Fokus

Eine Aufgabe, viele Facetten: Persönliche Erfahrungen mit dem Thema Tanzdramaturgie in Südostasien

  • Wonder Woman, Photo Courtey of Esplanade Theatres on the Bay Singapore
  • Above 40, Credit: Bernie Ng
  • Dancing with Death (Pichet Klunchun), Credit: Nattapol Meechart
  • 24 Frames, Carriageworks, 2015, Zan Wimberley
  • How Ngean Photo, Courtesy of Faculty of Fine and Applied Arts, Thammasat University

Ich habe die Dramaturgie erst spät für mich entdeckt. Lange Zeit davor hatte ich bereits in den verschiedensten Bereichen der darstellenden Kunst gearbeitet. Erst als ich meine Doktorarbeit schrieb und schon 15 Jahre in der darstellenden Kunst tätig gewesen war, hat sich mir dieses faszinierende Feld aufgetan, und das auch nur, weil ich gerade für meine Forschung zahlreiche kritische Beiträge und Essays zum Thema durchforstet hatte, obwohl ich eigentlich nicht gerade der Typ Hochschulabsolvent war, der sich gerne und hingebungsvoll mit diesem in der Contemporary Szene vieldiskutierten Thema beschäftigte. Als sich jedoch 2009 für mich die Chance ergab, sozusagen kopfüber in das Metier der Dramaturgie hineinzuspringen, war ich sehr positiv überrascht. Es war eine kleine vom Esplanade Theatre Singapur präsentierte Aufführung mit zwei klassisch ausgebildeten Tänzerinnen (eine indische Odisi Tänzerin sowie eine Vertreterin des kambodschanischen Tanzes), die über erste Erfolge in ihren jeweiligen Disziplinen berichteten. Diese recht simple Darbietung war keine bahnbrechende Neuerung auf dem Performance-Sektor, aber die Arbeit hat mich sehr neugierig gemacht. Ich wollte weiter beobachten, lernen, verstehen und die künstlerische Vision des Tänzers begleiten. Obwohl ich selbst keine eigene Aufführung einstudieren wollte, schien es mir aber sehr spannend, andere Leute bei ihren Ideen zu unterstützen.

Ich hatte einfach das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Seit 2010 gab das jährliche Tanzfestival Da:ns im Esplanade neue Produktionen im südostasiatischen Raum in Auftrag. Während der Arbeit an meiner Doktorarbeit an der National University in Singapur habe ich dann eine große Chance bekommen. Das Esplanade hatte Gespräche mit Pichet Klunchun aufgenommen, der 2011 in Singapur ein neues Stück zur Premiere bringen sollte und gerade hoch gehandelt wurde. Zur gleichen Zeit, als man im Esplanade nach einem Dramaturgen suchte, der Klunchun assistieren sollte, war ich auf der Suche nach einem Thema für meine Doktorarbeit. Zufällig sprach ich in diesem Zusammenhang mit dem Programmleiter des Da:ns Festivals Faith Tan, und im Zuge des Gesprächs wählte er mich für diese Tätigkeit aus. So kam es, dass ich 2011 Dramaturg für Klunchuns von Kritikern sehr gelobtes Stück Black And White wurde.

Das Esplanade hat meine Karriere als Dramaturg aber nicht nur in Gang gebracht, sondern mir auch weitere Tätigkeiten in diesem Bereich eröffnet. Im Jahr 2010 führte das Ensemble Cambodian Amrita Performing Arts dort eine Work-in-progress-Performance auf, nämlich deren jüngste Zusammenarbeit mit der Choreografin Emanuéle Phuon namens Khmeropedies I & II. Nachdem ich den Künstlern ein wenig Feedback zu ihrer Arbeit gegeben hatte, schlug Fred Frumbeg, der Leiter des Ensembles, vor, dass ich ja vielleicht bei einigen Teilen der noch unvollendeten Arbeit als Dramaturg tätig werden könnte. Kurz darauf traf ich die Choreografin Phuon, die auch der Meinung war, dass ich sicher einen wertvollen Beitrag zur Produktion leisten könnte. Wir stürzten uns sofort in die Arbeit, und für diese Gelegenheit war ich sehr dankbar. Daraufhin entwickelte ich einen kritischen Vergleich zwischen Klunchuns und Amritas verschiedenen choreografischen Ansätzen im Bereich Contemporary, womit ich meiner Doktorarbeit um einen wertvollen aktuellen Beitrag zu den Themen Moderne und Globalisierung bereichern konnte. Es war einfach perfektes Timing. Ich bin also 2011 ständig zwischen Bangkok und Phnom Penh hin- und hergeflogen, um abwechselnd an Black And White und Khmeropedies I & II zu arbeiten.

