Interviews

[Deutschland] Self–Interview
Xavier Le Roy spricht mit Xavier Le Roy

Der Text Self-Interview entstand für eine Performance desselben Titels, die zum ersten Mal am 7. Dezember 2000 während E.X.T.E.N.S.I.O.N.S # 2.7 im Berliner Podewil gezeigt wurde. Der Dialog, in dem es um die Hintergründe und Arbeitsweisen in dem von Le Roy initiierten kollektiven choreografischen Projekt E.X.T.E.N.S.I.O.N.S. geht, findet zwischen Xavier Le Roy und seiner auf Kassette aufgenommenen Stimme statt. Er ist hier in Auszügen wiedergegeben.

Xavier Le Roy © Zoltan+

Ok. Womit willst du anfangen?

Vielleicht mit dem Beginn des Projekts, das du E.X.T.E.N.S.I.O.N.S. genannt hast. (...)

(...) ich erinnere mich daran, dass zu jenem Zeitpunkt meine hauptsächliche Fragestellung auf das Verhältnis zwischen der Produktion und dem Produkt des Herstellungsprozesses einer Tanz- „Performance“ (bzw. anderer Darstellungsformen) zielte. Gleichzeitig und damit zusammenhängend ging es mir um die wechselseitigen Abhängigkeitsbeziehungen zwischen den dargestellten Körperkonzepten und ihren Produktionsprozessen. (...)

(...) Könntest du etwas konkreter werden, z.B. in Bezug auf die Körperkonzepte, auf die du anspielst?

Ich weiß nicht, aber oft frage ich mich: Warum sollten unsere Körper an unserer Haut enden oder bestenfalls andere Wesen, Organismen oder Objekte beinhalten, die von Haut umschlossen sind?

Das weiß ich auch nicht, aber du spielst zweifellos darauf an, dass die Körperbilder sehr durchlässig und dynamisch sind, was heißt, dass ihre Grenzen und Konturen osmotisch sind. (...)

Genau. Körperbilder sind in der Lage, sich in eine extrem große Bandbreite von Objekten und Diskursen einzupassen, oder andersherum: diese in sich aufzunehmen. Alles, was lange oder oft genug in Kontakt mit der Körperoberfläche tritt und in Berührung bleibt, wird in das Körperbild integriert. So zum Beispiel Kleidung, Schmuck, andere Körper, aber auch Texte, Lieder usw…

All das kann den Körper, seinen Gang, seine Bemühungen, Haltungen, Diskurse, Positionen usw. mehr oder weniger vorübergehend oder dauerhaft prägen. (...)

Anders gesagt ist jedes Körperbild gleichermaßen eine Funktion der Psychologie des Subjekts, des sozio-historischen Kontexts wie der Anatomie. Und es gibt allerlei Nicht-Menschliches, mit dem wir verwickelt und verwoben sind.

Stimmt. Deshalb muss es auch noch eine andere Alternative zum Körperbild geben, als die von der Anatomie angebotene.

Woran denkst du? Und was schlägst du vor?

Zum Beispiel denke ich an die Vorstellung, Körper als Raum und Zeit für Austausch, Verkehr und Zirkulation zu begreifen. DANKE ELISABETH GROSZ FÜR DIESES ANGEBOT.

(...) Denkst du, dass diese Art und Weise, das Bild des Körpers zu begreifen, Auswirkungen darauf hat, wie man ein Individuum wahrnimmt?

Zumindest bestünde dieser Idee zufolge jedes Individuum aus einer Unendlichkeit an extensiven, sich ausdehnenden Körperteilen. Mit anderen Worten, gäbe es Individuen nur als zusammengesetzte. Ein einfaches Individuum wäre dementsprechend ein sinnentleerter Begriff. (...) Ich fahre unaufhörlich fort, die einzelnen Teile in meine Beziehungen zu integrieren; wenn ich esse, zum Beispiel, (...) eigne ich mir extensive Teile an. (...) Sich Teile aneignen meint, dafür zu sorgen, dass sie die vorher eingenommene Beziehung verlassen, um ein neues Verhältnis einzugehen, wobei diese neue Beziehung eine von meinen Beziehungen darstellt. (...)

OK. Lass uns (...) auf den Anfang zurückkommen.

(...) [Ich habe] einen Einladungsbrief an 20 Personen verschickt, denen ich die Teilnahme an „E.X.T.E.N.S.I.O.N.S.“ vorschlug. (...) Die Vorschläge und allgemeinen Ideen waren (...) folgendermaßen formuliert:
„Experimente und Untersuchungen zu menschlichen und nicht-menschlichen Körpern als Ausdehnungen voneinander, mittels „bewegungsbasierter Kunst“, ihren Performances und Repräsentationen.
Performance des Verhältnisses zwischen den „Produkten" und Produktionsweisen dieser Experimente und Forschungen, im Feld (Zeit und Raum) ihrer Entwicklung.
Transformationen und Wiederaufbereitungen dieser Untersuchungen von den „anderen“ in einer zweiten Arbeitsphase.“ In einem späteren Brief schlug ich eine Art Definition vor: Wir können uns „E.X.T.E.N.S.I.O.N.S.“ als eine grundlegende Idee oder ein Konzept vorstellen, zur gleichen Zeit zu arbeiten und über Fragen zu Performance, Körperrepräsentationen etc. nachzudenken und dabei gleichzeitig selbst eine Performance zu sein.“

Kannst du erklären, warum du diese Art Vorschlag gemacht hast?

