Jitti Chompee

Interview mit Jitti Chompee


Jasmine Moir im Gespräch mit Jitti Chompee
Hanoi, Vietnam, 17. Mai 2016

Geben Sie unseren Lesern doch einmal einen Einblick in Ihre jüngsten choreografischen Arbeiten: Was inspiriert Sie? Haben Sie bei der Erarbeitung einer Choreografie eine bestimmte Methode?

Meine derzeitige Arbeitsweise hat sich 2014 herausgebildet, wo ich durch die französische Botschaft in Thailand für kurze Zeit Artist-in-Residency in Paris sein durfte. Ich hatte eigentlich keine besonderen Erwartungen, wollte einfach nur meinen choreografischen Horizont erweitern. Ich hatte weder Tänzer, mit denen ich arbeiten konnte, noch ein Studio. Im Grunde wusste ich also gar nicht, was ich tun sollte. Also ging ich in Museen, wo mich die kubistischen Bilder Picassos gleich gefangen genommen haben. Zurück im Bangkok wollten mir die falsch angeordneten Körper- und Gesichtsteile einfach nicht aus dem Kopf gehen. Ich habe mir daraufhin traditionelle Thai-Gemälde mystischer Kreaturen aus dem Wald Himavanta angeschaut, die auch deplatzierte tierische und menschliche Körperteile aufweisen. Auch diese Werke fand ich faszinierend. Seither sind mythische Figuren und ungewöhnliche, deformierte, oft sogar kopflose Körper ein wiederkehrendes Motiv in meinen Choreografien.

Die Begegnung mit solchen eindrucksvollen Bildern hat auch mein Interesse an der Fotografie geweckt, die inzwischen sogar der Ausgangspunkt für meine Konzeption von Bewegung ist. Ich habe angefangen, Fotografien aus Kunstmagazinen zu sammeln und mit Bildkünstlern zusammenzuarbeiten, um mehr über die Bildkomposition zu lernen. Im vergangenen November habe ich das Unfolding Kafka Festival in Bangkok geleitet und dabei die einmalige Chance bekommen, mit dem französischen Künstler Laurent Goldring zusammenzuarbeiten. Die minimalistische Schönheit seiner Bilder und seine Art, scheinbar belanglose Gegenstände auf einerseits sehr einfache, aber dennoch unerwartete, schnörkellose und berührende Weise darzustellen, haben mich sehr inspiriert. Ich hoffe, dass das Publikum beim Betrachten meiner Arbeit ähnlich fühlt. Es mag vielleicht keine feste Methode sein, aber aus Bildern heraus Choreografien entstehen zu lassen, das scheint gut zu funktionieren. Meine Tänzer sind so noch involvierter in die Stücke und können sich bei der Erarbeitung der Choreografie mehr einbringen.

Heißt das, dass Sie sich mit Ihren Tänzern zunächst Bilder anschauen und dann daraus gemeinsam eine Choreografie entwickeln?

Nein. Auch wenn es sich komisch anhört, meine Tänzer sollen in der ganz frühen kreativen Phase keine Bilder anschauen, um ihre Empfindungen nicht darauf zu begrenzen, was sie sehen. Ich möchte nicht, dass sie einfach Stillleben in Tanzposen oder Bewegungen übersetzen. Die Bilder sind nur für mich, damit ich eine erste Vision für eine Choreografie bekomme. Meine jüngste Arbeit wurde etwa zum Teil von einer Fotografie inspiriert, die einen Mann und eine Frau zeigte, die an den Beinen mit schwarzen Kabeln zusammengebunden waren. Ich habe das Bild für meine Zwecke genutzt, indem ich zwei meiner Tänzer an verschiedenen Körperstellen miteinander festband und sie versuchen ließ, sich trotzdem synchron zu bewegen. Während diese mit verschiedenen Bewegungen experimentierten, habe ich Körperstellungen beobachtet, die gut zu ihren Größen- und Figurunterschieden passten und ein paar besonders eindrucksvolle Momente herausgearbeitet. Ich habe übrigens noch eine weitere Eigenart, die vielleicht ungewöhnlich für einen Choreografen ist: Ich sage ihnen immer, dass sie ihren Körper nicht durchdrücken sollen, wenn sie gerade eine enormen Kraftakt ausüben. Tänzer wollen immer ihre physischen und geistigen Grenzen austesten. Ich möchte jedoch nicht, dass in unseren Shows irgendeine Form von Anstrengung zu sehen ist. Die Tänzer sollen nicht ihr Limit überschreiten, um ihr Ziel zu erreichen, sondern stattdessen innehalten und nach einem Weg suchen, das gleiche auf mühelose Weise auszudrücken. Solange vor der Premiere noch Zeit ist, gibt es immer die Möglichkeit, solchen neuen Wege zu erkunden.