Ich habe in zweifacher Hinsicht an diesen Projekten gearbeitet, nämlich sowohl als Dramaturg als auch als wissenschaftlicher Forscher. Wie sich herausstellen sollte, haben sich die Kompetenzen in beiden Bereichen an einer entscheidenden Stelle gekreuzt: Als Dramaturg machte ich bei den Proben und Aufführungen nämlich gleich einem Ethnographen Beobachtungen und Notizen, regte Diskussionen und Fragen an. Was die Vielfalt meiner dramaturgischen Tätigkeiten betrifft, so hätte die Zusammenarbeit mit Klunchun und Phuon nicht verschiedener sein können. Ich habe mich beiden Künstlern zunächst einmal behutsam genähert und musste mich bei ihren Workshops und Proben erst einmal langsam in ihre Arbeit hineinfühlen. Unsere Wechselbeziehungen als Dramaturg und Choreograf musste sozusagen erst einmal ganz langsam aufblühen und wachsen.

Klunchun, der neue choreografische Ansätze des klassischen thailändischen Khon Tanzes probte, gefielt es, dass ich von Anfang an dabeisaß und seine Arbeit ständig hinterfragte. Der nicht enden wollende Fragenhagel war nötig, um die Arbeit zu verstehen, denn nur so konnte ich einen wertvollen Beitrag zu dem Stück leisten. Die Antworten lieferten zudem auch wertvolle neue Erkenntnisse für meine Doktorarbeit. Es ging dabei sowohl um technische und systemische Grundlagen seiner Choreografie als auch um ein tieferes Vordringen in Klunchuns Ansätze und Erzählstrukturen für Black And White. Wir entwickelten rasch eine enorme Vertrauensbasis, und Klunchun bat mich alsbald gezielt auch in vielen anderen Belangen um Rat. Eine solche vertrauliche Beziehung zwischen Choreograf und Dramaturg ist die Grundlage für all die offenen und kritischen Diskussionen, die das jeweilige Stück bzw. die Choreografie voranbringen. Für die Entwicklung einer solchen Beziehung ist es gut, von Anfang an bei einem Projekt dabei zu sein und damit bewusst den Moment mitzuerleben, in dem der Choreograf zum erstem Mal in das Thema eintaucht. So war es für mich ein großes Glück, bei Black And White von Beginn an mit Klunchun zusammenarbeiten zu können.

Emanuéle Phuon war von Anfang an offen und ehrlich zu mir. Sie vertraute mir gleich an, dass sie sich immer in erster Linie als Tänzerin verstanden hat und es nun eine große Herausforderung für sie war, für Amritas Khmeropedies I & II kreativ tätig zu sein. Sie ließ mich gleich wissen, dass sie froh war, dass ich sowohl bei der künstlerischen Schaffensphase als auch bei der Dramaturgie beratend zur Seite stehen würde. Ich hatte ja bis 2010 sowohl als Tänzer als auch als angehender Akademiker viel in diesem Bereich gearbeitet. Für Phuon war also klar, dass meine Theatererfahrung für Khmeropedies I & II von Vorteil sein würde, da das Stück ja auch viele Elemente des Theaters aufgreift, indem es die Geschichte junger klassisch ausgebildeter Tänzer aus Kambodscha bei ihren ersten Begegnungen mit Contemporary Dance erzählt.

Phuon hat außerdem klar formuliert, wie ich sie bei ihrer Arbeit unterstützen kann: Sie hat mir gleich gewissen Grenzen gesetzt, sprich, ich sollte ihr nicht in die Choreographie „hineinpfuschen”, sondern mich mehr auf die theatralischen und dramatischen Elemente konzentrieren. Hierbei hatte ich alle Freiheiten und ich konnte sogar körperlichen Einsatz bei den dramatischen Szenen zeigen, die als Verbindungsglied zu ihren choreografierten Elementen fungieren sollten. Die letzte Abnahme der Szene lag natürlich bei Phuon. Für mich war dies eine ganz neue dramaturgische Erfahrung.

