen. Womöglich werden die Tänzer selbstbewusster - einige von ihnen wagen immerhin selbst choreografische Versuche. Womöglich wird ihr Schreien und Kreischen deshalb lauter und beharrlicher - als symbolischer Beleg dafür, dass die indonesische Tanzszene wächst und stärker wird.

From Betamax to DVD
Choreografie, Musikschnitt: Jecko Siompo
Performer: Siti Ajeng Soelaeman, Andara Firman Moeis, Arisma Ranisa, Phitoz Harris, Jecko Siompo

Home: Ungratifying Life
Choreografie: Eko Supriyanto
Performer: Tubagus Mulyadi, Dede Ari Wibowo, R Danang

Cekrek
Choreografie: Joko Sudibyo
Darsteller: Ari Ersandi, Diantori, Rohmad Fuadi, Mamuk Rahmadona, Yonathan Dicky Firmanto, Firthi Juniantha

Retorika Kerinduan
Choreografin: Santi Pratiwi
Performer: Santi Pratiwi, Ana Twins, Fitri Twins, Mia Chasanah, Ayu Titis


Joelle Jacinto
ist Tanzkritikerin und -dozentin auf den Philippinen. Sie hält einen Master in Kunsttheorie und -Kritik und ist Chefredakteurin von “Runthru”, einem halbjährlich erscheinenden Tanzmagazin inklusive einer zugehörigen Website. Jacinto schrieb sieben Jahre lang für “Malaya” (großformatige Tageszeitung) und hat zu mehreren Publikationen beigetragen. Sie schreibt Artikel für die tanzconnexions-Website. Als Tänzerin arbeitet Joelle Jacinto für das Philippine Ballet Theatre und TEAM Dance Studio.