Tanz in Australien. Eine Momentaufnahme
Von Sophie Travers
Eine starke indigene Tradition
Tanz steht im Zentrum des traditionellen indigenen Kulturlebens. Tanzensembles der Aborigines und Insulaner entstanden zum ersten Mal in den 1960er–Jahren. Sie brachten Tanz aus den Gemeinden in die Theater und auf öffentliche Plätze. So wurden aus Zeremonien Aufführungen. Dieser Bereich entwickelt sich weiterhin sehr schnell.
Europäische Einflüsse
Europäische Siedler brachten mit sich auch ihre Tänze Ende des 19. Jahrhunderts ins koloniale Australien. Traditionelle Gesellschaftstänze wurden von Pantomime-, Opern- und Musiktheater-Darbietungen begleitet.
Die Zeit des Goldrausches brachte dann das Ballett. Europäische und amerikanische Tänzer begannen, durch Australien zu touren. Auch das russische Ballett übte einen maßgeblichen Einfluss aus. Ableger der Ballets Russes tourten in den 1930ern ausgiebig und stimulierten die Entwicklung einer australischen Ballettkultur. In den 1940ern und 1950ern wurden verschiedene professionelle australische Ballettensembles gegründet. Von ihnen besteht The West Australian Ballet bis heute. 1962 gründete die englische Ballerina Dame Peggy van Praagh das Australian Ballet und richtete 1967 The Australian Ballet School ein, um Tänzer für ihr Ensemble auszubilden.
Zeitgenössische Tanzentwicklungen
Entwicklungen in modernem Tanz begannen in den Siebzigern und keimten über die folgenden Jahrzehnte. Starke internationale Beeinflussungen hinterließen ihre Spuren bei den jungen australischen Ensembles. Der Einfluss des amerikanischen modern dance ist bei Ensembles wie dem Bangarra Dance Theatre immer noch zu erkennen, während Künstler wie Meryl Tankard dem deutschem Tanztheater eine Hommage erweisen.
Eine Generation von Choreografen, die heute im Mainstream arbeiten, vertiefte sich in die freie Tanzszene in New York. Die aktuelle Generation von Künstlern lässt eine größere Bandbreite an Impulsen aus Europa und Asien erkennen. Viele junge Tanzschöpfer reisen weiterhin in die USA, nach Europa und Asien, um sich anregen zu lassen. Internationaler Austausch und Zusammenarbeiten unter Choreografen sind mehr und mehr verbreitet.
Eine gegenwärtige Momentaufnahme
Der Tanzsektor in Australien ist dynamisch und divers. Es gibt mehr als 50 Tanzensembles und 200 Choreografen. Während Kultur anders als in Teilen Europas im modernen australischen Leben auch keine so zentrale Rolle spielen mag, werden die Gelder der Regierung zur Finanzierung von freien Kunstprojekten vom Australia Council for the Arts und von den Regierungen der Bundesstaaten und Territorien doch sehr effektiv verwaltet.
Priorität liegt auf der Weiterentwicklung von Film- und Videotanz, indigenen Tänzen, landesweiten Touren und der Ausbildung einer internationalen Marktes. Die zunehmende Professionalisierung des Tanzbereiches geht Hand in Hand mit einem immer größer werdenden Publikum und einer wachsenden Vielfalt an Formen.
Ausbildung
Das Victorian College of the Arts in Melbourne, die Western Australian Academy of Performing Arts in Perth und die Queensland University of Technology in Brisbane bringen Tänzer und Choreografen von internationalem Niveau hervor. Die Zahl an Graduierten übersteigt allerdings die Arbeitsmöglichkeiten in diesem kleinen Sektor. Deshalb gehen viele nach Übersee.
Nationale und unabhängige Ensembles
Zwei australische zeitgenössische Tanzensembles werden finanziert, um national und international eine Vorzeige-Rolle einzunehmen. Bangarra mischt Tanzformen der Aborigines und Torres Strait Insulaner mit zeitgenössischen Techniken. Aus der Sydney Dance Company kommen viele der gegenwärtigen künstlerischen Leiter anderer Ensembles.
Australische Künstler werden umfassend unterstützt, um sich auf internationalen Festivals, Kunstmärkten und im Tourneebereich zu etablieren. Das Australian Dance Theatre aus Adelaide (ADT), geleitet von Garry Stewart, ist besonders viel gereist.