Diese beiden frühen professionellen Erfahrungen haben meinen dramaturgischen Ansatz sehr geprägt und treten in jeder neuen Arbeit zutage. Ich erkenne immer wieder, wie wichtig ist es, bei jedem Projekt erst einmal eine künstlerische, professionelle und oftmals auch soziale Bindung als Basis für die Zusammenarbeit aufzubauen. Darüber hinaus ist es aber auch enorm wichtig, dass man seine Rolle als Dramaturg stets flexibel gestaltet und immer wieder neu überdenkt. Offiziell bleibe ich zwar Dramaturg, aber als dieser sind meine Rollen bei jedem Projekt anders ausgelegt: Mal bin ich Forscher, Fragensteller oder Co-Choreograf, dann wieder Mitarbeiter, Werbetexter (vor allem bei Presse- und Programmtexten) und Drehbuchautor oder auch Mediator und Vermittler zwischen Choreograf und andern Künstlern, z.B. Beleuchtern und Sounddesignern. Und manchmal bin ich sogar Seelsorger – immerhin habe ich mich einen Monat lang um Klunchuns Tänzer gekümmert, als sie fast einen Monat lang in Singapur Black And White einstudierten und ihre Heimat und die dortige Thai-Küche sehr vermissten.

Diese ganzen intensiven und vielfältigen Erfahrungen in der darstellenden Kunst haben mein Verständnis meiner Rolle als Dramaturg enorm geprägt. Natürlich ist mir dabei bewusst, dass es viele andere Dramaturgen gibt, die bestimmt ganz anders arbeiten als ich. Was mich bei meiner Arbeit am meisten fasziniert, ist es, aus vielen kleinen Teilen ein großes Ganzes entstehen zu lassen. Das ist eine wirklich große und vielschichtige Herausforderung, bei der auch viele andere künstlerische und choreografische Aspekte zu berücksichtigen sind, von den ganzen anfallenden Arbeiten im Bereich Produktionsmanagement und Verwaltung ganz abgesehen.

In den vergangenen zwei Jahren wurde es mir auch immer wichtiger, in Erfahrung zu bringen, welches Selbstverständnis eigentlich die Kollegen in der Region haben. „Was seid Ihr?“, „Was tut Ihr eigentlich?“ und „ Wie stellt Ihr es an?“, das wollte ich konkret von ihnen wissen. Da ich auch viel mit Choreografen aus Südostasien gearbeitet habe, wollte ich von diesen auch erfahren, welche anderen Dramaturgen jeweils in der Region tätig waren. Ich verspürte ganz klar den Drang, mich mit anderen Dramaturgen in der Gegend zu vernetzen und mich mit Gleichgesinnten auszutauschen.

Damit war das Asian Dramaturgs’ Network (ADN) geboren. Ich bereite gerade das erste Treffen mit Symposium in Singapur vor, das in Singapur stattfinden wird. Mein Ziel ist es, mit ADN ein Netzwerk sämtlicher Dramaturgen zu etablieren, denn es sind ja eben jene Menschen, die das Gesicht der Branche gestalten, formen und immer wieder neu interpretieren. Diesen Einzelpersonen soll ADN ein Forum zum regen Austausch bieten.

Sieben Jahre und acht abendfüllende Projekte später haben meine Abenteuer in der Welt der Tanzdramaturgie immer noch denselben Motor: Sie beruhen auf meinen persönlichen Erfahrungen und zu einem gewissen Teil auch auf intellektueller und akademischer Arbeit im Bereich der Bühnenkunst – und auch auf der Tatsache, dass ich mich diesem Bereich in den letzten Jahren ausschließlich und ausgiebig gewidmet habe. Natürlich beschäftige ich mich auch mit wissenschaftlichen Abhandlungen über den hier gerade erst aufkeimenden Bereich des Contemporary Dance. Doch als Dramaturg denken kann ich letztlich nur dadurch, dass ich als Dramaturg arbeite.

How Ngean hat 2014 seine Doktorarbeit abgeschlossen, in denen auch die Arbeiten von Klunchun und Phuon sowie ihre Rolle im Bereich Contemporary Dance und Globalisierung in der Region ausführlich dargestellt werden. How Ngean ist außerdem der Begründer des Asian Dramaturgs’ Network (ADN). Die Auftaktveranstaltung des Netzwerks mit Symposium findet vom 23. bis 24. April 2016 in Singapur statt. Mehr Informationen auf www.facebook.com/asiandramaturgs. Anfragen an: info@asiandramaturgs.com

     

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