Interview Choy Ka Fai

Interview mit Choy Ka Fai


Choy Ka Fai führte im Rahmen von „Tanz im August“ in Berlin 2014 ein Gespräch mit Karlien Meganck vom deSingel in Antwerpen.

© Choy Ka FaiChoy Ka Fai im Interview


Sie arbeiten im Bereich Contemporary Dance und Performance. Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen?

Ich habe in Singapur eine Ausbildung zum Videokünstler absolviert. Aber schon zu Collegezeiten, etwa ab 2004, habe ich angefangen, Performances auszuarbeiten und dabei auch viel mit Tänzern zusammengearbeitet. Ich habe mich auch im Bereich Physcial Theatre ausbilden lassen. Schließlich wurde ich stellvertretender Direktor bei Theatre Works in Singapur. Meine Arbeit ist hier drei oder vier Jahre lang unter diesem Namen aufgeführt worden. 2009 habe ich dann beschlossen, nach London zu gehen und dort Design zu studieren.

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Können Sie uns Näheres über Ihr aktuelles Projekt Soft Machine verraten?

Soft Machine („Weiche Maschine“) ist eine Studie zum Thema Tanz, die sich mit Zeitgenössischem Tanz in Asien befasst. Eigentlich ist das Ganze Teil einer Trilogie. Der erste Teil hieß Prospectus For A Future Body („Anleitung für zukünftige Bewegungsabläufe“). Im Fokus stand hier vor allem die Technik. Es ging um alternative Möglichkeiten zur Archivierung und Dokumentation tänzerischer Bewegungen. Ich habe versucht, mit Hilfe von elektronischen Stimulatoren und Muskelsensoren Tanzbewegungen in digitaler Form festzuhalten. Damit kann ein Tänzer z.B. auch zehn Jahre später noch die Arbeit eines großen Choreographen nachahmen. Daraus ist auch die Arbeit Dance Fiction („Tanzfiktion“) entstanden. Danach kam plötzlich die Frage auf: Was kommt als nächstes? Bis jetzt hatte ich mir eigentlich nur den Körper als solchen näher angeschaut. Auf einmal war ich aber auch neugierig darauf, wie ein Choreograph eigentlich denkt, und der Grundgedanke zu Soft Machine war geboren. Der Titel ist an den Roman Soft Machine von William Burroughs angelehnt, der quasi aus ausgeschnittenen und neu zusammengefügten Teilen verschiedener anderer Romane besteht. Für mich ist der Körper auch so eine Soft Machine: Auch er nimmt an einer Stelle etwas weg, fügt es woanders ein und lässt damit eine neue Maschine entstehen. Der menschliche Körper ist ein Sammelsurium verschiedenster Technologien, die wir noch viel weiter untersuchen müssen. Aber noch etwas Anderes hat in diese Idee mit hineingespielt: In dem Londoner Tanztheater Sadlers Wells gab es 2011 eine Serie namens Out of Asia. The Future Of Contemporary Dance („Asiatische Einflüsse – Die Zukunft des Zeitgenössischen Tanzes”). Als ich das fünfminütige Werbevideo dazu sah, war ich entsetzt und fasziniert zugleich. Von ungefähr zehn Künstlern stammten nur zwei aus Asien. Viele, etwa Akram Khan, waren zwar asiatischer Abstammung, aber eben gebürtige Briten. Das brachte mich ins Grübeln. Ich wollte nicht nur erfahren, was aus Asien kommt, sondern wie es in Asien aussieht. Was der Westen für eine Auffassung von Asien hat, interessiert mich nicht so sehr. Akram Khan hat einmal gesagt, dass der Körper eines Asiaten von Natur aus spirituell ist. Da habe ich mich sofort gefragt: „Der Körper eines Asiaten? Was genau meint er damit? Immerhin gibt es mehr als 48 Länder in Asien!“ Diese Überlegung war auch der Anstoß für meine Expedition durch Asien.

Können Sie noch genauer erklären, wie Sie im Einzelnen bei Soft Machine vorgegangen sind?

Angefangen habe ich in Japan, in der Dance Box in Kobe, wo ich unter Vertrag war. Ich habe mich dort viel mit Künstlern unterhalten. Über die japanische Performancekunst wusste ich bereits einiges, schließlich war es das in den 80er Jahren sehr angesagte Künstlerkollektiv Dumb Type, das mich überhaupt erst darauf gebracht hat, Künstler werden zu wollen. In Japan wollte ich mich also vor allem auf dem Thema Anxiety Of Influcence („Das Verlangen nach Vorbildern”) widmen. Sowohl Butoh als auch Dumb Type üben bis heute auf japanische Künstler einen enormen Einfluss aus. Ich habe die Künstler aus Japan nicht nur interviewt, sondern auch immer ihren biografischen Background gezeigt; dazu gab es Gespräche über die Entwicklung der Tanzszene der vergangenen zehn Jahre. Stellvertretend für jedes Land habe ich immer 20 Künstler aus dem Bereich Tanz vorgestellt. Dabei bin ich absichtlich nicht in die Hauptstädte gegangen, sondern in kleinere Städte. In den meisten Hauptstädten trifft man auf Künstler, die eigentlich woanders herkommen, in den Kleinstädten dagegen mehr Menschen von hier. So stehen bei mir Kyoto und Osaka für Japan und nicht Tokio. Neben Japan habe ich noch die Länder China, Indonesien, Indien und Singapur porträtiert.

Was genau werden Sie mit diesen Studien anfangen?

Mein erster Gedanke war, in jedem Land eine Performance durchzuführen. Aber im Lauf der Recherchen ist mir immer mehr bewusst geworden, was ich dort eigentlich tat. Ich habe gemerkt, wie wichtig es war, mit all diesen Leuten zu sprechen und wollte die gesammelten Informationen in einer Art unabhängigem Archiv zusammenstellen. Dazu habe ich eine Online-Plattform geschaffen. Ich werde jedes der ca. 40 bis 60 Minuten langen Interviews online stellen. Darüber hinaus wird es stellvertretend für jedes der fünf Länder auch noch eine Performance geben. Der Künstler, der dort zu sehen ist, wird ebenfalls noch porträtiert.

Noch eine abschließende Frage: Was genau bedeutet der Begriff „zeitgenössisch” für Sie?

(lacht) Genau diese Frage habe ich auch allen Künstlern gestellt, die ich interviewt habe! Jede Stadt und jedes Land stellt die Begriffe „zeitgenössisch“ und „Tanz“ vor seinem ganz eigenen kulturellen Hintergrund miteinander in Bezug. Meine eigene Meinung dazu ist ganz einfach: „zeitgenössisch“ bedeutet, „was jetzt gerade passiert“ und „in diesem Moment den Künstler gerade interessiert.“

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