Worum geht es in Ihrer nächsten Produktion Red Peter? Die Premiere soll ja im Juni in Den Haag sein. Wie ist es dazu gekommen?

Leo Spreksel, der Leiter des Korzo Theaters in Den Haag, sprach mich an, nachdem er Fotos meiner früheren Produktionen gesehen hatte. Daran sieht man mal wieder, wie wichtig aussagekräftige Bilder sind. Ohne diese Fotos wäre ich wohl nie als Artist-in-Residency in dieses Theater eingeladen worden. Spreksel findet es interessant, wie ich Elemente aus dem Thai-Tanz in meine Contemporary-Choreografien integriere und lässt mir die Freiheit, mit dieser Gestaltungsart weiter zu experimentieren. Inspiriert wurde Red Peter von Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie”, eine Kurzgeschichte über einen Affen, der gelernt hat, sich wie ein Mensch zu benehmen. Es gibt klare Parallelen zwischen dieser Figur und dem Affen im klassischen thailändischen Maskentanz Khon. Darum habe ich mich auch für einen Tänzer entschieden, der für die Rolle des Affen traditionell ausgebildet wurde. Ich möchte dabei gar nicht die Techniken des Khon vorführen und habe mir auch nicht ausgerechnet, wieviel Prozent Khon oder westlicher Contemporary Dance aufgeführt werden soll. Vielmehr interessiert mich, wie der Tänzer diesen Affenmenschen ohne die Maske des Khon allein mit seinem Körper darstellen kann. Red Peter ist daher keine Produktion im eigentlichen Sinne, sondern eher die Präsentation einer künstlerischen Forschungsarbeit. Es gibt auch keine Karten für das Stück. Das Theater will zunächst sehen, ob die Inszenierung genug Potential hat, um später ins Programm aufgenommen zu werden, und das Publikum soll erst einmal mit der Denk- und Arbeitsweise eines internationalen Künstlers in Berührung kommen.

Offenbar ist man in Europa sehr offen für Experimente. Wie ist die Situation Ihrer Erfahrung nach dagegen in Thailand?

Es gibt in Thailand zwar kaum finanzielle Unterstützung für die Sparte Contemporary Dance, aber die Szene ist spürbar im Aufbruch. Wir müssen uns einfach untereinander vernetzen und alternative Auftrittsmöglichkeiten finden, statt einfach nur still darauf zu warten, dass die Theater uns einladen. Ich habe schon in einem Kaufhaus, einem Hotel und sogar in einem leeren Swimming-Pool mit Unterstützung der Besitzer des Anwesens Stücke inszeniert. Solche ungewöhnlichen Auftrittsorte machen die Aufführungen natürlich noch interessanter. Die Tänzer sind heutzutage noch besser ausgebildet und offener als früher, und auch das Publikum lässt sich inzwischen leichter auf neue Ansätze ein. Ein paar 60-jährige Damen sind überhaupt nur zu meinen Shows gekommen, weil sie Fans meiner Tänzer und ihrer Khon Darbietungen im Staatstheater sind. Meistens sagen sie, dass sie zwar nicht genau wissen, worum es in meinen Stücken geht, aber dass sie gerne wiederkommen, weil sie die Tänze so schön finden und glauben, damit ein besseres Verständnis für Contemporary Dance zu bekommen. Ich finde das sehr liebenswert und inspirierend. Diese wunderbaren Damen gehören inzwischen zu meinem Stammpublikum.

Jitti Chompee, Artistic Director, 18 Monkeys Dance Theatre:
www.18monkeysdancetheatre.com

Das Residency Projekt 2016 mit dem Korzo Theatre wird durch die niederländische Kylián Stiftung ermöglicht.

Die Middle School Lehrerin Jasmine Moir arbeitet als Tanz- und Schauspiellehrerin in Teilzeit an der United Nations International School Of Hanoi. Sie ist Mitglied der International Association Of Theatre Critics (IATC) beim Thailand Centre und schreibt Rezensionen im Bereich Tanz und Theater für die englischsprachige Tageszeitung The Nation in Bangkok.

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