[Malaysia] „Ich denke, zeitgenössischer Tanz ist ein Bereich, in dem wir ethnische Grenzen überschreiten.“
Interview mit Marion D'Cruz
Die Choreografin Marion D'Cruz spricht mit Jenny Daneels über zeitgenössischen Tanz in Malaysia.
Ein kurzer Blick an die Wände im Büro von Marion D'Cruz, der Produzentin des Five Arts Centre, macht klar, dass sie als Tänzerin und Choreografin, was sie außer vielen anderen Dingen auch ist, nicht zur ätherischen, weltfremden Sorte gehört. An den Wänden hängen Poster ihrer Helden, wie sie sie lachend nennt: der politisch engagierte indonesische Schriftsteller W.S. Rendra, Che Guevara und Jesus Christus. Sie alle kämpften darum, die Welt zu verbessern. Nein, Marion D'Cruz ist keine Revolutionärin.
Ihre Arbeit im Five Arts Centre, in der sie sich immer auf der Suche nach einer neuen Tanzsprache befindet, hat allerdings in den letzten Jahren mit mehr Gemeindearbeit und Arbeit mit jungen Menschen eine stärker soziale Richtung genommen. (…)
Jenny Daneels: Wie hat sich die Tanzszene in Malaysia in den letzten 20 Jahren entwickelt?
Marion D'Cruz: Es gibt heute mehr Tanzensembles, und die Professionalität ihrer Arbeiten ist deutlich höher. (…) In jeder Hinsicht: bei den Konzepten, der Qualität des Tanzens und anderen Elementen wie Inszenierung oder Licht. Wir haben in Malaysia mittlerweile eine größere Gruppe guter, gut ausgebildeter Tänzer. Das verdanken wir teils den lokalen Tanzschulen wie ASWARA, teils Rückkehrern aus dem Ausland und teils der stärkeren Berührung mit verschiedenen Stilen. Viele Aspekte kamen zusammen und haben zu dieser Erhöhung des Niveaus geführt. (…)
„Anderswo ist oft klassisches Ballett sehr wichtig. Das ist hier nicht so.“
Jenny Daneels: Wie lebendig ist zeitgenössischer Tanz hier?
Marion D'Cruz: Die zeitgenössische Tanzszene ist ungewöhnlich lebhaft und wächst. Es gibt viele Überschneidungen zwischen Ensembles [eher traditioneller Form], und unabhängigen, freischaffenden Tänzern. Bisher existieren nur sehr wenige etablierte Kompanien im zeitgenössischen Tanz. Tänzer arbeiten in verschiedenen Ensembles was gut ist gut für die Szene und für sie.
Anderswo ist oft klassisches Ballett sehr wichtig. Das ist hier nicht so. Es gibt einige Schulen für Ballett, aber nicht viele erstklassige klassische Tänzer. Zeitgenössischer Tanz ist sichtbarer. Es gibt auch eine interessante Entwicklung eines Bereiches im zeitgenössischen Tanz aus bestehenden Traditionen – traditionellen malaiischen oder indischen Tänzen. Choreografen entwickeln neue zeitgenössische Arbeiten aus diesen alten Formen.
Jenny Daneels: Was hat dazu beigetragen?
Marion D'Cruz: Die ASWARA-Tanzabteilung etwa hat die Öffnung für jegliche Art von Tanz ermöglicht. Sie ist die einzige Abteilung innerhalb von ASWARA, die so ein breites Spektrum von Wissen, Alter, ethnischer Herkunft und Stil vertritt und anbietet. Leute wie Suhaimi Magi, Mew Chang Tsing, Choo Tee Kuang, Joseph Gonzales, Loke Soh Kim, Umesh Shetty, ich und andere unterrichten hier. Dieser Verdienst ist dem Abteilungsleiter Joseph Gonzales und seiner großzügigen Vision zu danken. (…)
„… jeder entwickelt Stile und Identitäten.“
Jenny Daneels: Welche Trends sehen Sie in zeitgenössischem Tanz?
Marion D'Cruz: Chinesische Tanzensembles wie Batu Dance Theatre und Dua Space werden immer noch stark von Hong Kong und Taiwan beeinflusst. Viele ihrer Tänzer haben dort trainiert und gearbeitet. Und ihr Stil ist fast durchgehend „post-grahamesque“ [1]. Das ist an sich nichts Schlechtes. Wenn sie eigenständig arbeiten, werden sie auch ihre eigene Identität entwickeln. Bei anderen ist das der Fall. So wie bei Mew Chang Tsing, die in ihrer Arbeit einen südostasiatischen Stil finden möchte. Jeder arbeitet in diesem Sinn daran eigene Stile und Identitäten zu entwickeln. Die beste generelle Entwicklung ist allerdings, dass viel gute Arbeit geleistet wird, leidenschaftlich und diszipliniert. (…)
Ich denke, es gibt heutzutage in Malaysia weniger Raum für junge Leute, um frei zu sein und ich möchte tun, was ich kann, um diesen Zustand zu verbessern. (…) Wenn es eine Art Vermächtnis gibt, das wir hinterlassen sollten, dann ist es das: geschützte Orte für junge Menschen zu schaffen, um sich zu emanzipieren, zu kreiieren, ihr Leben und ihr Land in die Hand zu nehmen. Kunst, alle Arten von Kunst, darunter auch Tanz, kann solche Orte schaffen, auf eine gute Art. (…)
Jenny Daneels: Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes in Malaysia?
