Individualismus und Institutionsferne. Zum Tanz in Deutschland 1900 bis 2010
Von Franz Anton Cramer
Der Tanz hat sich in Deutschland trotz aller politischen und gesellschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts erstaunlich kontinuierlich zu einer großen Selbständigkeit entwickelt. Zwar haben die verschiedenen politischen Regimes – Kaiserreich (1871 bis 1918), Weimarer Republik (1918 bis 1933), Nationalsozialismus (1933 bis 1945), Staatssozialismus (1949 bis 1989), rechtsstaatliche Demokratie (seit 1949) – den Tanz unablässig beeinflußt und vereinnahmt, oft auch entstellt und gehemmt. Aber dennoch haben sich die großen libertären Linien, die dem Tanz der Moderne zu eigen sind, immer wieder fortgeschrieben.
Er zeichnet sich durch Individualismus und Institutionsferne aus. Diese beiden Aspekte findet man heute noch als wesentliche Merkmale, und sie galten auch schon in den 1920er Jahren. Die beiden bedeutendsten Pioniere des Modernen Tanzes in Deutschland, Mary Wigman (1886 – 1973) und Rudolf von Laban (1979 – 1958), unterschied Vieles. Gemeinsam war ihnen aber das unausgesetzte Bemühen, ihre eigene Praxis individuell zu definieren und sich eine weitgehende Unabhängigkeit zu bewahren. Als sie diese Unabhängigkeit schließlich aufgaben, um mit den nationalsozialistischen Behörden gemeinsame Sache zu machen, bezahlten beide: Laban ging 1937 ins Exil, Wigman beendete 1942 ihre Bühnenkarriere und verlor – bis 1946 – ihre Lehrerlaubnis und ihre Schule.
Zwischen Institution und Unabhängigkeit
Institutionelle Unabhängigkeit, das bedeutet im deutschen Kontext vor allem, nicht an einem der vielen staatlichen Theater zu arbeiten. Frei von den ästhetischen Vorgaben und den administrativen Zwängen, die jeder laufende Theaterbetrieb mit sich bringt, zogen es die modernen Tanzkünstler sowohl vor dem zweiten Weltkrieg wie auch danach vor, ihr eigenes Proben-, Trainings- und Unterrichtsstudio zu haben, ihre eigenen Tanzabende zu organisieren und niemandem gegenüber rechenschaftspflichtig zu sein.
Das bedeutete immer auch wirtschaftliche Risiken, und mancher Künstler ist an diesem Konflikt zerbrochen.
Dieses schwierige Verhältnis zur Institution haben allerdings insbesondere seit den 1960er Jahren einige Künstlerpersönlichkeiten zu ihrem Vorteil bewältigt. Denn wie etwa Pina Bausch 1974 oder William Forsythe 1981 übernahmen sie die Tanzabteilungen von gutbürgerlichen Opernhäusern (in Wuppertal und Frankfurt am Main), um dort gerade den finanziellen und institutionellen Schutz zu genießen, ihre Kunstform auszuarbeiten, zu individualisieren und, wie wir heute wissen, als bedeutenden Teil der kulturellen Landschaft zu festigen. Auch in Bremen oder Essen war die staatliche Förderung innovativer Tanztheater-Formen eine wesentliche Voraussetzung zur Herausbildung künstlerischer Exzellenz. Namen wie Johann Kresnik, Susanne Linke und Reinhild Hoffmann sind mit dieser Gründungsphase seit 1967 verknüpft.
In Berlin unternahm zuletzt Sasha Waltz den Versuch, im Rahmen eines staatlich geförderten Schauspieltheaters die Sparte Tanz zu verankern (Schaubühne Berlin, 1999 bis 2004). Daraus entstanden einige ihrer Meisterwerke (etwa Körper 2000 oder noBody 2002). Gleichwohl kehrte Sasha Waltz mit ihrer Company am Ende der Institution wieder den Rücken. Zu groß waren die administrativen Lasten, die künstlerischen Meinungsverschiedenheiten und das menschliche Konfliktpotential.
Tanzmoderne in der DDR
Im Gebiet der DDR war das außer-institutionelle Tanzschaffen dem Grundsatz nach politisch nicht geduldet. Wie alle anderen gesellschaftlichen Bereiche wurde auch der Tanz reglementiert und kontrolliert. Gleichwohl entstand 1966 im Ostteil Berlins mit dem Tanztheater der Komischen Oper unter Tom Schilling (geb. 1928) eine ganz eigene und neuartige Form der Klassikerpflege: Die großen Stoffe des Repertoires wie auch Ballett-Neuschöpfungen vermittelten zwischen der sozialistischen Lebenswirklichkeit und dem kulturellen Erbe des klassischen Tanzes. Mit der Wiedervereinigung im Herbst 1990 endete diese Ära eines moderaten sozialistischen Realismus, aber auch die Zeit einer lebendigen Volks- und Laientanzbewegung wie sie in der DDR über Jahrzehnte Tradition gewesen war.