Es gibt eine Reihe kleiner und mittelgroßer zeitgenössischer Gruppen in den städtischen Zentren Australiens, die zum Teil aus föderalen Mitteln, zum Teil aus Geldern der Bundesstaaten finanziert werden.
Regelmäßig finanzierte Ensembles werden meist von einem einzelnen Choreografen geleitet und verfügen entweder über eine wechselnde Truppe von Tänzern und verbundenen Künstlern oder seltener über ein dauerhaftes Ensemble. Es existieren einige wenige Repertoire-Ensembles. Hin und wieder werden neue Werke von Ensembles in Auftrag gegeben, die eigentlich von einem Choreografen geleitet werden, wie etwa von Melbourne’s Chunky Move. Diese Gruppe hat genug Publikum, um eine Reihe von Produktionen zu unterstützten.
Neben Ensembles kreieren freie Künstler Stücke über Projektfinanzierung und führen ihre Arbeiten hauptsächlich in den Städten auf, in denen sie leben. Immer mehr Allianzen zwischen Ensembles bilden sich, weil die Geldgeber Anreize für die gemeinsame Nutzung von Ressourcen und gegenseitige Inspiration geben. Touren in Australien sind durch die langen Distanzen zwischen Städten und die mangelnde Infrastruktur für Tanz in den Regionen nur begrenzt möglich.
Während die meisten Ensembles weiter Arbeiten für Theaterbühnen schaffen, gibt es einen lebendigen Trend des Arbeitens an und mit alternativen Orten, etwa durch auf Installationen basierende Projekte, Zusammenarbeiten mit neuen Medien oder der performance art nahe stehende Ansätze. Der Jugendtanz ist lebendig und in gutem Zustand: Es gibt ein nationales Ensemble für Tanz und Bildung und einige engagierte freie, landesweit arbeitende Choreografen.
Filmtanz – Dance on Screen
Tanz für die Kamera ist weit entwickelt in Australien. Das nationale Tanzfilmfestival Reeldance erhält hunderte von Zusendungen von australischen Tanzfilmmachern, darunter auch Arbeiten der bedeutenden großen Ensembles. Film ist ein effizientes Instrument für den Export, und australische Tanzfilme sind international weit verbreitet.
Förderung
Ausdance ist die nationale Beratungsinstitution für Tanz. Die Mitgliederorganisation ist in jedem Bundesstaat und Territorium vertreten und führt Kampagnen für Tanz und Initiativen wie die Australian Dance Awards durch.
Die Unterstützung für freie Künstler nimmt in jedem Bundesstaat und Territorium verschiedene Formen an. In Sydney legt Critical Path besonderen Wert auf Forschung. Performance Space produziert innovative Ansätze. In Melbourne betreibt Dancehouse ein umfassendes Programm für die freie Szene vom Training bis hin zu Präsentationen. STRUTdance in Perth bietet eine ähnliche Reihe an Leistungen und Angeboten. In Queensland kommen Künstler an Orten wie The Powerhouse und The Judith Wright Centre of Contemporary Arts zusammen.
Veranstalter wie Arts House in Melbourne, Sydney Opera House, Salamanca Arts Centre in Hobart und Perth Institute of Contemporary Arts gewähren ebenfalls Unterstützung.
Die wichtigsten australischen Kunstfestivals geben gelegentlich neue Werke in Auftrag. Das in Melbourne ansässige Tanzfestival Dance Massive muss sich erst etablieren. Es konnte sich bisher noch keine kontinuierliche Finanzierung sichern.
Selbstvertrauen
Das Australia Council Dance Board hielt 2008 nationale Konsultationen für seinen strategischen Tanzplan Dance2012 ab. Die Stimmung in der Tanzszene war optimistisch. Obwohl noch viel getan werden muss, um ein Publikum heranzuziehen, herrscht unter australischen Tanzmachern ein hohes Selbstvertrauen, das Erneuerung zu begünstigen verspricht – in der Form und in der Weise, wie sie unterstützt wird.ist eine in Melbourne ansässige freie Kunstproduzentin, die in der darstellenden Kunst arbeitet und auch Beratung für Produktionen und internationale Touren anbietet.


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