Fokus

Dramaturgen antworten

  • Credit: Daniel Kok und Bernie Ng
  • Eko Supriyanto, Credit: Hideto Maezawa und David Fajar
  • Pichet Klunchun, Credit: Wayla Amatammachad und Nattapol Meechart
  • Arco Renz, Credit: Jean-Luc Tanghe e
  • Jitti Chompee, Credit: Lek Kiatsirkajorn
  • Shaun Parker, Credit: Curtesy of Shaun Parker Company, Blue Love

Daniel Kok

„In den vergangen Jahren habe ich mich ausgiebig mit den Bewegungsformen einer Strip-Tänzerin (Pole Dancer) als Bühnenfigur beschäftigt. Auch auf andere Figuren, etwa den Cheerleader oder den Bondage Master, habe ich mich bereits bezogen. Dazu habe ich den Begriff „Stripper Art“ eingeführt, der die Art und Weise einer Darstellung bezeichnet, die sich mit den Begriffen Verlangen und Machtgefüge innerhalb der Performance bzw. der Zuschauerperspektive beschäftigt, in den aber auch die Sprache des wirtschaftlichen Austauschs sowie der Genderdebatte bzw. sexueller Normen mit hineinspielt. Als archetypische Darstellungsform ist eine Stripperin (Pole Dancer) eine Solokünstlerin. Ihr Körper und ihre Wirkung wird durch den Blick des Publikums auf die Tänzerin reflektiert, sprich, es geht weniger darum, wer sie ist und was sie macht, sondern darum, was man sieht und wie die Frau angesehen wird. Eine Choreografie, die sich mit den visuellen Gesetzen der Publikumsperspektive befasst, muss stets den Dialog mit dem „Auge des Betrachters“ suchen (die wohl gängigste Bezeichnung für den Dramaturgen im Bereich Contemporary). Der Tanz, den man als Zuschauer erlebt, kann nur entstehen, wenn ihn jemand von außen betrachtet. Die Perspektive des Betrachters ist der Kern der Choreografie. Das „Auge des Betrachters“ ist für mich jedoch nicht nur eine Person, die dem Künstler Feedback oder Hintergrundinformationen zum historischen Kontext des Stücks liefert. Der Dramaturg ist vielmehr ein Kamerad, der den alleinigen und oftmals einsamen Arbeitsprozess des Künstlers begleitet. Sie kennen den Künstler in- und auswendig, sehen den gesamten Entstehungsprozess und schauen am Ende wieder nur auf den Künstler, um diesem zu spiegeln, wie er von außen wirkt. Wie Echo, der im Tal auf Narziss aufpasst und selbst nicht spricht, bleibt der Künstler der alleinige Autor. Trotzdem ist ihre Beziehung von Verlangen bzw. dem Mangel daran geprägt. Echo wiederholt die Äußerungen des Künstlers, der jedoch nur in seiner eigenen Schönheit schwelgt. Die künstlerische Arbeit in der Strip-Performance liegt meiner Meinung nach in der entstehenden Beziehung bzw. dem Raum zwischen der Tänzerin und ihren Zuschauern, zwischen Echo und Narziss bzw. dem Dramaturgen und dem Darsteller. Im Zentrum der Tanzdarbietung stehen immer das Begehren, das geteilt bzw. nicht geteilt wird; die Dinge, die gesagt und nicht gesagt, gesehen oder gespürt werden und das Erregt sein und Nichterregt sein.“

Eko Supriyanto

„Ein Dramaturg ist für mich nicht nur ein kompetenter Arbeitspartner. Er ist auch jemand, der sich die Choreografie von außen anschaut und auf dessen Meinung ich während des gesamten Schaffensprozesses voll und ganz vertrauen kann. Ein Dramaturg macht mir Vorschläge und stellt mir Aufgaben, kurz, er ist mir dabei behilflich, mich in viele verschiedene Richtungen zu entwickeln. Dazu gehört nicht nur die Choreografie, sondern auch die Musik und die Szenografie.“

Pichet Klunchun

„Ein Dramaturg wirft von außen einen Blick auf die Choreografie und den Entstehungsprozess eines Stücks. So kann er aus verschiedenen Perspektiven heraus ein Feedback geben. Oftmals ist dem Choreografen nicht klar, wo bei seinem Stück das Hauptaugenmerk liegen sollte oder er schenkt einigen Teilen des Stücks zu wenig Beachtung. Hier sind die Kommentare eines Dramaturgen sehr hilfreich, damit der Choreograf sich wieder auf die Essenz seiner Arbeit besinnen kann. Der Dramaturg ist also gewissermaßen das ‘dritte Auge‘ des Choreografen.“

Arco Renz

„Die Dramaturgie ist ein rhythmischer Prozess, der eng mit der Arbeit des Choreografen und des gesamten Kreativteams einhergeht. Ein Dramaturg erkennt, verbindet, gibt Impulse und deckt neue Potentiale auf. Dies kann auf viele verschiedene Arten passieren, je nachdem, wer mit wem wo, wann, wie und warum zusammenarbeitet.“

Jitti Chompee

„Ich glaube, der Dramaturg hilft einem dabei, sich zu organisieren, zu ordnen und zu strukturieren und so die einzelnen Stücke zu einem Ganzen zusammen zu weben. Er hilft dem Choreografen durch seinen ganz eigenen Blick auf Bewegungen, Gesten, Stille und körperliche Unstimmigkeiten. Allerdings glaube ich auch, dass man ein Stück nicht zu sehr hinterfragen sollte. Manchmal reichen auch schon eine klar strukturierte Idee und tolle Darsteller, um eine beeindruckende Performance zu schaffen.“

Shaun Parker

„Ich arbeite nun schon seit acht Jahren mit der Dramaturgin Veronica Neave zusammen. Kennengelernt haben wir uns als Darsteller in einem Stück von Kate Champion, das wir selbst erarbeitet haben, woraus sich eine intensive und langjährige Dramaturgen-Choreorafen-Beziehung entwickelt hat. Man muss eben den oder die Richtige finden. Veronica hat einen reichen Erfahrungsschatz, aus dem sie schöpfen kann – sie hat viele Jahre als Schauspielerin und Autorin gearbeitet und auch im Bereich Körpertheater viele eigene Konzepte entwickelt. Sie ist der Resonanzboden für meine Arbeitsprozesse und Ideen und gibt mir stets zu den entscheidenden Fragen meiner Inszenierung wohlüberlegten Rat und Hilfestellungen. Wann immer ich mit Texten arbeite, mache ich mir ihre Erfahrung als Autorin zunutze, um die Ursprungsidee noch weiter zu differenzieren und auszugestalten. Ein guter Dramaturg behält immer die eigentliche Vision des Choreografen im Blick, die er stärken möchte, ohne sie jedoch zu verzerren oder sich gar selbst aneignen zu wollen. Es ist ein großes Glück, mit einem so kreativen Menschen wie Veronica Neave zusammenarbeiten zu dürfen.“

     

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