Neues Bewusstsein für die eigene Geschichte
Seit etwa zwanzig Jahren existieren in Deutschland parallele Tanzwelten: Neben den großen Ballett- und Tanztheaterkompanien hat sich vor allem im Großraum Nordrhein-Westfalen, in Berlin und in Hamburg eine vitale unabhängige Tanzszene etabliert, die auf Prinzipien der Vorkriegsmoderne zurückgreift: individueller Bewegungsansatz, radikale Befragung der Formensprache, Abkehr von überlieferten Techniken. Gleichsam neu ist die Verknüpfung von Fragestellungen danach, was eine ‚Tanzaufführung’ im zeitgenössischen Kontext eigentlich sein soll oder sein kann. Neu ist auch das langsam wachsende Bewußtsein darüber, daß der „neue“ (wie man in den 1920er Jahren zu sagen pflegte) oder der „zeitgenössische“ Tanz (wie es nun heißt) mittlerweile eine reichhaltige Geschichte hat und daß die bloße „Neuerung“ nicht mehr ausreicht, sich im aktuellen Tanzgeschehen zu verorten.
Neue Präsentations- und Arbeitsformate
Mit der seit 1994 im Zweijahresrhythmus ausgerichteten „Tanzplattform Deutschland“, zu der von einer wechselnden Fachjury die ihrem Ermessen nach wichtigsten freien Tanzproduktionen eingeladen werden, ist ein Instrument geschaffen worden, das Kontinuität und Veränderung dokumentiert. Künstler wie Xavier Le Roy, Thomas Lehmen oder Eszter Salamon waren hier immer wieder eingeladen, ihre Arbeiten einem internationalen Fachpublikum zu zeigen. Angetreten in den 1990er Jahren, haben diese Künstler – wie auch Raimund Hoghe (der mittlerweile hauptsächlich in Frankreich arbeitet) oder Meg Stuart (die stets zwischen Brüssel, Zürich, Berlin pendelte) – sowohl die Arbeitsweisen als auch die ästhetischen Möglichkeiten von Tanz in Europa nachhaltig erweitert.
Koproduktion und Residenz
Zu dieser Erweiterung zählt auch ein Prozess der Internationalisierung. Viele Produktionen können nur entstehen, weil Theater, Festivals und Veranstalter aus mehreren Städten und Ländern Geld bereit stellen, um die künstlerische Arbeit zu ermöglichen. In Deutschland sind die Mittel für Freien Tanz in den letzten Jahren dabei kontinuierlich aufgestockt worden. In den Großstädten Hamburg und Berlin, in München und Frankfurt, in Köln und Dresden hat sich eine lebendige Tanzszene etabliert. Das Nationale Performance Netz fördert innerdeutsche Gastspiele. Die Förderinitiative Tanzplan Deutschland hat beispielsweise für das Choreographische Zentrum K 3 in Hamburg, für den Arbeitsverbund aus der Forsythe Company, der Semperoper Dresden und dem Internationalen Zentrum der Künste Hellerau sowie für das Künstler-Residenzprogramm an der fabrik Potsdam erhebliche Mittel bereitgestellt und erfolgreiche Arbeits-Strukturen mit aufgebaut. Über deren Fortführung in kommunaler Trägerschaft wird derzeit verhandelt.
Ausbildung und Studium
Im Zuge dieser Maßnahmen sind auch zahlreiche neue Initiativen im Ausbildungsbereich entstanden. So gibt es mittlerweile Bachelor- und/oder Masterstudiengänge in Tanz, Performance und Choreografie in Hamburg, Berlin, Gießen/Frankfurt und Köln. Parallel bestehen die traditionsreichen Tanzstudien-Programme, etwa an der Palucca Schule in Dresden und der Folkwang-Hochschule in Essen weiter.
Im Jahr 2010 ist die deutsche Tanzszene vielfältig und erstaunlich gut finanziert. Sie genießt Anerkennung und Aufmerksamkeit. Zwischen aufwändigen Repertoire-Aufführungen, international koproduzierten Avantgarde-Stücken, einer Vielzahl an radikalen Performance-Arbeiten und schließlich einem rasant wachsenden Interesse an Tanz als Mittel der Pädagogik erhält Tanz eine neue gesellschaftliche Wirkungskraft. Damit knüpft die Kunstform im Namen des Zeitgenössischen an ihre Gründungsphase in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts an.
ist Tanzwissenschaftler, Publizist und Kritiker. Wissenschaftliche Projektmitarbeit am Tanzarchiv Leipzig e. V. und am Centre National De La Danse, Frankreich. Seit 2006 Mitglied in der Arbeitsgruppe zur Entwicklung des Studiengangs „Zeitgenössischer Tanz, Kontext, Choreografie“ im Rahmen des Hochschulübergreifenden Zentrums Tanz Berlin. 2007 bis 2013 Forschungsgruppenleiter am Collège International de Philosophie in Paris.


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