Ich weiß nicht, aber in einem Arbeitsprozess zur Realisierung eines choreografischen Stückes gibt es gewöhnlicher Weise eine richtige Zäsur zwischen dem Moment des Probens und der öffentlichen Vorstellung der Arbeit. Eine Art Übergang vom privaten Bereich in den öffentlichen. Diese Zeit, dieser Raum oder dieser Übergang ist eine heikle und unabwendbare Frage.

Proben und Aufführen sind zwei sehr unterschiedliche Kontexte bzw. Dispositive, denen ich in der ganzen Produktionszeit gleichermaßen gerecht werden wollte. Ihre Trennung akzeptiere ich insofern nicht, als ich denke, dass die Darstellungen der Körper unauflösbar mit den benutzten Dispositiven verbunden sind.
(...)

Ich weigerte mich – vielleicht zu unrecht – die bekannten und von den ein oder anderen praktizierten Arbeitsmethoden anzuwenden. Und zwar nicht, um ihnen eine andere gegenüberzustellen, sondern um zu versuchen, in den Zwischenräumen des Unbekannten zu bleiben.

Kannst du genauer erklären, von welchen Arbeitsmethoden du redest?

Zum Beispiel von der Auswahl einiger Improvisationsmomente als Antwort auf die Fragen des Choreografen. Aber ich meine viel genereller all die Arbeitsmethoden, von denen jedeR durch seine Erziehung und die notwendig produktive Umwelt geprägt ist. Ich denke, dass diese Methoden in Frage gestellt werden müssen, wenn man die Produktionen und selbst die Produkte dieser künstlerischen Schaffensprozesse im Bereich der „Performance“, (bzw. anderer Darstellungsformen) weiterentwickeln will. (...)

(...) Kommen wir auf die Grundlagen des Projektes zurück. Warum schlugst du (...) vor, den Begriff des Spiels zu verwenden?

(...) Wenn man spielt, wählt man eine Rolle, bzw. wird einem eine Rolle zugeschrieben, um an einer konstruierten Situation mithilfe von Regeln teilzuhaben. Auf ähnliche Weise agieren wir täglich in und mit sozialen und kulturellen Konstruktionen, welche uns diverse Handlungen und Funktionen zuteilen oder eine Wahl ermöglichen. Das heißt, dass wir in unserer alltäglichen Wirklichkeit ebenfalls Rollen spielen oder „performen“.

(...) Darüber hinaus ist das Spiel eine Aktivität, während der man sucht, experimentiert und gleichzeitig Strategien entwickelt, um den Regeln zu folgen oder sie zu benutzen. Insofern ist es ein sehr geeignetes Gebiet, um die wechselseitigen Affizierungen des Körpers von den uns durchquerenden Konstruktionen zu bearbeiten. (...)

Kannst du konkreter machen, warum du von dem Projekt E.X.T.E.N.S.I.O.NS als einem utopischen sprichst?

Das Utopische (...) liegt in seiner Bemühung, herrschende Verhaltens- und Wahrnehmungsmodelle durch etwas anderes ersetzen zu wollen. Das ist eine Utopie, weil es sich dabei um einen Versuch handelt, die Beziehungen zwischen Individuen zu desinstitutionalisieren und das Vorhandensein von Macht in den Produktionsketten außer Kraft zu setzen; sowie ebenso jenes „spektakuläre“ Produkt anzufechten, welches kennzeichnend für die meisten Arbeitsdynamiken ist. Es handelt sich um eine utopische Baustelle, da das Projekt zum erklärten Ziel hat, ein anderes Vorgehen, einen anderen Zugang und eine andere Wahrnehmung dieses gesamten Systems anzubieten. (...)

 (...) Wenn die Utopie noch Sinn macht, dann nicht als ein System oder als ein gesellschaftlich-institutionelles Wunschmodell, sondern als singuläre "Modalität oder Tonalität" eines Prozesses, einer Perspektive. Anders gesagt, als Wertschätzen einer Wahrnehmungs- und einer Handlungsqualität, und nicht als ein sinnentleertes, begehrtes Objekt.

(...)

Genau deshalb ist es wichtig, Methoden, Organisationen, Systeme oder Konzepte anzubieten, welche die Wahrnehmung innerhalb des Produktionsprozesses, in dem wir uns befinden, schärfen und hinterfragen, und so die Praktiken, mittels derer und in denen wir überleben, erneut in Frage zu stellen. Das genau versucht das Konzept des Projektes „E.X.T.E.N.S.I.O.N.S.“ in all seinen Extensionen vorzuschlagen.

Danke. Ich denke, wir können das Interview mit diesen Worten beenden.

Danke.


tanzconnexions dankt Xavier Le Roy für seine Genehmigung, den Text hier auszugsweise zu veröffentlichen. In voller Länge ist er auf seiner eigenen Webseite zugänglich: http://www.insituproductions.net/_deu/frameset.html