Marion D'Cruz: Als ich in den Achtzigern begann, gab es so gut wie keinen Begriff von zeitgenössischem Tanz. Es gab eigentlich nur Ramli [Ibrahim] und mich. Mohd Ghouse und Lee Lee Lan hatte in den 70-er Jahren bahnbrechende Arbeit geleistet, die aber kein öffentliches Interesse erreichte. Ramli und ich begannen, in Kuala Lumpur große Stücke aufzuführen. Wir eröffneten neue choreografische Räume, neue Ideen – alles war möglich.
„Es gab eine Zeit in den Siebzigern, in der alles möglich war.“
Mohd Ghouse Nasaruddin war mein Haupteinfluss. Er arbeitete hauptsächlich in Penang, er war Lehrer an der Universiti Sains Malaysia (USM). Er machte damals wilde und wundervolle Sachen mit Ballett und malaiischem Tanz. Es gab eine Zeit in den Siebzigern, in der alles möglich war.
Es gab damals viele Diskussionen wegen der Unruhen 1969. Darüber, wer wir sind, was es heißt, Malaie oder Nicht-Malaie zu sein, was Identität bedeutet, über Fragen zu Kultur und kultureller Identität. Eine Freundin von mir und ich waren die ersten nicht-malaiischen Frauen, die 1976 bei Dalang Hamzah an der Universität wayang kulit lernten. In den 1990-ern lehrten Dalang Hamzah und ich bei ASWARA, und er erzählte immer stolz, dass ich vor langer Zeit seine erste Schülerin war. (…)
Jenny Daneels: Können Sie uns die unterschiedlichen Tanzpraktiken hier ein wenig erklären?
Marion D'Cruz: Es gibt viele traditionelle Tänze, Ballett, modernen Tanz, Jazz, Salsa, usw. Es gibt viele klassische indische Tanzschulen. Das liegt zum einen daran, dass die Inder extrem darum bemüht sind, dass ihre Kultur am Leben erhalten wird. Man muss ja nur sehen, wie Thaipusam jedes Jahr größer wird. Zum anderen ist klassischer indischer Tanz eng mit Religion verbunden. Aber auch durch das Bollywood-Phänomenon bekam indische Kultur neue Bestätigung. Indisch ist heute sehr „in“. (…) Institutionen wie Temple of Fine Arts haben dazu beigetragen.
„Das Austarieren von Kultur und Religion ist immer heikel.“
Was malaiische Tänze betrifft… die Frage, die sich bei malaiischer darstellender Kunst stellt, ist, ob sie haram oder halal ist ... was heißt: Ist sie mit der Religion zu vereinbaren oder nicht. Das ist sehr kompliziert. Wir vergessen häufig, dass Kultur schon lange vor religiösen Systemen da war. Das Austarieren von Kultur und Religion ist immer heikel.
In Malaysia wird ein Großteil der darstellenden Kunst staatlich organisiert und finanziert. Dadurch wird innerhalb der malaiischen Kunstszene ein anderes System geschaffen. Es gibt viele praktizierende Künstler, aber nur wenige Ensembles. Das älteste malaiische Theaterensemble ist Centre Stage von Normah Nordin. Heutzutage kommt viel Aktivität im Tanzbereich von den Gruppen Istana Budaya und der Petronas Performing Arts Group.
Es gibt aber auch einen neuen Trend, den ich sehr aufregend finde: junge Gruppen wie Namron's Off-Bühne, Junainah Lojongs neues Studio, Chombrang, das er zusammen mit Bayu Utomo gegründet hat, oder Syed Mustafa's Tandak Tanztheater. Junges Blut, neue Ideen. Interessanterweise sind Namron, Junainah und Syed auch ASWARA-Absolventen.
Chinesische Tanzgruppen florieren weiterhin, besonders durch die Unterstützung durch die chinesische Gemeinde durch deren Vereinigungen. Und Ballettschulen schießen immer noch wie Pilze aus dem Boden. (…)
Zeitgenössischer Tanz ist ein Bereich, in dem wir ethnische Grenzen überschreiten. Die Community ist klein, aber lebendig. Fast jeder tanzt mit fast jedem und das ist großartig. Die Form entwickelt sich ständig weiter, und das ist auch gut. (…)
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[1] Martha Graham (1884-1991) ist eine zentrale Figur des nordamerikanischen Modern Dance. Sie entwickelte eine Technik, die mit dem Ausdruck ursprünglicher Emotionen durch stilisierte Körperbewegungen von hoher Intensität arbeitet.
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ist eine Pionierin des zeitgenössischen Tanzes in Malaysia. Sie ist Choreografin, Performerin, Lehrerin und Gründerin des Kunstkollektivs “Fünf Künste Zentrum”.
Mehr Referenzen zur Geschichte des Tanzes in Malaysia:
Mumtaz Backer. Contemporary Dance in Malaysia. What is it? in: Diversity in Motion, hrsg. Mohd Anis Md Nor, My Dance Alliance (Papers), Cultural Centre University of Malaya, 2003. (erhältlich beim Goethe-Institut Malaysia)

![[Thai]](http://www.goethe.de/bilder3/flaggen/th-flg.gif)








