Von der Tradition der Māori zum Ausdruck zeitgenössischer Themen. Eine kurze Tanzgeschichte Neuseelands
Von Francesca Horsley

Kapa haka ist Aotearoas/Neuseelands erste Tanztradition, eine grundlegende Māorische Kunstform. Die Ursprünge kamen nach Aotearoa, als Māori in einer Reihe von Zuwanderungen, die um 1200 begannen, von anderen pazifischen Inseln einreisten.

Philosophische Ursprünge der Māori Tradition

Dieser Tanz breitete sich in die Bereiche von Unterhaltung und Geschichtenüberlieferung hinein aus, verweist dabei aber immer auf seine philosophischen Ursprünge. Er basiert auf zwei mythischen Vorbildern – Hineruhi und Tānerore – die in der whare tapere Tradition das Verhalten von Licht bei Sonnenaufgang und zur Mittagsstunde annehmen.

Kapa haka schließt waiata-a-ringa (Handlungslieder), waiatatawhito (historische Ereignisse und Legenden, die in Tanz und Gesang erzählt werden) und poi (rechtshändiger Aktionstanz) ein. Maskuline und feminine Energien werden in der Balance gehalten. Kapa haka umschließt Vergangenheit und Gegenwart, befasst sich mit der Welt der Natur und verhandelt gesellschaftliche Themen. Seit den 1970ern messen sich Stammesaufführungen alle zwei Jahre beim Te Matatini (dt.: viele Gesichter) Festival.

Europäische Einflüsse

Europäische Siedler brachten im 19. Jahrhundert lebhafte anglo-keltische Volkstänze und elegante Standardtänze mit. Anfang des 20. Jahrhunderts verstärkten Tourneen von Stars wie Anna Pavlova und späteren Tänzern der Ballets Russes eine Leidenschaft für Tanz. Kurse in den Tänze in Mode verbreiteten sich, und es entstand eine vielseitige Mischung von Stilen.

Die Entwicklung des englischen Balletts erreichte in den 1930ern Neuseeland, und die Pädagogik der Royal Academy of Dance and British Ballet Organisation wurde eingeführt. In den 1950ern war Ballett die wichtigste Freizeitaktivität für Mädchen, und anreisende englische Prüfungsbeobachter stellten sicher, dass die Standards eingehalten wurden.

Ballett, Ausdruckstanz und moderner Tanz

In den 1940ern inspirierten sowohl europäische expressionistische als auch amerikanische moderne Einflüsse eine kleine, aber engagierte Gemeinde neuer experimenteller Gruppen.

1953 wurde das beliebte Royal New Zealand Ballet (RNZB) durch den dänischen Tänzer Poul Gnatt gegründet. Er tourte zum ersten Mal landesweit und machte Ballett für alle zugänglich. Obwohl es an viele neuseeländische Choreografen Aufträge vergibt, führt das RNZB vor allem internationales Repertoire auf.

Die New Zealand School of Dance, 1967 gegründet, war die erste nationale Tanzakademie. Zusammen mit dem Unitec Programm für darstellende und Filmkunst bringt die Schule die meisten professionellen Absolventen hervor.

Die Verbreitung des zeitgenössischen Tanzes

In den 1970ern kamen und gingen die experimentellen zeitgenössischen Ensembles. Die Gruppe Limbs mit eigenartigen oder soziopolitischen Themen war ein Jahrzehnt lang landesweit populär und tourte ins Ausland. Ihre jungen Tänzer und Choreografen wurden in den nächsten drei Jahrzehnten einflussreich.

Tanz exportieren

Neuseeland hat immer schon seine Tanztalente „exportiert“. Viele von ihnen kamen später zurück, um zukünftige Generationen auszubilden. In den 1980ern reisten Michael Parmenter und Douglas Wright nach New York. Parmenter tanzte mit Erick Hawkins und Stephen Petronio, Wright mit Paul Taylor und den britischen DV8. Bei ihrer Rückkehr verschmolzen sie diese Techniken mit ihrer bodenständigen, harten Körperlichkeit und ihren eigenen Inhalten und formten individuelle Ansätze. Wrights Virtuosität und Bodenarbeit sowie Parmenters auf Partnerarbeit fokussierter, erzählender Stil haben neuseeländische Tänzer und Choreografen stark beeinflusst, wie es in den Stücken etwa von Neil Ieremia und Raewyn Hill zu erkennen ist.

Daneben entwickelte sich ein leichterer, geistreicher Stil, etwa in den Arbeiten von Shona McCullagh und Daniel Belton. Beide haben internationalen Erfolg im Genre Tanzfilm. Ein unkonventioneller Humor, der charakteristisch für Neuseeländer ist, zeigt sich auch bei Malia Johnston, Kristian Larsen, Ann Dewey und Lyne Pringle. Integrative Tanzensembles wie Jolt oder Touch Compass sowie das seit langem bestehende reisende Ensemble Footnote bieten auf dem kulturellen Bildungssektor Choreografen wichtige Gelegenheiten zur Repertoire-Pflege.

Tanz im Herzen der Kultur

Eine Renaissance der Māori-Kultur seit den 1970ern hat auch zu der Gründung zeitgenössischer Tanzensembles geführt. Atamira Dance Collective ist die jüngste dieser Gruppen und bringt Stücke heraus, die von whakapapa (Familiengeschichten), Legenden und aktuellen Themen inspiriert sind.

Die darstellende Kunst auf Pasifika florierte in den 1990ern. Bereits in den 1960ern begann eine Migrationswelle von den Inseln, und Auckland wurde zum Zentrum für das moderne Pasifika. Tanz und Gesang befinden sich im Herzen dieser Kultur. Sie sind die Ausdrucksformen für Rituale, Zeremonien und va - allumfassenden Raum. Zeitgenössische Tanzensembles wie Ieremia‘s Black Grace und Lemi Ponifasio’s MAU befassen sich mit Traditionen, Fragen der Identität von Pasifika und politischen Themen.

Physische Isolation und finanzielle Zwänge

Seit den 1960ern bietet eine von der Regierung finanzierte Kunstinstitution Künstlern eine eingeschränkte finanzielle Unterstützung. 1994 hat Creative NZ durch sein Kunstgremium zusammen mit Te Waka Toi (Māori Kunstgremium) und dem Pacific Arts Committee Künstler dazu aufgefordert, mehr auf Wirtschaftlichkeit und Markt zu achten.

Im Land wachsen viele junge Tanzkünstler nach, die weiterhin Grenzen überschreiten. Physische Isolation und finanzielle Zwänge stellen zwar akute Hindernisse dar; trotzdem können sie auch positiv als Katalysatoren für eine Entwicklung von Individualität und Innovation gesehen werden, die nicht von internationalen Trends abhängt.
Francesca Horsley
schreibt über Tanz, ist Tanz-Kritikerin, -Redakteurin und -historikerin. Sie ist Redakteurin des landesweiten neuseeländischen Tanzmagazins DANZ Quarterly und Rezensentin für den New Zealand Listener, das führende Wochenmagazin zu aktuellen Themen und Kunst. Daneben lehrt sie in Programmen des dritten Bildungsweges.